Unter der Vielzahl von Symposien, Vorträgen, Industrieveranstaltungen und Postern zeigten sich thematisch drei große Bereiche: Beyond GLP-1 mit Triple Agonisten und oralen Inkretinen, dann das große Technologiefeld AID-Systeme und Typ-2 Diabetes und als drittes Themenfeld: Diabetes beginnt vor der Diagnose – Screening, Immuntherapie und Betazellersatz. Damit lässt sich klar erkennen, wohin die Reise geht: Diabetes wird größer als Diabetes! Natürlich geht es auch weiterhin um Glucosewerte, HbA1c, Insulin und Technologie, aber die Grenzen verschieben sich.
Typ-2-Diabetes wird inzwischen immer stärker als Teil einer kardiometabolischen Erkrankung verstanden, denn Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenerkrankungen und MASH, also die metabolisch-bedingte Fettleber, gehören längst mit in dasselbe Bild. Die GLP-1-Rezeptoragonisten und auch die SGLT2-Hemmer haben diese Entwicklung beschleunigt, Mittlerweile wird sogar offen darüber diskutiert, ob das Standard-Medikament Metformin tatsächlich noch immer automatisch am Anfang jeder Therapie stehen muss.
Gleichzeitig steht bereits die nächste Generation von Medikamenten in den Startlöchern. Amylin, der andere hormonelle Weg neben GLP-1 und die Kombinationen verschiedener Hormonsysteme gehörten ebenso wie die Triple-Agonisten zu den auffälligen Themen dieses Kongresses. Und mit potenten oralen GLP-1-Rezeptoragonisten könnte sich die Therapie noch einmal grundlegend verändern. Die Frage lautet also längst nicht mehr nur: Wie stark lässt sich der HbA1c senken? Sondern: Wie umfassend können wir den gesamten Stoffwechsel beeinflussen und möglicherweise gleichzeitig Herz, Niere und Leber schützen?
Auch bei der Diabetes-Technologie ist Bewegung. AID-Systeme werden zunehmend nicht mehr als Hightech-Lösung für eine ausgewählte Gruppe besonders geeigneter Menschen mit Typ-1-Diabetes verstanden, sondern entwickeln sich in Richtung Standardtherapie. Gleichzeitig rückt Typ-2-Diabetes immer stärker in den Fokus. Das ist vermutlich eine der wichtigsten Entwicklungen überhaupt, denn Diabetes-Technologie verlässt damit eine gewisse Nische.
Damit verändert sich auch die Rolle von CGM. Diese Systeme zeigen längst nicht mehr nur Glucosewerte an, sie analysieren kontinuierlich die Daten, erkennen Muster, ermöglichen Vorhersagen und liefern damit perspektivisch die Grundlage für Telemonitoring, frühzeitige Interventionen und Triage-Systeme . Das wird spannend für die zukünftige Versorgung, denn Technologie ist dann nicht mehr nur ein Produkt am Körper des Menschen mit Diabetes, sondern wird Teil einer völlig neuen Versorgungsstruktur.
Und noch etwas verschiebt sich: Auch Typ-1-Diabetes beginnt zunehmend vor der eigentlichen Diagnose. Screening auf Inselautoantikörper, Stadieneinteilung, Immunintervention und perspektivisch der Ersatz von Betazellen verändern unser Verständnis der Erkrankung. Aus einer Diagnose, die bisher meist mit Hyperglykämie und nicht selten einer Ketoazidose begann, kann ein Prozess werden, den wir schon Jahre vorher erkennen und möglicherweise beeinflussen können.
Fazit: Bei aller Begeisterung für neue Medikamente, Sensoren und Algorithmen ist es gut, dass auf diesem EASD auch ein anderes Thema sichtbar wurde: „Diabetes Distress“. Denn am Ende entscheidet nicht allein die technisch perfekte Therapie darüber, ob eine Behandlung erfolgreich ist. Entscheidend ist auch, ob Menschen sie im Alltag tragen und nutzen können, im wahrsten und in einem übertragenen Sinne. Das ist auch die wichtigste Botschaft dieses Kongresses: Die Diabetologie wird breiter, komplexer und zugleich vernetzter, denn Medikamente, Technologie, Prävention, Psychologie und Versorgung lassen sich immer weniger getrennt voneinander betrachten und das ist eine ziemlich spannende Entwicklung.
Dieser Artikel erscheint als Teil des wöchentlichen Letters zu hochaktuellen Entwicklungen im Bereich Diabetes Technologie. Nutzen Sie das nebenstehende Formular um sich für den diatec weekly Newsletter anzumelden!
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