Herzlich willkommen beim diatec weekly,

was unterscheidet Deutschland von Finnland? Die Sprache natürlich! Kaum jemand bei uns spricht das komplexe Finnisch mit seinen ungewohnten Wortkonstruktionen und der Aneinanderreihung von Konsonanten. Auch kulturell stehen die Finnen anderen finno-ugrischen Völkern näher als den meisten europäischen Nachbarn wie Deutschland oder Frankreich. Mutig sind sie, haben sie doch vor einigen Jahren eine junge Frau zu ihrer Ministerpräsidentin gewählt. Und dann ist da noch etwas, das sich schwerer greifen lässt: eine besondere Form von Gelassenheit. In Finnland gilt sie nicht als Passivität, sondern als Stärke. Stille ist kein Mangel, sondern ein Raum, in dem man sich gerne aufhält. Worte werden sparsam eingesetzt, Small Talk ist eher die Ausnahme.

Die Finnen gelten als eines der glücklichsten Völker Europas und das, obwohl sie im kühlen Norden leben, im Sommer mit Mücken kämpfen und eine mehr als 1.300 Kilometer lange Grenze mit Russland teilen. Kaum ein anderes Land investiert so konsequent in Bildung, soziale Sicherheit und institutionelles Vertrauen. Finnische Bürgerinnen und Bürger erleben ihren Staat als berechenbar und transparent. Politische Entscheidungen sind nachvollziehbar, Verantwortlichkeiten klar und die Kommunikation ist offen. Die finnische Gesellschaft wirkt „resilient“. Resilienz beschreibt die Fähigkeit, im Wandel stabil zu bleiben, und zwar nicht durch Abwehr oder Härte, sondern durch Anpassung und Sinn. Resilienz ist keine Notfallstrategie, sondern eine Grundhaltung und das Beste daran ist: Resilienz ist gestaltbar.

Es war der israelische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky, der mit seinem Salutogenese-Modell einen entscheidenden Perspektivwechsel angestoßen hat. Salutogenese – als Gegenentwurf zur Pathogenese – fragt nicht danach, was Menschen krank macht, sondern was sie gesund hält, selbst unter großen Belastungen. Antonovsky stieß auf diese Frage unter anderem bei seiner Forschung zu Überlebenden des Holocaust. Er beobachtete, dass viele von ihnen trotz extremer Erfahrungen eine bemerkenswerte psychische und körperliche Stabilität bewahren konnten. Im Zentrum seines Modells steht die Resilienz, also die Fähigkeit, die Welt als verstehbar, handhabbar und sinnvoll zu erleben. Gesundheit ist dabei kein statischer Zustand, sondern ein Kontinuum. Wir alle bewegen uns ständig zwischen den Polen von „gesund“ und „krank“.

Spannend wird es, wenn man diesen Gedanken auf Gesellschaften überträgt: Was macht eine Gesellschaft resilient? Warum gelingt es manchen Ländern besser, Krisen zu bewältigen, ohne dass Vertrauen und Zusammenhalt erodieren? Finnland liefert hier ein eindrucksvolles Beispiel. Die Nähe zu Russland ist keine abstrakte geopolitische Größe, sondern Teil der eigenen Realität. Dennoch leben die Menschen nicht in permanenter Angst, sondern in einer Haltung der Vorbereitung. Sicherheit wird nicht delegiert, sondern gemeinsam getragen: Militär, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft greifen ineinander, mit dem Ziel, die Funktionsfähigkeit des Landes auch im Krisenfall zu sichern. Dazu gehört eine breite militärische Ausbildung durch die Wehrpflicht, eine große Reserve, aber auch ein ausgeprägter Zivilschutz. Schutzräume gibt es überall, Notfallvorräte in jedem Haushalt. Vorbereitung wird trainiert, in Schulen und Kindergärten, an jedem Arbeitsplatz. Und zwar nicht als Bedrohungsszenario, sondern als einen selbstverständlichen Teil des Alltags.

