Am 20. Mai 2026 veranstaltete der Berliner Tagesspiegel ein Fachforum Gesundheit zur Weiterentwicklung der Typ-2-Diabetesversorgung. An der rund 150-minütigen Veranstaltung nahmen etwa 70 Gäste vor Ort und weitere 120 Teilnehmer virtuell teil. Hinzu kommen die Aufrufe der Aufzeichnung im Nachgang. Die Veranstaltung richtete sich insbesondere an gesundheitspolitische Entscheidungsträger aus dem Bundesministerium für Gesundheit, der parlamentarischen Gesundheitspolitik sowie dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA).
Einen eindrucksvollen Auftakt lieferte ein Diabetes-Patient, der sehr authentisch über seine persönlichen Erfahrungen mit der Erkrankung und den Herausforderungen im Umgang mit den Krankenkassen berichtete. Damit wurde früh deutlich, dass es bei der Diskussion weniger um Technologie als vielmehr um die Versorgungspraxis geht.
Im Zentrum der Debatte standen digitale Therapieansätze und moderne Glucosemesssysteme, die Menschen mit Diabetes ein besseres Selbstmanagement ermöglichen können. Gleichzeitig wurde deutlich, dass technischer Fortschritt allein nicht ausreicht. Prävention muss künftig einen deutlich höheren Stellenwert im Gesundheitssystem erhalten.
Ziel der Diskussion war es, auf ein konkretes Versorgungsproblem aufmerksam zu machen: die weiterhin bestehenden Erstattungshürden für CGM-Systeme bei Menschen mit Typ-2-Diabetes, insbesondere unter einer intensivierten konventionellen Insulintherapie (ICT) oder einer basal unterstützten oralen Therapie (BOT). Aus Sicht vieler Beteiligter steht diese Situation zunehmend im Widerspruch zur vorhandenen Evidenz.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Diskussion über die Erstattung einzelner Technologien nur einen Teil des Gesamtbildes darstellt. Strategisch betrachtet geht es um die Frage, welche Rolle CGM künftig innerhalb eines digitalen Diabetes-Ökosystems spielen soll. Die Vision, die mehrfach erkennbar wurde, ist die Positionierung von CGM als festen Versorgungsbaustein in einem modernen, digital unterstützten Primärversorgungssystem.
Aus dem Publikum beteiligten sich Vertreter der diabetologischen Fachgesellschaften, der Krankenkassen, der Industrie (unterstützt wurde die Veranstaltung durch Dexcom) sowie der hausärztlichen und diabetologischen Versorgung an der Diskussion. Dabei wurde unter anderem die Rolle der Hausärztinnen und Hausärzte beim Einsatz von CGM-Systemen intensiv erörtert. Von besonderem Interesse waren auch die aktuellen Erkenntnisse aus dem Prozess zur Aktualisierung der Disease-Management-Programme (DMP), einschließlich Leitlinienrecherche, Anhörungen und Evidenzbewertung.
Sehr deutliche wurde dabei auch, dass die im Rahmen eines DMP-Prozesses gewonnenen Erkenntnisse nicht automatisch zu einer Anpassung der Versorgungspraxis oder des Erstattungsrahmens führen – selbst dann nicht, wenn Versorgungslücken klar identifiziert werden. Strukturell ist dies nicht vorgesehen. Veränderungen können letztlich nur über den Unterausschuss Methodenbewertung des G-BA angestoßen werden, dieser wird jedoch in der Regel erst aktiv, wenn ein gezielter Impuls erfolgt. Daraus ergibt sich für die diabetologische Fachszene die Chance, über die etablierten G-BA-Kanäle, beispielsweise über die Kassenärztliche Bundesvereinigung, konkrete Veränderungen anzustoßen.
Die Debatte spiegelte damit nicht nur die aktuelle Diskussion um CGM wider, sondern auch die Herausforderungen einer umfassenden Gesundheitsreform. Dabei standen häufig Kostenfragen im Mittelpunkt, teilweise durchaus kontrovers diskutiert unter dem Motto „Nicht alles für alle“. Langfristig wird die Diskussion jedoch über die reine Kostenfrage hinausgehen müssen. Entscheidend wird sein, welchen Beitrag CGM zu Prävention, Primärversorgung, Therapiequalität und besseren Outcomes leisten kann.
Vor dem Hintergrund, dass Deutschland trotz hoher Gesundheitsausgaben bei wichtigen Gesundheitsindikatoren im europäischen Vergleich häufig hinter den Erwartungen zurückbleibt, erscheint diese Perspektive besonders relevant.
Eine grundsätzliche Frage bleibt jedoch: Wer ist eigentlich das Zielpublikum solcher Veranstaltungen, und was wird dadurch konkret bewegt? Aus der Bundespolitik waren Sabine Dittmar und Nora Seitz vertreten, und auch Tino Sorge als Staatssekretär im BMG nahm an der Podiumsdiskussion teil. Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Debatte? Im vorliegenden Fall wurde sicherlich ein besseres Verständnis der Entscheidungswege und Mechanismen des G-BA geschaffen. Gleichzeitig wurde die Frage, wie sich Versorgung konkret weiterentwickeln lässt, deutlich formuliert. Allein dadurch entstand Transparenz – verbunden mit einem klaren Impuls zum Handeln innerhalb der diabetologischen Community.
Fazit: Die Veranstaltung hat gezeigt, dass das Interesse an einer Weiterentwicklung der Diabetesversorgung groß ist. Sie hat aber auch deutlich gemacht, dass zwischen wissenschaftlicher Evidenz, gesundheitspolitischer Entscheidungsfindung und tatsächlicher Versorgungspraxis oftmals erhebliche Zeiträume liegen. Wer Veränderungen erreichen will, muss deshalb nicht nur gute Daten liefern, sondern auch die Mechanismen verstehen, über die Versorgung in Deutschland gestaltet wird.
Dieser Artikel erscheint als Teil des wöchentlichen Letters zu hochaktuellen Entwicklungen im Bereich Diabetes Technologie. Nutzen Sie das nebenstehende Formular um sich für den diatec weekly Newsletter anzumelden!
Mit freundlichen Grüßen
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