Herzlich willkommen beim diatec-weekly,
unsere Wirtschaft schwächelt. Das lesen wir jeden Tag in den Nachrichten oder hören es von Wirtschaftsexperten in Podcasts, Interviews und Talkshows. Die Politik ist gefragt und soll endlich mit anständigen Reformen daherkommen, Bürokratie abbauen, aufhören zu streiten und wahlweise die USA mit ihrer Zollpolitik oder China mit seinem Bestreben, Weltmacht zu werden, in Schach halten. Außerdem sollen die Menschen – also wir – mehr und länger arbeiten, mehr konsumieren, gerne auch Unternehmen gründen und natürlich mehr Kinder bekommen, damit auch zukünftig noch Sozialleistungen bezahlt werden können. Oder so …!
Wir könnten aber auch einmal einen Blick in die Vergangenheit werfen und versuchen zu verstehen, was uns wirtschaftlich eigentlich groß und wohlhabend gemacht hat. War es der Wiederaufbau nach dem Krieg, nach den massiven Zerstörungen und der bitteren Erkenntnis, wie sehr Deutschland durch den Nationalsozialismus fehlgeleitet worden war? Waren es die Amerikaner mit ihrem Marshallplan, die auf deutsche Gründlichkeit und Ingenieurskunst trafen? Oder war es das Ruhrgebiet mit seiner Kohle und Stahlerzeugung? Was waren die wirklichen Gründe für das berühmte deutsche Wirtschaftswunder?
Um das zu verstehen, müssen wir weiter in unsere Geschichte zurückgehen, bis ins späte 19. Jahrhundert. In der Frühzeit der Industrialisierung entstand ein Wirtschaftsmodell, das Deutschland bis weit in die Bundesrepublik hinein stark machte. Es fing klein an, wie fast immer alles. Und es begann mit einer überschaubaren, weitgehend männlichen Elite und ihren Ideen. Sie waren Erfinder, Entrepreneure und Unternehmer mit Ehrgeiz, Risikobereitschaft und einem ausgeprägten Sinn für Macht und Möglichkeiten. Fast immer kamen sie aus Familien, in denen „man sich kannte“ und einander vertraute und ihre Namen lesen sich bis heute wie ein Who’s who der deutschen Wirtschaftsgeschichte: Krupp, Thyssen, Siemens, Mannesmann, Rathenau/AEG, Bosch, Haniel, Stinnes, Oppenheim, Finck, Warburg und Quandt etc.
Aus diesen Familien und Netzwerken wuchsen Großunternehmen wie Siemens, AEG, Krupp oder Thyssen, dazu Großbanken wie die Deutsche Bank, die Dresdner Bank oder die Commerzbank und Versicherungen wie Allianz oder Aachen-Münchener. Über Jahrzehnte hinweg wurden Kapital, Aufsichtsräte, industrielle Strategien und politischer Einfluss miteinander verbunden. So entstand ein enges Geflecht aus persönlichen Beziehungen, gegenseitigen Abhängigkeiten und gemeinsamen Interessen.
Die Stärke dieser Netzwerke lag in ihrer Koordination: Kapital floss dorthin, wo industrielle Großprojekte möglich wurden. Banken waren nicht nur Geldgeber, sondern Machtzentren, die die Unternehmen langfristig begleiteten, in den Aufsichtsräten saßen und Entscheidungen stabilisierten. Versicherungen machten Risiken kalkulierbar und sammelten Kapital, das wiederum langfristig investiert werden konnte. Ingenieurskunst, technische Innovationen, Fertigungstiefe und industrielle Organisation kamen hinzu und alles zusammen bildete die Grundlage einer Wirtschaftskraft, die Deutschland über viele Jahrzehnte getragen hat.
Ohne Kapiotal und langfristige Finanzierung entstehen weder Industrie noch Infrastruktur und erst recht keine Forschung. Der vielleicht größte Vorteil aber lag im Netzwerk selbst. Weil sich die meisten Akteure gut kannten, waren sie auch bereit, die Risiken gemeinsam zu tragen und strategisch zu kooperieren. Wirtschaftliche Dynamik entsteht eben nicht nur durch Ideen, Maschinen und Geld, sondern auch und vor allem durch Vertrauen.
