Der Blick auf Typ-1-Diabetes verändert sich gerade grundlegend, denn die autoimmune Erkrankung beginnt nicht erst mit hohen Glucosewerten, Gewichtsverlust, Durst und Insulinpflichtigkeit. Sie entwickelt sich über Jahre hinweg, lange bevor Symptome auftreten. Inselzellen-Autoantikörper, genetische Risikoprofile, CGM-Daten und neue immunmodulierende Therapien eröffnen die Möglichkeit, Typ-1-Diabetes früher zu erkennen, besser zu überwachen und den Verlauf möglicherweise zu verzögern.
Damit rückt eine zentrale Frage in den Vordergrund: Wie gelingt der Übergang von einer reaktiven Versorgung, die erst beim Ausbruch der Erkrankung einsetzt, hin zu einer proaktiven Früherkennung und Begleitung von Menschen mit erhöhtem Risiko?
Die aktuellen internationalen Diskussionen zeigen, dass das Thema T1D-Screening an einem Wendepunkt steht. Einer der wichtigsten Treiber ist die weiterhin hohe Rate diabetischer Ketoazidosen bei Erstdiagnose. In Europa liegt sie bei etwa 40 bis 42 %, in einzelnen Ländern noch deutlich höher. Jede vermiedene Ketoazidose bedeutet nicht nur weniger akute Gefährdung, sondern auch weniger Belastung für Familien, Kliniken und Gesundheitssysteme.
Früherkennung schafft Zeit. Zeit, sich auf die Diagnose vorzubereiten. Zeit, um Familien zu schulen. Zeit, um psychosoziale Unterstützung anzubieten. Und zunehmend auch Zeit, um therapeutisch einzugreifen, bevor die Erkrankung in ein insulinpflichtiges Stadium übergeht.
Mit der Zulassung von Teplizumab in den USA und anderen Ländern hat sich die Perspektive zusätzlich verändert. Erstmals steht eine krankheitsmodifizierende Therapie zur Verfügung, die den Übergang vom Frühstadium in den klinisch manifesten Typ-1-Diabetes verzögern kann. Weitere Substanzen befinden sich in der klinischen Entwicklung. Damit ist Screening nicht mehr nur ein Forschungsinstrument, sondern wird Schritt für Schritt zu einer versorgungsrelevanten Strategie.
Die Stiftung Breakthrough T1D und weitere internationale Expertengruppen haben Ende 2024 begonnen, einen Konsens zum bevölkerungsbezogenen Screening auf Typ-1-Diabetes (T1D) zu entwickeln. Im Kern zeichnet sich eine pragmatische Linie ab: Wo politische Rahmenbedingungen, Infrastruktur und Nachsorge vorhanden sind, kann ein Screening der Allgemeinbevölkerung auf T1D im Frühstadium sinnvoll sein. Wo solche Strukturen noch fehlen, kann ein gezieltes Screening von Risikogruppen ein erster Schritt sein – etwa bei Menschen mit familiärer Vorbelastung oder bestehenden Autoimmunerkrankungen.
Besonders gut belegt ist derzeit ein Screening zu mehreren Zeitpunkten im Kindesalter: zunächst im Alter von zwei bis vier Jahren, dann zwischen sechs und acht Jahren und schließlich noch einmal zwischen zehn und 15 Jahren, sofern frühere Tests negativ waren. Für Erwachsene wird eher ein einmaliges Screening diskutiert, wobei hier die Evidenz noch deutlich dünner ist.
Der europäische Konsens der IDF Europe geht dabei über die rein klinische Perspektive hinaus und versteht sich ausdrücklich auch als politisches Dokument. Ziel ist es, Entscheidungsträgern Argumente an die Hand zu geben, warum Screening und strukturierte Überwachung künftig Teil nationaler Gesundheitsstrategien werden sollten.
Dazu gehört ein mehrstufiger Umsetzungsplan: gesetzliche Grundlagen, Einbindung von Hausärzten und anderen Gesundheitsberufen, Aufklärungskampagnen, Aufbau von Registern, standardisierte Nachsorgeprogramme, psychologische Unterstützung und nicht zuletzt Kosten-Nutzen-Analysen. Entscheidend ist: Screening allein reicht nicht. Wer ein positives Ergebnis erhält, braucht eine klare, verlässliche und gut erklärte Anschlussversorgung.
Im Mittelpunkt der Früherkennung steht weiterhin die Testung auf Inselzellen-Autoantikörper. Ein positives Ergebnis sollte jedoch nicht isoliert betrachtet werden. Internationale Leitlinien betonen, dass jedes positive Autoantikörper-Ergebnis durch einen zweiten Test bestätigt werden muss, bevor eine Diagnose oder Stadieneinteilung vorgenommen wird.
