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Wissenschaft lebt vom Zweifel. Und von der Bereitschaft, bestehendes Wissen immer wieder zu hinterfragen, Hypothesen zu überprüfen und Erkenntnisse zu korrigieren, wenn neue Daten vorliegen. Genau deshalb ist unabhängige Wissenschaft eine der wichtigsten Grundlagen moderner Gesellschaften. Anders als Politik, Wirtschaft oder Interessenvertretungen verfolgt Wissenschaft idealerweise kein vorgegebenes Ergebnis und Ziel ist nicht, eine bestimmte Meinung zu bestätigen, sondern möglichst nahe an die Realität zu kommen.

Wissenschaftliche Erkenntnis entsteht dort, wo unterschiedliche Sichtweisen aufeinandertreffen, Daten offen diskutiert und Ergebnisse kritisch geprüft werden können. Gerade die Medizin zeigt, wie wertvoll dieses Prinzip ist. Viele Fortschritte, die heute selbstverständlich erscheinen – von Impfungen über moderne Krebstherapien bis hin zu kontinuierlicher Glucosemessung und automatisierten Insulinsystemen – sind das Ergebnis jahrzehntelanger unabhängiger Forschung. Innovation entsteht selten durch Gewissheit, sondern durch die Freiheit, Fragen zu stellen.

Dabei ist Wissenschaft keineswegs unfehlbar – im Gegenteil. Ihre Stärke liegt darin, Irrtümer zu erkennen, sich selbst zu korrigieren und daraus zu lernen. Über Jahrzehnte galt beispielsweise als medizinische Lehrmeinung, dass Magengeschwüre vor allem durch Stress, Nervosität und übermäßige Säureproduktion entstehen. Erst die australischen Forscher Barry Marshall und Robin Warren konnten nachweisen, dass in den meisten Fällen das Bakterium Helicobacter pylori die Ursache ist. Anfangs wurden sie belächelt, später erhielten sie für ihre Arbeit den Nobelpreis. Ähnlich verhielt es sich in der Diabetologie: Vor der Entdeckung von Insulin wurde Menschen mit Diabetes körperliche Schonung empfohlen. Heute wissen wir, dass Bewegung zu den wichtigsten therapeutischen Säulen der Behandlung gehört.

Es ist diese Fähigkeit zur Selbstkorrektur, die Wissenschaft so wertvoll macht. Voraussetzung dafür ist allerdings ein Umfeld, in dem Forscherinnen und Forscher ohne politischen, wirtschaftlichen oder ideologischen Druck arbeiten können. Genau dieses Umfeld scheint zunehmend unter Druck zu geraten. Beim diesjährigen ADA-Kongress in New Orleans wurden gleich am ersten Kongresstag mehrere anerkannte Diabetesforscher, darunter der Chefredakteur des renommierten Journals Diabetes Care, Steven Kahn, von Sicherheitskräften aus dem Kongresszentrum begleitet und von der weiteren Teilnahme ausgeschlossen. Anlass war die Verteilung eines kurz zuvor veröffentlichten Editorials, das die Auswirkungen aktueller politischer Entscheidungen auf die biomedizinische Forschung in den USA kritisch beleuchtet hatte.

Der Vorfall selbst ist dabei fast weniger bemerkenswert als das, worum es inhaltlich ging. Die Autoren des Editorials warnen vor massiven Kürzungen bei den National Institutes of Health (NIH), einem drastischen Rückgang von Förderprogrammen, dem Verlust wissenschaftlicher Expertise und einer zunehmenden politischen Einflussnahme auf Forschungsstrukturen. Ihre Sorge: Die Vereinigten Staaten könnten ihre jahrzehntelange Führungsrolle in der Gesundheitsforschung und medizinischen Innovation verlieren.

Die American Diabetes Association betont, dass die Maßnahmen ausschließlich aufgrund eines Verstoßes gegen Kongressrichtlinien erfolgt seien und nicht wegen der vertretenen Positionen. Dennoch bleibt ein ungutes Gefühl zurück. Wenn führende Wissenschaftler wegen der Verbreitung eines wissenschaftlichen Editorials von einem Fachkongress ausgeschlossen werden, wirft das Fragen auf – unabhängig davon, wie man die formalen Abläufe bewertet.

Für viele internationale Teilnehmer stand deshalb weniger die Frage im Raum, wer gegen welche Regel verstoßen hat. Vielmehr ging es um die grundsätzliche Sorge, wie unabhängig Wissenschaft künftig noch arbeiten kann, wenn sie zunehmend in politische Auseinandersetzungen hineingezogen wird.

Wer diese Entwicklung ausschließlich als amerikanisches Problem betrachtet, sollte vorsichtig sein. Wissenschaftliche Freiheit, unabhängige Forschung und ein offener Diskurs sind keine Selbstverständlichkeiten. Sie müssen immer wieder verteidigt werden – auch bei uns in Europa. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, was heute in den USA geschieht, sondern wie widerstandsfähig unsere eigenen wissenschaftlichen und demokratischen Strukturen tatsächlich sind.