Finnland ist dabei nicht einfach „stärker“, sondern vor allem stimmiger organisiert. Vertrauen spielt eine zentrale Rolle. Wo Institutionen als verlässlich erlebt werden und Kommunikation klar ist, entsteht Sicherheit und damit Handlungsfähigkeit. In Deutschland haben wir ebenfalls starke Strukturen und hohe Kompetenz. Gleichzeitig erleben viele Menschen fragmentierte Zuständigkeiten und komplexe Prozesse, die schwer zu durchdringen sind und Vertrauen kosten. Genau hier liegt eine zentrale Aufgabe für uns, das muss gelöst werden.

Noch einmal zurück zu Antonovsky: Sein Bild für das Leben ist der Fluss. Anstatt mit viel Aufwand einen Ertrinkenden aus dem Wasser zu ziehen, sollten wir ihm rechtzeitig das Schwimmen beibringen. Übertragen auf unser Gesundheitssystem bedeutet dies, Resilienz nicht nur als individuelle Fähigkeit zu begreifen, sondern auch als strukturelle Aufgabe. Wir müssen unsere Systeme so gestalten, dass sie uns Orientierung geben und Ressourcen für alle zugänglich machen. Genau hier beginnt Prävention: Nicht erst dann, wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät, die Maschinerie in Gang setzen, sondern die Voraussetzungen dafür schaffen, dass es erst gar nicht dazu kommt.

Nun lässt sich die chronische Erkrankung Diabetes mellitus in den vielen (manche sagen auch den meisten) Fällen nicht verhindern, aber durch den Einsatz von Diabetes-Technologie wird der Umgang damit verstehbarer und handhabbarer. Was in diesem Zusammenhang Orientierung gibt, und Sinn vermittelt, sind Daten und Erkenntnisse . Ein wichtiges Tool, das uns solche datenbasierten Erkenntnisse in die Realität der Diabetes-Therapie liefert, ist der dt-report. Er gibt jedes Jahr aufs neue Einblicke in die Nutzung und Erwartungen an Diabetes-Technologie, beantwortet Fragen zur Qualität und Realität der Diabetesversorgung und liefert relevante Analysen zu den Bedürfnissen und Erfahrungen von Menschen mit Diabetes. Sie profitieren, weil der dt-report ihre Erfahrungen sichtbar macht, Ärzte und Diabetes-Beraterinnen liefert er konkrete Ansatzpunkte für adäquate Therapieentscheidungen. Für die Hersteller übersetzt er die reale Nutzung ihrer Produkte Informationen zu strategisch nutzbaren Markt- und Produkt-Insights. Alles zusammen verbessert der erhebliche Aufwand für die Beantwortung des Fragebogens (Herzlichen Dank dafür an dieser Stelle!) langfristig die Diabetesversorgung in verschiedene Richtungen.

  • Wichtig für die „Nutzung“ der im dt-report dargestellten Ergebnisse ist die Verfügbarkeit der Daten. Aktuell werden im Journal of Diabetes Science and Technology sieben Artikel publiziert, die sich auf unterschiedlichen Fragestellungen fokussieren, die wir als aktuell und relevant betrachten. So gibt es beispielsweise neben einem mehr allgemeinen Editorial zum dt-report [1] einen Artikel zum Thema „Green Diabetes“ [2]. Die weiteren Artikel, die in den nächsten Wochen on-line gestellt werden, beschäftigen sich mit: AID Systems – Impact on clinical practice, reasons for discontinuation, rejection and not managing well
  • Type 2 and diabetes technology – potential use cases for CGM and insulin pumps
  • Smart-Pens – Expectations regarding use and functionality from health care providers
  • Diabetes technology – a matter of age?
  • Attitudes and barriers from health care providers towards AID: A network analysis

In Endeffekt werden alle Artikel in Form eines „Sonderheftes“ im Juli 2026 zusammenhängend publiziert. In diesen Artikeln werden die Daten von der Befragung aus dem Jahr 2025 präsentiert, bei der DDG-Frühjahrstagung in Berlin in der nächsten Woche werden die Daten aus dem Jahr 2026 in einier Reihe von Vorträgen und Postern präsentiert. Sie sehen, die von Ihnen zur Verfügung gestellten Daten finden den Weg in die Öffentlichkeit!

