Herzlich willkommen beim diatec weekly,
wir waren schon ein wenig nervös bei der Einreise ins gelobte Land nach all den Geschichten, die wir zwischenzeitlich aus der Presse erfahren haben. Ewig lange Schlangen bei der Immigration wegen Personalmangel, Abweisungen aus welchen Gründen auch immer, sogar von Verhaftungen war die Rede. Bei uns hat es genau fünf Minuten gedauert und wir waren drin.
Hier in Kalifornien ist es wie immer. Keine ICE-Leute laufen herum und die meisten Menschen scheren sich wenig um das, was auf der großen politischen Bühne passiert. Der Krieg gegen den Iran stößt zwar auf wenig Begeisterung, aber Kalifornien ist traditionell ja auch liberal und demokratisch. Um die 40.000 Menschen waren bei der letzten No-King-Demonstration allein in dieser Stadt auf der Straße und im gesamten County waren es fast 100.000, die ihrem Ärger Luft gemacht haben. Manchmal entschuldigen sich Menschen sogar bei uns dafür, dass Amerika nun nicht mehr unser Freund sein will.
Was uns aber erstaunt, ist, dass die Berichterstattung in Deutschland fast intensiver ist als hier. Noch berichtet die New York Times in gewohnt kritischer Manier und noch macht sich der Großmeister des politischen Humors Stephen Colbert allabendlich in seiner Show eloquent lustig, aber insgesamt sind die Medien reichlich still geworden. Ein guter Grund für uns, mal ein wenig hinter die Kulissen zu blicken und versuchen herauszufinden, was die Menschen hier wirklich bewegt und wie die Auswirkungen der aktuellen Politik tatsächlich sind.
Divers natürlich – wie immer und es wird auch hier nichts so heiß gegessen wie gekocht. Die hohen Benzinpreise sorgen für Unmut an den Tankstellen, selbst die Hardcore-Base findet das erneute Weltpolizei-Spielen nicht gut, und außerdem versteht niemand so recht die amerikanische Strategie hinter diesem Angriff. Die Zollpolitik sollte zwar die heimische Wirtschaft schützen und verloren gegangene Jobs zurückbringen, für gewisse strategische Sektoren wie Stahl, Halbleiter oder Pharma tut sie das auch, zumindest teilweise. Zölle demonstrieren Handlungsfähigkeit und verteuern preisgünstige Importe, aber sie sind nur ein grobes Instrument, weil sie nicht zwischen guten und weniger guten Abhängigkeiten unterscheiden. Wenn jedoch alles verteuert wird, was importiert wird – und das ist in den Vereinigten Staaten eine Menge – tragen am Ende die eigenen Unternehmer und Verbraucher die Kosten. Lieferketten werden komplexer, Produktionskosten steigen, weil importierte Rohstoffe und Vorprodukte ebenfalls Zöllen unterliegen, und Innovationen werden teurer, weil auch amerikanische Unternehmen die Gunst der Stunde nutzen und ihre Margen verbessern, indem sie die Preise anpassen.
Hinzu kommt eine wachsende Unsicherheit, denn die moderne Wirtschaft lebt von Planbarkeit. So wie die Zölle kurzfristig eingeführt, ausgesetzt, verändert und juristisch infrage gestellt werden, ist ein Klima permanenter Verunsicherung und Vorläufigkeit entstanden. Unternehmen reagieren darauf nicht mit mutigen Investitionen, sondern mit Vorsicht: Sie verschieben Entscheidungen, bauen Redundanzen auf und sichern sich ab. Effizienz wird durch Resilienz ersetzt, was ein sinnvoller, aber kostspieliger Wandel ist.
Was also als Schutz gedacht war, kann schnell zur Belastung für die eigene Wirtschaft werden. Zölle sind verführerisch einfach in ihrer Logik, aber komplex in ihren Folgen. Wer sie nutzt, gewinnt Handlungsspielraum, riskiert jedoch, diesen an anderer Stelle wieder zu verlieren. Anders gesagt: Amerika lernt gerade die freie Marktwirtschaft kennen und die ist wesentlich komplexer als ein paar Prozentzahlen, die in die Gegend geworfen werden.
Das Land der Freien hat sich verändert und wird es auch weiterhin tun, auch wenn wir es hier im Sunnyland im Alltag kaum spüren. Aber auch unser Land muss und wird sich verändern, solange die Chance dazu noch besteht. Das deutsche Wirtschaftsmodell war über Jahrzehnte erfolgreich, solange die Märkte berechenbar waren und es Regeln gab, die den Handel primär nach Effizienz organisiert haben. All das erodiert und dieser Prozess ist nicht mehr aufzuhalten. Die Frage, die nun so viele umtreibt, lautet also nicht mehr ob, sondern Wie verändern wir unser Wirtschaftsmodell. Brauchen auch wir mehr Protektionismus, mehr stattliche Eingriffe, mehr Abschottung oder wird uns das in die gleiche Falle führen?
Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Deutschland ein offenes Land geworden und es war genau diese Offenheit, die uns den Wohlstand beschert hat. Nun werden wir lernen müssen, zwischen strategischer Resilienz und ökonomischer Offenheit zu balancieren – was nichts anderes heißt als unsere Naivität abzulegen. Nicht die Abkehr von der Globalisierung, sondern mehr Absicherung innerhalb der Globalisierung. Nicht mehr nur auf die Kräfte des Marktes vertrauen, sondern aktiver Zukunftsbereiche wie Energie, KI oder Pharma ausbauen. Alternative Bezugsquellen und Absatzmärkte entwickeln und den europäischen Rahmen stärken, ohne sich dauernd erpressen zu lassen. Redundanzen einplanen, um Risiken zu streuen und Abhängigkeiten aufzugeben.
All das ist keine Abkehr vom bisherigen Erfolgsmodell, sondern eine Weiterentwicklung unter neuen Bedingungen. Deutschland muss nicht „anders“ werden, aber robuster und die größte Gefahr besteht nicht darin, sich zu verändern, sondern darin, zu lange an einem Weltbild festzuhalten, das es so nicht mehr gibt.
Wir sind zurück nach kurzer Osterpause und haben an Themen der Woche eine Lancet-Publikation zum kontinuierlichen Monitoring von Ketonkörpern, es gibt eine aktuelle Stellungnahme der Arbeitsgruppe ADA und EASD zum Einsatz von Diabetes-Technologie und im dritten und letzten Beitrag geht es um eine Ausweitung von CGM auf Früherkennung und Diagnostik von Diabetes. Auf geht’s.
Die kontinuierliche Glukosemessung (CGM) hat die Diabetestherapie grundlegend verändert. Nun zeichnet sich der nächste Entwicklungsschritt ab: die kontinuierliche Überwachung von Ketonkörpern. Ein aktuelles Positionspapier zeigt, wie diese Technologie sinnvoll in die Versorgung integriert werden kann – und welches Potenzial sie insbesondere für die Prävention der diabetischen Ketoazidose hat:
Nach Glucose kommen Ketone
Eine aktuell in „The Lancet Diabetes & Endocrinology“ publiziertes Positionspapier zum kontinuierlichen Monitoring von Ketonkörpern (CKM) zeigt, dass sich diese neue Option grundsätzlich effektiv in die Praxis einführen lässt [1]. Die Publikation basiert auf Empfehlungen für den gezielten Einsatz von CKM bei Menschen mit Typ-1-Diabetes (T1D), insbesondere bei erhöhtem Risiko für eine diabetische Ketoazidose (DKA). Die Empfehlungen wurden im Rahmen eines Workshops im März 2025 erarbeitet, der von „Breakthrough T1D“ organisiert wurde.
Die Möglichkeiten der Diabetes-Technologie wachsen rasant – doch ihr Nutzen entscheidet sich im Alltag jedes einzelnen Patienten. Eine aktuelle gemeinsame Stellungnahme von EASD und ADA richtet den Blick genau darauf: weg von der reinen Verfügbarkeit von Technologie, hin zu ihrer sinnvollen, individuellen Anwendung in der Versorgung.
EASD und ADA – wie kann Diabetes-Technologie besser individualisiert werden
Eine gemeinsame Arbeitsgruppe der European Association for the Study of Diabetes und der American Diabetes Association hat zeitgleich in Diabetes Care und Diabetologia eine umfassende Stellungnahme veröffentlicht. Darin wird aufgezeigt, wie Diabetes-Technologien gezielter individualisiert eingesetzt und ihre Umsetzung in der klinischen Praxis verbessert werden kann.
Das Screening von Diabetes steht womöglich vor einem grundlegenden Wandel. Was bislang vor allem auf punktuellen Glucose-Messungen beruhte, könnte durch kontinuierliche Daten ergänzt – oder perspektivisch sogar neu gedacht – werden. Auf dem ATTD 2026 wurde deutlich, welches Potenzial CGM dabei entfalten kann: nicht nur im Management, sondern bereits bei der frühen Erkennung und Charakterisierung der Erkrankung:
Ausweitung der Rolle von CGM bei der Diabeteserkennung und frühen Therapie
Valentino Cherubini (Salesi-Krankenhaus, Italien) und Mohammed Almehthel (King Fahad Medical City, Saudi-Arabien) eröffneten die ATTD Abbott School mit einer Diskussion über den klinischen Nutzen einer frühzeitigen CGM-Nutzung entlang des gesamten Versorgungspfads – von der Erkennung und frühen Charakterisierung des Diabetes bis hin zur Steuerung früher Therapieentscheidungen mit dem Ziel besserer Langzeitergebnisse. Das Interesse war entsprechend groß: Rund 90 Teilnehmende vor Ort sowie eine ähnlich große Zahl virtuell zugeschalteter Zuhörer beteiligten sich intensiv an der Diskussion.