In der Diabetologie erleben wir täglich, wie sehr Fortschritt von Forschung, Daten, Innovation und internationaler Zusammenarbeit abhängt. Die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte wären ohne das Zusammenspiel von Grundlagenforschung, klinischer Forschung, Versorgung und Industrie nicht möglich gewesen. Millionen Menschen profitieren heute von Therapien und Technologien, die einst aus wissenschaftlicher Neugier entstanden sind.

Unabhängige Wissenschaft ist kein Luxus und auch kein Privileg einer akademischen Elite, sondern eine Investition in bessere Gesundheit, mehr Wohlstand und gesellschaftlichen Fortschritt. Sie hilft uns, Fakten von Meinungen zu unterscheiden, Risiken realistisch einzuschätzen und fundierte Entscheidungen zu treffen. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung ist das wichtiger denn je. Denn am Ende geht es nicht darum, welche Position sich durchsetzt. Entscheidend ist, welche Erkenntnisse sich als richtig erweisen. Die ADA hat nun angekündigt, sich nach Abschluss der Tagung mit den Beteiligten treffen zu wollen, geht es doch schließlich um die führenden Köpfe der größten Organisation unseres Fachgebiets.

Bei den Themen der Woche stellen wir eine interessante Aufgabe für den Einsatz von KI in der Praxis vor, berichten dann von einer wichtigen Diabetes-Veranstaltung in Berlin, die der Tagesspiegel ausgerichtet hatte und stellen zum Schluss aktuelle Ergebnisse der Frage des Monats vor. Auf geht’s!

KI als Antragshelfer – wäre das eine Entlastung für Diabetesschwerpunktpraxen? Noch wird der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Medizin im Zusammenhang mit Diagnostik, Therapieentscheidungen oder der Auswertung großer Datenmengen diskutiert. Dabei liegt eines der größten Potenziale möglicherweise an einer ganz anderen Stelle, nämlich bei der Entlastung von bürokratischen Routineaufgaben. Gerade in Diabetesschwerpunktpraxen bindet die Erstellung von Anträgen für CGM- und AID-Systeme sowie die Bearbeitung von Widersprüchen erhebliche personelle Ressourcen. Kann KI hier unterstützen? Wir haben die Frage einer KI gestellt und die Ergebnisse waren bemerkenswert:

Support durch KI bei der Erstellung von Anträgen für CGM- und AID-Systeme

Frank Best, Essen und Lutz Heinemann, Düsseldorf

Für eine Diabetesschwerpunktpraxis (DSPen) gibt es einen erheblichen Aufwand für die Erstellung von Anträgen auf Versorgung mit CGM- und AID-Systemen, das gilt in einem besonderen Maße für die Bearbeitung von Widersprüchen. Die Zusammenstellung der erforderlichen medizinischen Daten, die Begründung der Notwendigkeit und die formale Ausgestaltung der Anträge kosten viel Zeit, ohne dass dadurch ein zusätzlicher medizinischer Nutzen für die Versorgung entsteht.

Kontinuierliches Glucosemonitoring (CGM) hat die Versorgung von Menschen mit Diabetes in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Während der Nutzen bei Menschen mit Typ-1-Diabetes weitgehend unbestritten ist, wird über den Einsatz bei Menschen mit Typ-2-Diabetes weiterhin intensiv diskutiert. Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen der Evidenz, der Erstattung und der zukünftigen Rolle von CGM in einer zunehmend digitalen Gesundheitsversorgung. Vor diesem Hintergrund lud der Berliner Tagesspiegel am 20. Mai 2026 zu einem Fachforum Gesundheit ein:

Wenn der Tagesspiegel einlädt – und alle kommen

Am 20. Mai 2026 veranstaltete der Berliner Tagesspiegel ein Fachforum Gesundheit zur Weiterentwicklung der Typ-2-Diabetesversorgung. An der rund 150-minütigen Veranstaltung nahmen etwa 70 Gäste vor Ort und weitere 120 Teilnehmer virtuell teil. Hinzu kommen die Aufrufe der Aufzeichnung im Nachgang. Die Veranstaltung richtete sich insbesondere an gesundheitspolitische Entscheidungsträger aus dem Bundesministerium für Gesundheit, der parlamentarischen Gesundheitspolitik sowie dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA).

Es gibt aktuelle Ergebnisse der Frage des Monats, die sich wie gewohnt aktuellen politischen, versorgungs- oder behandlungsbezogenen Diabetesthemen widmet. Wie die dia·link-Community die Frage beantwortet hat, können Sie jeweils im Folgemonat in Ihrem Newsbereich einsehen.