Die Themen der Woche stellen den neuen internationalen Konsens zur Nutzung von Diabetes-Technologie in der Schwangerschaft vor, dann folgt der Stand der Dinge bei den implantierbaren Systemen und zum Schluss geht es um das Fördern oder fordern von Forschungsdaten aus öffentlich finanzierter Forschung. Auf geht’s!

  1. Brandt D, Hermanns N, Ehrmann D, Kulzer B, Diem P, Ampudia-Blasco J, et al. The dt-Report: A Novel Real-World Data Approach to Understanding the Use and Impact of Diabetes Technology in European Countries. Journal of Diabetes Science and Technology. 2026;0(0):19322968261436830. doi: 10.1177/19322968261436830. PubMed PMID: 41933491.
  2. Hossmann S, Lizoain A, Roos T, Brandt D, Ehrmann D, Kulzer B, et al. Green Diabetes: Already a Decisive Factor for or Against Technology for People Living With Diabetes? Journal of Diabetes Science and Technology. 2026;0(0):19322968261436839. doi: 10.1177/19322968261436839. PubMed PMID: 41964171.

Mehr Sicherheit für zwei – es gibt einen neuen Konsens zur Nutzung von Diabetes-Technologie in der Schwangerschaft. Hintergrund ist, dass sich die Versorgung von Frauen mit Diabetes in der Schwangerschaft rasant weiterentwickelt. Neue Technologien eröffnen Chancen für eine bessere Glucosekontrolle, gleichzeitig wächst der Bedarf an klaren, praxisnahen Empfehlungen. Ein internationaler Konsens schafft hier nun Orientierung:

Neuer internationaler Konsens zu Diabetes-Technologien in der Schwangerschaft

In einer renommierten europäischen Fachzeitschrift wurden neue Leitlinien zur Nutzung von Diabetes-Technologien während der Schwangerschaft veröffentlicht [1]. Unter der Leitung von Katrien Benhalima (Belgien) haben Expertinnen und Experten aus sechs Kontinenten diese Empfehlungen erarbeitet, unterstützt von 25 Fachgesellschaften und Organisationen.

Wie nah sind wir am implantierbaren AID-System? Die Automatisierte Insulindosierung hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Doch ein Wunsch bleibt: eine wirksame Therapie, die im Alltag kaum noch sichtbar ist. Wie realistisch dieser nächste Schritt ist, zeigt der:

Stand der Dinge bei implantierbaren AID-Systemen

Moderne (Hybrid-)Systeme zur Automatisierten Insulindosierung (AID) entwickeln sich zunehmend zum Standard in der Therapie von Menschen mit Typ-1-Diabetes – und perspektivisch auch bei Typ-2-Diabetes. Dennoch bleibt die Technik sichtbar: Glucosesensoren auf der Haut, Katheter und Schläuche, die Notwendigkeit von regelmäßigen Sensorwechseln, Aufladen von Batterien und das Nachfüllen von Insulinreservoirs. Die Systeme verlangen tägliche Aufmerksamkeit und ein „Vergessen“ der Erkrankung ist kaum möglich.

Offene Daten, offener Code – wie viel Transparenz braucht die Forschung? Die Forderung nach mehr Transparenz in der medizinischen Forschung ist nicht neu. Doch mit den Möglichkeiten moderner Open-Source-Tools stellt sich die Frage heute schärfer denn je: Reicht es, Offenheit zu fördern – oder sollte sie zur Pflicht werden?

Fördern oder fordern von Forschungsdaten aus öffentlich finanzierter Forschung

Die Bereitstellung von Forschungsdaten in frei zugänglichen Datenbanken („Repositories“) bietet sowohl für die Wissenschaft insgesamt als auch für einzelne Forschende erhebliche Vorteile. In einem aktuellen Artikel haben sich rund 90 Autorinnen und Autoren – darunter Kliniker, Wissenschaftler und Ingenieure, auch aus Deutschland, mit genau dieser Frage beschäftigt.

Das Bild der Woche

Erdöl wird knapp! Zeit, dass wieder die alten Pumpen angetrieben werden,
um den kostbaren Stoff aus der Tiefe herauszuholen. Das Foto wurde in Bakersfield,
nördlich von Los Angeles, aufgenommen, wo immer noch Erdöl aus dem Boden gepumpt wird.

