Valentino Cherubini (Salesi-Krankenhaus, Italien) und Mohammed Almehthel (King Fahad Medical City, Saudi-Arabien) eröffneten die ATTD Abbott School mit einer Diskussion über den klinischen Nutzen einer frühzeitigen CGM-Nutzung entlang des gesamten Versorgungspfads – von der Erkennung und frühen Charakterisierung des Diabetes bis hin zur Steuerung früher Therapieentscheidungen mit dem Ziel besserer Langzeitergebnisse. Das Interesse war entsprechend groß: Rund 90 Teilnehmende vor Ort sowie eine ähnlich große Zahl virtuell zugeschalteter Zuhörer beteiligten sich intensiv an der Diskussion.
Beide Referenten hoben hervor, dass CGM Glucosemuster sichtbar machen kann, die von klassischen diagnostischen Verfahren nicht erfasst werden. Dadurch eröffnen sich Möglichkeiten für frühere Interventionen, eine individuellere Versorgung und potenziell günstigere langfristige Stoffwechselverläufe. Almehthel betonte insbesondere den Nutzen, Patienten gezielt in einen engen Glucosezielbereich (TITR; 70–140 mg/dl) zu führen – sowohl zur Unterstützung von Präventions- und Remissionsstrategien bei Prädiabetes und Typ-2-Diabetes als auch zur Reduktion von Komplikationsrisiken bei Typ-1-Diabetes.
Cherubini zeichnete die Entwicklung von CGM vom reinen Managementinstrument hin zu einem Werkzeug der Diagnostik und Krankheitscharakterisierung nach – insbesondere im frühen Stadium des Typ-1-Diabetes. Klassische Tests wie HbA1c, Nüchternglucose oder oGTT liefern lediglich Momentaufnahmen und können frühe Dysglykämien oder Glucoseschwankungen übersehen. CGM hingegen ermöglicht es, bereits in präsymptomatischen Stadien (T1D-Stadien 1–3a) subtile Veränderungen im Glucoseverlauf zu erkennen, etwa erhöhte postprandiale Schwankungen, eine verzögerte Rückkehr zum Ausgangswert nach Mahlzeiten, nächtliche Hyperglykämien oder erste Anstiege der Zeit außerhalb des Zielbereichs.
Damit kann CGM die klinische Entscheidungsfindung im Frühstadium wesentlich beeinflussen: durch eine präzisere Risikostratifizierung, die Identifikation eines beschleunigten Krankheitsverlaufs und die Begleitung krankheitsmodifizierender Therapien. Als Beispiel wurde Teplizumab genannt, das in vielen Regionen zur Verzögerung des Übergangs in das klinisch manifeste Stadium 3 des Typ-1-Diabetes zugelassen ist. CGM kann hier helfen, den Krankheitsverlauf engmaschig zu überwachen und frühe Progressionen schneller zu erkennen.
Auch im Publikum zeigte sich eine klare Tendenz: Die Mehrheit der Teilnehmenden gab an, CGM künftig routinemäßig oder zumindest in ausgewählten Fällen bei präsymptomatischem T1D einsetzen zu wollen, während nur eine kleinere Gruppe weiteren Forschungsbedarf sah. In der Diskussion wurde zudem betont, dass nicht-verblindete CGM-Systeme im Alltag meist den größeren Nutzen bieten, da sie unmittelbares Feedback ermöglichen und damit Verhaltensänderungen unterstützen.
Im weiteren Verlauf ging Almehthel auf die klinischen und verhaltensbezogenen Vorteile eines frühen CGM-Einsatzes ein, nicht nur bei T1D, sondern auch bei Typ-2-Diabetes und Prädiabetes. CGM liefert kontinuierliche Einblicke in den Einfluss von Ernährung, Insulin und Lebensstil auf den Glucosestoffwechsel und kann Patienten dabei unterstützen, die Zeit im Zielbereich zu erhöhen, Hypo- und Hyperglykämien zu vermeiden und gezielt an Nüchtern- und postprandialen Zielwerten zu arbeiten.
Studien deuten darauf hin, dass ein früher Beginn mit CGM zu besseren Ergebnissen führt. So zeigten Patienten mit Typ-1-Diabetes, die innerhalb des ersten Jahres nach Diagnosestellung mit CGM starteten, niedrigere HbA1c-Werte als jene mit späterem oder keinem Einsatz. Auch beim Typ-2-Diabetes spielt eine frühe Stoffwechselkontrolle eine zentrale Rolle: Der sogenannte „Legacy-Effekt“ beschreibt, dass eine gute Einstellung zu Beginn der Erkrankung das Risiko für spätere Komplikationen und Mortalität deutlich senken kann, während bereits kurze Phasen schlechter Kontrolle langfristige Nachteile mit sich bringen.
Zusätzlich bietet CGM kurzfristige Vorteile durch eine Reduktion akuter Komplikationen, insbesondere durch weniger diabetische Ketoazidosen und schwere Hypoglykämien. Vor diesem Hintergrund empfehlen die aktuellen Standards der American Diabetes Association, CGM möglichst früh im Krankheitsverlauf einzusetzen – idealerweise bereits zum Zeitpunkt der Diagnose.
Darüber hinaus wurde die potenzielle Rolle von CGM bei der früheren Erkennung und sogar Prävention des Typ-2-Diabetes hervorgehoben. CGM kann helfen, sogenannte „versteckte Risikozonen“ im Bereich moderater Hyperglykämie (140–180 mg/dl) zu identifizieren und gezielt therapeutische Maßnahmen einzuleiten. Zudem ermöglicht es die Erstellung individueller Glucoseprofile, auf deren Basis beurteilt werden kann, ob eine Remission bei neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes ein realistisches Ziel ist.
Nicht zuletzt kann CGM dazu beitragen, therapeutische Trägheit („clinical inertia“) zu überwinden, indem es kontinuierlich Daten liefert, die zeitnahe Anpassungen von Lebensstil oder Medikation unterstützen.
Fazit: CGM entwickelt sich zunehmend von einem reinen Monitoring-Tool zu einem Instrument der Früherkennung, Risikostratifizierung und Therapieplanung. Sollte sich diese Entwicklung bestätigen, könnte sich der Stellenwert von CGM im Diabetes-Screening und in der Frühphase der Erkrankung grundlegend verändern.
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