Das ist nicht nur aus diagnostischer Sicht wichtig, sondern auch für die Kommunikation mit den Betroffenen. Ein falsch-positives oder missverständlich eingeordnetes Ergebnis kann erhebliche Verunsicherung auslösen. Umgekehrt kann ein korrekt bestätigtes Ergebnis helfen, Risiken realistisch einzuschätzen und frühzeitig Monitoring, Beratung und gegebenenfalls therapeutische Optionen einzuleiten.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: die Fehlklassifikation bei Erwachsenen. Ein relevanter Anteil erwachsener Menschen mit T1D wird zunächst als Typ-2-Diabetes eingeordnet. Besonders bei jüngeren Erwachsenen, Menschen mit schlankem Körperbau, Autoimmunerkrankungen oder rasch nachlassender Wirkung nicht-insulinbasierter Therapien sollte deshalb differenzialdiagnostisch auch an T1D gedacht werden.
Hilfreich kann dabei eine strukturierte Betrachtung verschiedener Faktoren sein: Alter, Autoimmunität, BMI, familiäre Vorbelastung, Glucosekontrolle unter nicht-insulinbasierter Therapie und Komorbiditäten. Autoantikörpertests dienen damit nicht nur der Stadieneinteilung im Frühstadium, sondern auch der korrekten Abgrenzung zwischen Typ-1- und Typ-2-Diabetes.
Ein positives Screening-Ergebnis bedeutet für viele Menschen zunächst Unsicherheit. Sie haben noch keinen manifesten Diabetes, wissen aber, dass ein erhöhtes Risiko besteht. Gerade Familien mit Kindern oder junge Erwachsene brauchen in dieser Phase klare Informationen, realistische Einordnung und psychologische Unterstützung.
Die Kommunikation muss deshalb sorgfältig erfolgen. Es geht nicht darum, Angst zu erzeugen, sondern Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen. Betroffene sollten verstehen, was ein positiver Autoantikörperbefund bedeutet, welche Kontrollen sinnvoll sind, welche Symptome beachtet werden müssen und welche therapeutischen Optionen es gibt – aber auch, wo die Grenzen der aktuellen Medizin liegen.
Gleichzeitig darf ein negatives Screening-Ergebnis keine falsche Sicherheit vermitteln. Besonders bei jüngeren Kindern kann ein erneutes Screening sinnvoll sein, weil sich Autoantikörper erst im weiteren Verlauf entwickeln können. Auch deshalb braucht es strukturierte Programme statt punktueller Einzeltests.
Neben Autoantikörpertests werden zunehmend auch genetische Risikomodelle diskutiert. Ein Beispiel sind speichelbasierte Testverfahren, bei denen zunächst genetische Risikovarianten analysiert werden. Kinder mit erhöhtem genetischem Risiko können anschließend gezielt auf Autoantikörper getestet werden.
Der Vorteil solcher Verfahren liegt in der einfachen Durchführung: Ein Speicheltest zu Hause ist niedrigschwellig, benötigt keine Blutentnahme und könnte helfen, größere Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Gleichzeitig bleibt entscheidend, dass genetisches Risiko allein keine Diagnose darstellt. Es kann lediglich helfen, diejenigen Personen zu identifizieren, bei denen ein anschließendes Autoantikörper-Screening besonders sinnvoll sein könnte.
Solche Modelle könnten künftig dazu beitragen, Screeningprogramme effizienter zu gestalten. Allerdings müssen sie in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen validiert werden. Viele bisherige Daten stammen überwiegend aus Populationen europäischer Abstammung. Für eine faire und breite Umsetzung braucht es deutlich mehr Evidenz zu unterschiedlichen ethnischen und genetischen Hintergründen.
Kann CGM beim Screening helfen? Eine weitere spannende Entwicklung ist der mögliche Einsatz von kontinuierlicher Glucosemessung im Vorfeld eines manifesten Diabetes. CGM kann frühe Dysglykämien sichtbar machen, die mit punktuellen Blutglucosemessungen oder HbA1c-Werten möglicherweise unentdeckt bleiben.
Die Frage, ob CGM das Autoantikörper-Screening ersetzen kann, lässt sich allerdings nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten. Autoantikörper zeigen ein immunologisches Risiko an, CGM zeigt Veränderungen im Glucosestoffwechsel. Beide Informationen erfassen unterschiedliche Ebenen der Krankheitsentwicklung.