Das Bild der Woche

Die spektakulären Aufnahmen von unserem Planeten aus ganz neuer Perspektive
sind zwar längst in allen Zeitschriften erschienen, aber diese hier ist so schön und sie
wirkt fast wie ein Kunstwerk, so dass wir sie als unser Bild der Woche gewählt haben.
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Zum Schluss noch wie immer das Letzte
Manchmal sind es die Vorträge am Anfang, die einem am Ende nicht mehr aus dem Kopf gehen, so wie der Einführungs-Vortrag des bekannten Diabetes-Mathematikers Boris Kovatchev beim diesjährigen ATTD. Es ging um nichts Geringeres als die Zukunft der Diabetestherapie und die könnte tatsächlich ziemlich digital werden. Sie könnte sogar einen Zwilling bekommen – und zwar einen digitalen.
Solche KI-Digitalzwillinge sind virtuelle Abbilder eines Patienten, die gespeist werden aus den Daten vernetzter Diabetes-Technologie. Die Idee dahinter ist so einfach wie faszinierend: Bevor man eine neue Therapie einsetzt oder an der bisherigen Therapie etwas verändert, probiert man es erst einmal am digitalen Zwilling aus. Ein bisschen so wie eine Generalprobe, nur eben mit Insulin, Glucose und Algorithmen.
Wer glaubt, das klingt nach Science-Fiction, wurde von Boris Kovatchev freundlich, aber bestimmt eines Besseren belehrt. Erste Studien, die er an seiner Universität in Kentucky durchgeführt hat, zeigen bereits messbare Effekte. Die Time-in-Range stieg um gut fünf Prozentpunkte und selbst bei ohnehin sehr gut eingestellten Patienten gab es noch kleine Verbesserungen. Selbst wenn es nur fünfzehn Minuten mehr im Zielbereich pro Tag sind, sind dies eben fünfzehn Minuten!
Nebenbei gab es noch einen kleinen, unterhaltsamen Ausflug in die Welt der künstlichen Intelligenz, von künstlichen Neuronen über Machine Learning bis hin zu Deep Learning. Und natürlich durfte auch der obligatorische Blick in eine dystopische Zukunft nicht fehlen. Kovatchev konterte das jedoch gelassen: Die Zukunft der KI sei keine des Ersatzes, sondern eine der Zusammenarbeit. Mensch und Maschine werden als Team zusammenarbeiten und nicht als Gegner.
Besonders spannend wurde es, als er den nächsten Schritt in diese Richtung skizzierte und ein grundlegendes KI-Modell für das Zusammenspiel von Glucose, Insulin und menschlichem Verhalten skizzierte. So etwas wie ein „ChatGPT für Diabetes“! Während klassische Modelle auf Gleichungen und viel klinischer Erfahrung beruhen, lernen diese neuen Systeme direkt aus Daten und davon gibt es bei Diabetes nun wirklich genug.
Am Ende war es weniger eine fertige Lösung als eine Idee, die hängen bleibt. Die Idee, eine neue Therapie nicht mehr am lebenden Objekt auszuprobieren, sondern sie vorher zu testen. Dies ist vielleicht die eigentliche Innovation – nicht die Technologie selbst, sondern die kluge und individuelle Anwendung, wie sie der zweite Beitrag dieses weeklys vorgestellt hat.
Das war’s mal wieder für die Woche. Wir hoffen, die Mischung aus Daten und neuen Fragen hat gefallen und vielleicht lässt sich die leise Ahnung spüren, dass sich die Diabetologie an vielen Stellen verändern wird. Wir wünschen ein schönes Wochenende mit etwas Abstand zum Takt der Woche, mit Zeit für Gedanken, die nicht sofort zu Ende gedacht werden müssen, und vielleicht auch für die eine oder andere gute Idee, die einfach so entsteht.
Es grüßen herzlich,
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Dieser Artikel erscheint als Teil des wöchentlichen Letters zu hochaktuellen Entwicklungen im Bereich Diabetes Technologie. Nutzen Sie das nebenstehende Formular um sich für den diatec weekly Newsletter anzumelden!
Mit freundlichen Grüßen
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