Das 20. Jahrhundert mit seinen beiden Weltkriegen wurde für die deutsche Wirtschaft zur tiefen Zäsur. Die Unternehmen, Banken und Versicherungen, die zuvor zur wirtschaftlichen Stärke beigetragen hatten, wurden in beiden Weltkriegen zu Trägern der Kriegswirtschaft. Im Ersten Weltkrieg standen Mobilisierung, Rüstungsproduktion und staatliche Lenkung im Vordergrund. Im Zweiten Weltkrieg kamen NS-Verbrechen, Enteignung, Zwangsarbeit und moralische Schuld hinzu. Wirtschaftskraft ist eben auch nie neutral: Dieselben Strukturen, die Wachstum, Innovation und Wohlstand ermöglichen, können auch in den Dienst von Krieg, Ausbeutung und Vernichtung gestellt werden. Wir sehen das gerade weiter östlich von uns.
Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte die Deutschland AG munter weiter, wenn auch in veränderter Form. Großbanken, Versicherungen, Konzerne, Gewerkschaften und Politik bildeten ein Modell der koordinierten Marktwirtschaft. Das bot Stabilität, Mitbestimmung, industrielle Stärke und langfristige Finanzierung. Wirtschaftskraft entsteht eben nicht allein aus Technologie, Kapital oder Unternehmergeist, sondern aus Strukturen, Netzwerken, Institutionen, Vertrauen, Macht und historisch gewachsenen Koordinationsformen. Die deutsche Wirtschaft war stark, weil sie über lange Zeit ein dichtes System gegenseitiger Abhängigkeiten bildete.
Doch genau darin lag auch ihre Verwundbarkeit. Die Schattenseite derselben Struktur waren Abschottung, Machtkonzentration und das permanente Kreisen um sich selbst. Wenn Macht sich in wenigen Händen konzentriert, begrenzt das demokratische Kontrolle und erleichtert im schlimmsten Fall die Anpassung an autoritäre politische Systeme. Die Verstrickungen wirtschaftlicher Eliten in problematische politische Entwicklungen – bis hin zur Rolle der Wirtschaft im Nationalsozialismus – sind heute bekannt. Und trotzdem bleibt diese Frage höchst aktuell.
Globalisierung, Finanzmarktliberalisierung, die Internationalisierung der Kapitalmärkte, europäische Integration, Privatisierungen, Deregulierung und der Rückzug der Banken aus ihren traditionellen Industriebeteiligungen führten schließlich zum Zerfall eines Modells, das so lange Stabilität geschaffen hatte. Neue Managertypen wie Klaus Esser oder Thomas Middelhoff betraten die Bühne und haben schnell verstanden, wie man sich ganz persönlich bereichern kann. Auch das sehen wir bis heute, z.B. in der Automobil-Industrie. Zur Wahrheit gehört aber auch: die Deutschland AG als Modell war schwerfällig und exklusiv geworden, zwar stark in der Koordination, aber schwach in der Erneuerung. Offenheit für neue Ideen, neue Akteure und neue Formen von Innovation gehörte nicht unbedingt zu den größten Stärken dieses Modells.
Die Frage, die uns heute umtreibt, lautet also: Beruht wirtschaftliche Stärke tatsächlich immer noch auf einzelnen starken Männern, die uns bis heute das Gefühl vermitteln, sie würden es schon richten? Oder entsteht sie eher durch ein tragfähiges Zusammenspiel von Kapital, Wissen, Vertrauen, Institutionen und Erneuerungsfähigkeit? Die Geschichte der Deutschland AG zeigt, wie mächtig solche Netzwerke sein können. Und wie gefährlich, wenn sie sich selbst genügen.