 

Zum Schluss noch wie immer das Letzte

Nun gibt es ihn tatsächlich, den heiligen Gral des Computings. Er kommt aus Deutschland, genauer gesagt von dem sächsischen Startup SaxonQ, heißt auch so und sieht aus wie ein kleiner Kühlschrank, nur in schwarz. Er wiegt auch nicht viel mehr und hat eine Glasfront mit Touchscreen. Ansonsten bracht er nur eine Steckdose und etwas Strom und wird damit die Welt verändern – die Rede ist vom Quantencomputer.

Quantencomputer rechnen mit sogenannten Qubits und sind damit nicht nur schneller, sondern grundlegend anders als klassische Rechner, weil sie viele Zustände gleichzeitig verarbeiten und damit Probleme lösen, an denen herkömmliche Computer schlicht scheitern. Er hat die für Laien schwer verständliche Eigenschaft, zwei Zustände auf einmal annehmen zu können. Anders als ein herkömmlicher Computer gibt es also keinen Wechsel zwischen 1 und 2 (auch nicht ganz schnell), sondern sowohl 1 UND 2 gleichzeitig. Das ermöglicht die Rechenleistung nicht nur mit binären Zuständen, sondern auch mit den unendlich vielen Zuständen dazwischen und macht den Quantenrechner gegenüber ihren traditionellen Gegenstücken in der heutigen Computerwelt so überlegen.

Knifflige mathematische Aufgaben werden in Windeseile gelöst, riesige Datenbanken werden in Sekundenbruchteilen durchforstet und komplexe chemische und physikalische Prozesse können nachgeahmt werden. Damit lassen sich neue Medikamente entwickeln, unentdeckte Krankheiten erkennen, neue Stoffe und Materialien erstellen und bislang ungelöste mathematische Rätsel lösen. Leider können sie auch bislang sicherste Codes ohne Mühe knacken, was Sicherheitsfachleuten in Banken, Versicherungen und staatlichen Behörden wohl schon jetzt schlaflose Nächte bereiten dürfte.

Nun geht es um die Einsatzfähigkeit dieser Wundermaschinen und natürlich um die Märkte. Die großen Hürden sind jetzt nicht mehr physikalischer Natur, sondern ganz praktisch: Wie bringt man die Technologie in den Alltag? In die Unternehmen, in die Universitäten, in die Breite? Das alles ist keine ferne Zukunft mehr. Weltweit entstehen bereits Hunderte von Unternehmen, Milliarden fließen in die Technologie, und 2026 gilt als das Jahr, in dem Quantencomputing zur strategischen Frage für Unternehmen wird. Deutschland mischt dabei ganz vorne mit, mit Forschung, Industrie, Start-ups und staatlicher Förderung. Ein ganzes Ökosystem entsteht gerade. In Ehningen bei Stuttgart läuft bereits ein kommerzieller Quantenrechner. In Jülich wird an mehreren Systemen und einer eigenen Infrastruktur gearbeitet. In Garching bei München entsteht ein europäischer Forschungsschwerpunkt, während gleichzeitig in Darmstadt, Hamburg, Hannover und weiteren Städten neue Plattformen und Prototypen aufgebaut werden. 

Vielleicht liegt darin Deutschlands Chance: Nicht im einen spektakulären Wurf, sondern in der stillen Stärke eines dichten, klugen Netzwerks, das Zukunft möglich macht. Das kennen wir doch aus der Stärke des Mittelstands, der unser Land in der Vergangenheit wohlhabend gemacht hat.

Das war’s mal wieder für die Woche. Hoffnungsvoll gehen wir nun gemeinsam ein schönes und entspanntes Wochenende. Nächste Woche ist DDG in Berlin und anschließend eine kurze Pfingstpause, dann gibt es keinen weekly. Dafür werden wir anschließend berichten, was der deutsche Diabetes-Kongress an Neuheiten gebracht hat. Passen Sie auf sich auf,

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Dieser Artikel erscheint als Teil des wöchentlichen Letters zu hochaktuellen Entwicklungen im Bereich Diabetes Technologie. Nutzen Sie das nebenstehende Formular um sich für den diatec weekly Newsletter anzumelden!

Mit freundlichen Grüßen