Frage des Monats Mai

Die Nutzung von CGM-Systemen hat den Alltag von Menschen mit Diabetes in den letzten Jahren deutlich verändert. Sie ermöglicht eine engmaschigere und alltagsnahe Kontrolle der Glucosewerte. Gleichzeitig berichten Anwender: innen immer wieder von Hautproblemen im Zusammenhang mit der Nutzung der Sensoren – etwa durch Pflaster, Klebstoffe oder die wiederholte Beanspruchung derselben Körperregionen. Diese Hautreaktionen können die Nutzung von CGM-Systemen im Alltag beeinträchtigen und im Einzelfall sogar dazu führen, dass die Sensoren seltener getragen oder gar nicht mehr genutzt werden. Damit stellen Hautprobleme einen wichtigen, aber oft weniger sichtbaren Aspekt der Therapie dar.

Das Bild der Woche

Geschafft! Alexander Zverev, der seit seinem vierten Lebensjahr mit Typ-1-Diabetes lebt,
gewann bei den French Open seinen ersten Grand-Slam-Titel und zeigt mit seinem Erfolg
auch die Möglichkeiten, die moderne Diabetes-Therapie heute eröffnet. Seine Botschaft:
Diabetes ist keine Grenze, sondern eine Herausforderung! Wir gratulieren besonders herzlich!
 

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Zum Schluss noch wie immer das Letzte

„Homo cooperans: Understanding the Nature of Human Cooperation“ lautet der Titel einer gerade im wissenschaftlichen Journal Science veröffentlichten Studie, die bereits weltweit Aufmerksamkeit erregt hat. Mit mehr als 100.000 Teilnehmern aus 125 Ländern gehört sie zu den größten sozialwissenschaftlichen Untersuchungen ihrer Art.

Untersucht wurde die Frage: Handeln Menschen gegenüber unbekannten Mitmenschen eher eigennützig oder kooperativ? Die Antwort überrascht, denn weltweit entschieden sich 69 % der Teilnehmer für kooperatives Verhalten. Dieses Muster zeigte sich unabhängig von Kultur, Religion, Einkommen oder Herkunft und widerspricht damit dem verbreiteten Bild vom vor allem eigennützig handelnden Menschen. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass der Mensch grundsätzlich eher ein Homo cooperans als ein ausschließlich eigennütziger Homo oeconomicus ist.

Noch interessanter als die tatsächliche Kooperationsbereitschaft war allerdings deren Wahrnehmung. Im Durchschnitt gingen die Befragten davon aus, dass nur 47 % ihrer Mitmenschen kooperieren würden. Diese pessimistische Fehleinschätzung fand sich in 124 der 125 untersuchten Länder. Besonders ausgeprägt war die Diskrepanz in Deutschland. Während hier tatsächlich 86 % der Teilnehmer kooperativ handelten, trauten sie es gleichzeitig nur 47,6 % ihrer Mitbürger zu. Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit wurde also um fast 40 Prozentpunkte unterschätzt – vielleicht zeigt es aber auch das Bild, das wir von unseren Mitmenschen haben.

Auch erinnert das Ergebnis an viele Diskussionen im Gesundheitswesen, denn dort wird häufig argumentiert, bestimmte Akteure würden „sowieso nicht mitmachen“ – Ärzte nicht, Kliniken nicht, Krankenkassen nicht oder Patienten nicht. Die Studie legt jedoch nahe, dass wir die Bereitschaft anderer zur Zusammenarbeit möglicherweise systematisch unterschätzen. Und weil genau diese Erwartung unser eigenes Verhalten beeinflusst, bewegen wir uns in einem Kreislauf von „Self-fulfilling-prophecy”.

Warum sind die Ergebnisse der Studie wichtig? Weil viele der großen Herausforderungen unserer Zeit – von der Gesundheitsversorgung über soziale Sicherungssysteme bis hin zum Klimaschutz – nur durch Kooperation gelöst werden können. Und wenn Menschen die Kooperationsbereitschaft anderer unterschätzen, handeln sie selbst vorsichtiger und weniger gemeinschaftsorientiert.

Besonders ermutigend ist deshalb ein weiterer Befund der Studie: Wird Menschen bewusst gemacht, dass andere ebenfalls bereit sind, zum Gemeinwohl beizutragen, steigt ihre eigene Bereitschaft zur Kooperation. Die vielleicht wichtigste Botschaft lautet daher: Die meisten Menschen sind bereit, ihren Beitrag zu leisten – sie wissen nur nicht, dass die meisten anderen genauso denken.

Wir leben also nicht in einer Gesellschaft mit zu wenig Solidarität, sondern in einer Gesellschaft, die ihre eigene Solidarität unterschätzt. Die Welt ist besser als wir oftmals so denken und das ist eine ebenso überraschende wie hoffnungsvolle Erkenntnis.

Vielleicht ist das der schönste Gedanke zum Wochenende: Die meisten Menschen wollen ihren Beitrag leisten, man sieht es nur nicht immer auf den ersten Blick. In diesem Sinne wünschen wir allen ein erholsames Wochenende und einen guten Start in die neue Woche.

Bleiben Sie zuversichtlich,

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Mit freundlichen Grüßen