Das Intro der Woche beruht auf dem spannenden Buch „Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG“ von Konstantin Richter, erschienen bei Suhrkamp und 2026 mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet. Es erzählt rund 150 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte über die Netzwerke von Industriellen, Bankiers, Versicherern, Lobbyisten und politischen Akteuren. Prädikat: Sehr lesenswert!
Nun aber die Themen der Woche und das haben wir ein weiteres monatliches Update zu Diabetes-Technologie aus Firmensicht, gefolgt von einem Beitrag zu Interoperabilität von Diabetesdaten und Diabetesgeräten im Kontext der elektronischen Gesundheitsakte und zuletzt als dritten Beitrag eine große retrospektive Real-World-Analyse mit dem Hinweis, das CGM-Systeme auch bei Menschen mit Typ-2 Diabetes zu weniger Krankenhausaufenthalte führen. Es bleibt also spannend, auf geht’s!
Die Diabetes-Technologie bleibt in Bewegung: neue CGM-Systeme, erweiterte Indikationen für AID-Systeme, Rückrufe, Markenumstellungen, Partnerschaften und erste Schritte in Richtung Multi-Analyten-Sensorik. Das Juni-Update zeigt vor allem eines: Der Markt wird breiter, internationaler und technologisch komplexer. Neben klassischen CGM- und Pumpenthemen rücken zunehmend Interoperabilität, längere Tragedauer, neue Anwendergruppen und kombinierte Sensor-Pumpen-Systeme in den Fokus:
Update Firmeninfos Diabetes-Technologie – Juni 2026 (in alphabetischer Reihenfolge)
Apple: Fortschritte beim nicht-invasiven Glucosemonitoring Es gibt, mal wieder, Berichte über Apples Aktivitäten im Bereich der nicht-invasiven Glucosemessung über die Apple Watch. Apple arbeitet seit mehr als 15 Jahren an diesem Ansatz, und offenbar ist das Projekt weiterhin aktiv. Unklar bleibt allerdings, ob eine solche Funktion jemals tatsächlich auf den Markt kommen wird.
Die Digitalisierung der Diabetesversorgung steht und fällt nicht allein mit besseren Sensoren, Pumpen oder Algorithmen. Entscheidend ist zunehmend die Frage, ob die dabei entstehenden Daten tatsächlich dort ankommen, wo sie gebraucht werden: in der klinischen Versorgung, in der elektronischen Gesundheitsakte und in den Arbeitsabläufen der Diabetes-Teams. Genau diesem Thema widmete sich eine Veranstaltung der Diabetes Technology Society am Rande des ADA 2026 in New Orleans:
Interoperabilität von Diabetesdaten und Diabetesgeräten im Kontext der elektronischen Gesundheitsakte
Am Tag vor Beginn des diesjährigen ADA in New Orleans organisierte die Diabetes Technology Society (DTS) eine Veranstaltung zur Interoperabilität von Diabetesdaten und Diabetesgeräten im Zusammenhang mit elektronischen Gesundheitsakten. Unterstützt wurde die Veranstaltung von Glooko, einem Anbieter einer Diabetes-Datenplattform.
Das kontinuierliche Glucosemonitoring (CGM) wird längst nicht mehr nur bei Menschen mit Typ-1-Diabetes oder insulinbehandeltem Typ-2-Diabetes diskutiert. Zunehmend stellt sich die Frage, ob CGM auch bei Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes ohne Insulintherapie einen messbaren Nutzen bringt – nicht nur für die Glucosekontrolle, sondern auch für die Vermeidung akuter Komplikationen und Krankenhausaufenthalte. Eine große retrospektive Real-World-Analyse liefert dazu interessante Hinweise:
Weniger Krankenhausaufenthalte durch CGM bei Typ-2-Diabetes ohne Insulin
Eine retrospektive Analyse zur Auswirkung von CGM auf die Inanspruchnahme von Gesundheitsressourcen bei gut 20.000 Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes, die ausschließlich mit Nicht-Insulin-Therapien behandelt wurden, zeigte 12 Monate nach Einführung von CGM eine deutliche Verringerung akuter Versorgungsereignisse [1]. So gingen Krankenhausaufenthalte aller Ursachen um 25 % zurück, DKA-Ereignisse sogar um 86 %.