Denkbar ist deshalb eher ein kombiniertes Modell: Autoantikörpertests identifizieren ein Frühstadium, CGM kann ergänzend helfen, den Übergang in eine relevante Dysglykämie zu erkennen. Auch KI-gestützte Auswertungen könnten künftig eine Rolle spielen, wenn CGM-Daten, Autoantikörperstatus, demografische Faktoren und klinische Informationen gemeinsam betrachtet werden. Noch ist dafür mehr Evidenz nötig. Aber die Richtung ist klar: Je besser Daten integriert werden, desto präziser lässt sich das individuelle Risiko einschätzen.
Auch jenseits von Typ-1-Diabetes gewinnt CGM in der Früherkennung an Bedeutung. Bei Prädiabetes könnte CGM helfen, verschiedene Stadien besser zu unterscheiden und Menschen mit besonders hohem Progressionsrisiko zu identifizieren. Diskutiert werden dabei neue Metriken wie die Zeit in einem engen Zielbereich, Glucosespitzen, Variabilität und Muster der Glucoseverläufe. Solche Daten könnten künftig dazu beitragen, den Übergang von Normoglykämie zu Prädiabetes und schließlich zu Typ-2-Diabetes differenzierter abzubilden.
Der therapeutische Nutzen ist allerdings noch nicht ausreichend belegt. Bisher gibt es keine robuste Evidenz dafür, dass CGM bei Prädiabetes den Krankheitsverlauf tatsächlich verändert. Gleichzeitig liegt hier ein großes Potenzial: Wenn Menschen ihre individuellen Glucosereaktionen auf Mahlzeiten, Bewegung, Schlaf oder Stress besser verstehen, könnte dies Verhaltensänderungen unterstützen. Dafür braucht es jedoch prospektive Studien und klare klinische Handlungsempfehlungen.
Die eigentliche Herausforderung beginnt nach einem positiven Screening. Wer identifiziert wurde, muss nicht nur informiert, sondern kontinuierlich begleitet werden. Dazu braucht es klare Prozesse: Wer übernimmt die Nachsorge? Wie häufig werden Kontrollen durchgeführt? Wann kommt ein OGTT, wann CGM, wann eine spezialisierte diabetologische Betreuung infrage? Und wie wird der Übergang zu einer möglichen Immuntherapie organisiert?
Gerade diese Schnittstelle entscheidet darüber, ob Screeningprogramme tatsächlich einen Nutzen entfalten. Ohne Register, strukturierte Monitoringprogramme, geschulte Hausärzte, spezialisierte Zentren und verlässliche Überweisungspfade bleibt Früherkennung Stückwerk.
Die Bedürfnisse der Betroffenen sind dabei klar: zuverlässige Informationen, Unterstützung durch Hausärzte, verständliche Aufklärung, psychosoziale Begleitung, ernährungsbezogene Beratung und Zugang zu spezialisierter T1D-Versorgung. Früherkennung ist damit keine einzelne Laborleistung, sondern ein Versorgungspfad.
Digitale Modelle können diese Versorgung unterstützen. Studien wie 4T zeigen, dass die Kombination aus CGM-Daten, Telemedizin und strukturierter Fernbetreuung die Versorgung junger Menschen mit neu diagnostiziertem Typ-1-Diabetes verbessern kann. Solche Ansätze könnten auch für Menschen im Frühstadium eine wichtige Rolle spielen – vorausgesetzt, sie werden in tragfähige Versorgungsstrukturen eingebettet.
Fazit: Die Früherkennung von Typ-1-Diabetes steht an einem Wendepunkt. Was lange vor allem Forschung war, bewegt sich zunehmend in Richtung Versorgung. Autoantikörper-Screening, genetische Risikostratifizierung, CGM, digitale Nachsorge und krankheitsmodifizierende Therapien eröffnen neue Möglichkeiten, den Verlauf der Erkrankung früher zu erkennen und möglicherweise zu beeinflussen.
Doch Screening allein ist keine Lösung. Es braucht politische Entscheidungen, Finanzierung, Register, Aufklärung, geschulte Fachkräfte und eine klare Versorgungsarchitektur. Vor allem braucht es eine gute Begleitung der Menschen, die mit einem positiven Befund leben müssen, ohne bereits krank im klassischen Sinne zu sein.
Der Paradigmenwechsel besteht deshalb nicht nur darin, Typ-1-Diabetes früher zu diagnostizieren. Er besteht darin, Verantwortung früher zu übernehmen: medizinisch, organisatorisch und menschlich. Wenn das gelingt, könnte aus einem oft dramatischen Notfall zunehmend ein geordneter, begleiteter und besser vorbereiteter Einstieg in die Versorgung werden.
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