Moderne (Hybrid-)Systeme zur Automatisierten Insulindosierung (AID) entwickeln sich zunehmend zum Standard in der Therapie von Menschen mit Typ-1-Diabetes – und perspektivisch auch bei Typ-2-Diabetes. Dennoch bleibt die Technik sichtbar: Glucosesensoren auf der Haut, Katheter und Schläuche, die Notwendigkeit von regelmäßigen Sensorwechseln, Aufladen von Batterien und das Nachfüllen von Insulinreservoirs. Die Systeme verlangen tägliche Aufmerksamkeit und ein „Vergessen“ der Erkrankung ist kaum möglich.
Der lang gehegte Wunsch ist daher klar: diese Komponenten vollständig in den Körper zu integrieren, also zu implantieren. Ein solches System würde Glucosemessung und Insulinabgabe unsichtbar machen und den Pflegeaufwand deutlich reduzieren. Für viele Menschen mit Diabetes ist diese Diskretion ein wichtiger Aspekt – nicht unmittelbar als erkrankt erkennbar zu sein!
Die Idee ist nicht neu. Bereits vor deutlich mehr als zehn Jahren verfolgte MiniMed intensiv die Entwicklung eines vollständig implantierbaren AID-Systems. Grundlage war damals eine implantierbare Insulinpumpe, die in einigen Ländern auch tatsächlich klinisch eingesetzt wurde. Ergänzt wurde sie durch einen implantierbaren Glucosesensor, dessen Messspitze in ein größeres Blutgefäß eingebracht wurde und direkt mit der Pumpe verbunden war. Während Tierversuche vielversprechend verliefen, zeigte sich in klinischen Studien, unter anderem in Montpellier bei Prof. Eric Renard, eine unzureichende Langzeitstabilität. Deshalb wurde die Entwicklung letztlich eingestellt.
In den folgenden Jahren blieb es auf diesem Gebiet vergleichsweise ruhig. Für ein vollständig implantierbares System sind sowohl langlebige Glucosesensoren als auch zuverlässige Insulinpumpen erforderlich, die dauerhaft im Körper funktionieren. Die Kommunikation könnte prinzipiell drahtlos erfolgen, etwa via Bluetooth – allerdings bleibt die Interaktion über ein externes Gerät wie ein Smartphone notwendig.
Deutliche Fortschritte gibt es hingegen bei den AID-Algorithmen und der Rechenleistung. Moderne Smartphones fungieren heute als leistungsstarke Steuerzentralen: Sie verarbeiten Glucosedaten, steuern die Insulinabgabe, visualisieren Werte und ermöglichen die Weiterleitung in Cloud-Systeme. Die Qualität der Glucosekontrolle hat sich dadurch erheblich verbessert, auch unter Alltagsbedingungen wie Mahlzeiten oder körperlicher Aktivität.
Bei den implantierbaren CGM-Systemen gibt es ebenfalls Bewegung. Ein Beispiel ist das CGM-System Eversense von Senseonics, das für bis zu ein Jahr unter die Haut implantiert werden kann und in diesem Zeitraum kontinuierlich Glucosedaten liefert. Damit entfällt für die Nutzer ein Großteil des bisherigen Aufwands für Sensorwechsel. Gleichzeitig bleibt die bekannte Herausforderung bestehen: Die Messung erfolgt nicht im Blut direkt, sondern in der interstitiellen Flüssigkeit und erfordert die Berücksichtigung zeitlicher Verzögerungen bei den Messwerten im Vergleich zur Blutglucose.
Einen pragmatischen Zwischenschritt stellen Patch-Pumpen dar. Sie sind kleiner, unauffälliger und einfacher zu handhaben als klassische Pumpensysteme mit Schlauch. Der Erfolg entsprechender Systeme zeigt, wie groß der Bedarf an diskreter und alltagstauglicher Technologie ist.
Vollständig implantierbare Insulinpumpen befinden sich auch weiterhin in Entwicklung, doch ihr Markteintritt ist schwer abzuschätzen. Technische Herausforderungen wie etwa die Stabilität von Insulin bei Körpertemperatur über längere Zeiträume sind ein bislang ungelöstes Problem. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass aktuell keines der üblichen Medizinproduktefirmen ein vollständig implantierbares AID-System aktiv zur Marktreife bringt. Der Entwicklungsaufwand ist immens hoch, die regulatorischen Hürden ebenso.
Eine interessante Perspektive bietet jedoch das EU-geförderte Projekt Music4Diabetes. Ziel ist die Entwicklung eines vollständig implantierbaren Systems, das eine hochpräzise Insulinabgabe mit einem Multisensorsystem kombiniert. Technologische Ansätze wie MEMS-Membranpumpen sollen die Genauigkeit und Zuverlässigkeit weiter verbessern. Bis zur klinischen Anwendung dürfte es allerdings noch mehrere Jahre dauern.
Fazit: Die Vision bleibt unverändert: eine möglichst stabile Glucosekontrolle bei gleichzeitig minimaler Belastung der Nutzer durch die Therapie, auch psychisch. Vollständig implantierbare AID-Systeme könnten diesem Ziel sehr nahekommen. Derzeit sind sie jedoch nicht verfügbar, und es ist absehbar, dass sich daran kurzfristig wenig ändern wird.
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