Das Bild der Woche

Das war’s! Deutschland ist ausgeschieden,hat aber immerhin strukturiert gespielt.
Bleibt uns die Gewissheit, dass die Aufarbeitung gründlich, mehrstufig und
vermutlich bis zur nächsten Enttäuschung abgeschlossen sein wird.
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Zum Schluss noch wie immer das Letzte!
Wir hätten es ihnen so gegönnt – und uns auch! Eine erfolgreiche Flussballweltmeisterschaft scheint ja immer ein Booster für die Stimmung im Lande zu sein. Ob das nun stimmt oder nicht, Tatsache ist die Parallele zwischen der schwächelnden Wirtschaft und der schlechten Performance des deutschen Nationalteams. Natürlich hängt die Konjunktur nicht vom Elfmeterschießen ab und auch nicht vom Ballbesitz oder der Laufleistung während eines Spiels. Aber als Metapher funktioniert die Parallele erstaunlich gut, denn in beiden Fällen erleben wir ein Deutschland, das lange von seiner früheren Stärke lebt. Vom Ruf, verlässlich, diszipliniert, organisiert und am Ende immer irgendwie erfolgreich zu sein. Im Fußball hieß das: Turniermannschaft. In der Wirtschaft hieß das: Exportweltmeister. Beides klang lange wie ein Naturgesetz, auch wenn es das nie war.
Jetzt zeigt sich: Struktur allein reicht nicht mehr. Ballbesitz gewinnt keine Spiele, wenn niemand entschlossen aufs Tor schießt. Und trifft. Wirtschaftliche Substanz schafft kein Wachstum, wenn Investitionen verschleppt, Innovationen zerredet und Entscheidungen vertagt werden. Man kann also sehr ordentlich spielen und trotzdem verlieren.
Vielleicht ist das die eigentliche Parallele zwischen Fußball und Wirtschaft: Deutschland hat natürlich nicht plötzlich alles verlernt, wirkt aber in entscheidenden Momenten zu vorsichtig, zu schwerfällig, zu beschäftigt mit sich selbst. Wir analysieren, moderieren, regulieren und erklären. Andere laufen los und schießen.
Vielleicht ist das aber auch eine Frage der Motivation. Wer schon alles hat, wofür soll er sich dann noch anstrengen? Für Spieler aus Ländern, die international seltener im Rampenlicht stehen, kann ein starkes Turnier Ansehen, Chancen und manchmal den ganz großen Karrieresprung bedeuten – die großen Clubs in Manchester oder Madrid sind immer interessiert an Talenten. Unsere Jungs verdienen in ihren Clubs bereits sehr gut, wollen vielleicht lieber in Bayern bleiben und haben eine lange und anstrengende Saison hinter sich. Sie wären vielleicht auch nicht unglücklich gewesen, endlich Urlaub mit ihren Familien zu machen …. das ist natürlich alles reine Spekulation und wir möchten uns vorsorglich bei allen Fußballfans dafür entschuldigen.
Trotzdem bleibt es eine Frage der Haltung. Wer Weltmeister werden will, muss mehr tun, als sich an vergangene Titel zu erinnern. Wer wirtschaftlich wieder stärker werden will, muss mehr tun, als Sonntagsreden über Transformation und Reförmchen zu halten. Und für uns alle gilt: Haben wir doch einfach mal wieder den Mut, aufs Tor zu schießen!
Das Wochenende ist da, der Sommer zeigt, was er kann und es gibt ja noch viele Spiele für alle Fußballfans. Freuen wir uns gemeinsam auf das Wochenende und hoffen, dass es nicht ganz so heiß werden wird.
Es grüßen herzlich,
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Dieser Artikel erscheint als Teil des wöchentlichen Letters zu hochaktuellen Entwicklungen im Bereich Diabetes Technologie. Nutzen Sie das nebenstehende Formular um sich für den diatec weekly Newsletter anzumelden!
Mit freundlichen Grüßen
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