Herzlich willkommen beim diatec-weekly,

was macht technischer Fortschritt mit Verlustangst und welche Antworten werden wir auf die Frage finden, wie wir als Gesellschaft mit Menschen umgehen, deren Arbeit plötzlich nicht mehr gebraucht wird? Das sind wesentliche Fragen, auf die wie so häufig ein Blick zurück hilft. Denn auch wenn sich Geschichte nicht wiederholt, kommt sie doch in Zyklen und lässt uns aus den Erfahrungen vergangener Generationen lernen – wenn wir denn dazu bereit sind.

Arbeitswelten haben sich andauernd verändert. Berufe sind entstanden und wieder verschwunden. Kaum jemand denkt heute noch an den Schriftsetzer, der einzelne Bleilettern zu Zeilen zusammensetzte, oder an den Telefonisten, der Gespräche von Hand vermittelte, oder an den Laternenanzünder, der Abend für Abend durch die Straßen zog. Auch der Lochkartenstanzer, der Telegrammbote, der Fahrstuhlführer oder das Fräulein vom Amt sind aus unserem Alltag nahezu vollständig verschwunden. Und die Weber natürlich! Manche dieser Berufe leben als romantisierte Handwerkskunst weiter, andere haben sich in neue Tätigkeiten verwandelt. Aus dem Schriftsetzer wurde der Mediengestalter, aus dem technischen Zeichner der CAD-Spezialist, aus dem Bankangestellten hinter dem Schalter ein Berater für digitale Finanzprodukte. Fortschritt vernichtet Arbeit nicht unbedingt, sondern manchmal zerlegt er sie und setzt sie neu zusammen.

Die schlesischen Weber gehören zu den Symbolfiguren einer Arbeitswelt, die aus den Fugen gerät. In Gerhart Hauptmanns Drama Die Weber sind sie keine romantischen Helden und auch keine blinden Maschinenstürmer. Sie sind Menschen, deren Arbeit immer weniger wert ist, obwohl sie immer härter arbeiten. Menschen, die erleben müssen, wie ein Beruf, der über Generationen Familien ernährt, Identität gestiftet und handwerkliches Können verlangt hat, plötzlich unter die Räder des Fortschritts gerät. Der mechanische Webstuhl war dabei nicht der Feind, sondern vielmehr das sichtbare Zeichen einer Veränderung, die sich nicht mehr aufhalten ließ. Die industrielle Produktion wurde schneller, billiger und effizienter und nannte sich Fortschritt. Nur kam dieser Fortschritt bei den Webern nicht als Wohlstand an, sondern als Lohnkürzung, Hunger und Existenzangst.

Genau das macht ihre Geschichte bis heute so aktuell. Wieder stehen wir vor massiven Veränderungen der Arbeitswelt, wenn die KI tatsächlich viele der heutigen Berufe obsolet machen wird. Während Automatisierung als Gefahr für körperliche und repetitive Arbeit galt, weil Roboter Karosserien zusammenschweißen und Maschinen Pakete sortieren, greift Automatisierung heute auf Tätigkeiten über, die wir bislang für ausgesprochen menschlich hielten: Schreiben, übersetzen, recherchieren, programmieren, gestalten, diagnostische Muster erkennen oder Kunden beraten. All diese Tätigkeiten erleben wir nun dank künstlicher Intelligenz mit neuer Geschwindigkeit und in ungewohnter Breite.

Damit geraten Berufe unter Druck, die sich selbst lange auf der sicheren Seite des Fortschritts gesehen haben. Übersetzer erleben, dass Standardtexte innerhalb weniger Sekunden in jedwede gewünschte Sprache übersetzt werden. Grafiker konkurrieren mit Programmen, die auf ein paar Klicks phantastische Bilder erzeugen. Mitarbeitende in Callcentern werden durch Sprachsysteme ersetzt. Sachbearbeiter sehen, wie KI Dokumente prüft, Anträge vorsortiert und Antworten formuliert. Journalisten, Juristen, Programmierer, Lehrer und Ärzte werden vielleicht nicht verschwinden, aber Teile ihrer bisherigen Arbeit werden es möglicherweise tun. Und hier haben wir einen entscheidenden Punkt: Meist verschwindet nicht sofort der ganze Beruf, sondern einzelne Aufgaben. Die Routine, die Vorarbeit, der erste Entwurf, die Recherche, die Dokumentation – all das macht KI besser, schneller und sinnvoller.

Dies kann und wird aber dazu führen, dass Stellen immer weiter abgebaut werden. Erst werden keine Berufsanfänger mehr ausgebildet, schließlich werden Erfahrungsketten unterbrochen. Und dann ist irgendwann keiner mehr da, der noch einen guten Text schreiben kann. Niemand trifft mehr verantwortungsvolle Entscheidungen, wenn die vorbereitenden Aufgaben von Maschinen übernommen werden. Und wer kontrolliert die Ergebnisse, wenn immer weniger Menschen die zugrunde liegende Arbeit beherrschen? Wer entwickelt überhaupt noch so etwas wie Urteilskraft ?

Die Weber des 19. Jahrhunderts konnten den mechanischen Webstuhl nicht aufhalten. Und vermutlich werden auch wir die künstliche Intelligenz nicht aufhalten, jedenfalls nicht dauerhaft und auch nicht dadurch, dass wir ihre Programme wieder zertrümmern. Die wichtigere Frage lautet deshalb nicht, ob der Fortschritt kommt, sondern wie wir ihn gestalten. Und damit kommen weitere Fragen auf uns zu: Wer profitiert eigentlich von höherer Produktivität? Was geschieht mit den Menschen, deren Tätigkeit entwertet wird? Wie organisieren wir Weiterbildung, soziale Sicherheit und neue berufliche Perspektiven? Und wie verhindern wir, dass der technische Gewinn privatisiert, die gesellschaftlichen Folgen aber der Allgemeinheit überlassen werden?

Für die Betroffenen ist das kein historischer Prozess, sondern eine sehr persönliche Erfahrung. Wer seinen Beruf verliert, verliert nicht nur sein Einkommen. Arbeit ist Anerkennung und Zugehörigkeit, ist Wissen und Routine. Arbeit gibt dem Tag Struktur und dem Menschen das Gefühl, gebraucht zu werden. Wenn eine Maschine diese Arbeit übernimmt, wird daher nicht nur ein Produktionsschritt ersetzt, es gerät auch ein Teil der eigenen Identität ins Wanken.

Die eigentliche Erkenntnis der Weber ist also nicht, dass Maschinen schlecht sind. Aber sie zeigt, dass Fortschritt gesellschaftlich scheitern kann, wenn er Menschen zurücklässt. Technologie braucht deshalb mehr als Erfinder, Investoren und beeindruckende Geschäftsmodelle. Sie braucht Regeln, Verantwortung und eine Vorstellung davon, welche Arbeitswelt wir eigentlich schaffen wollen. Eine Welt, in der der Mensch nur noch die Lücken füllt, die der Algorithmus übrig lässt? Oder eine Welt, in der Maschinen Routine übernehmen und Menschen dadurch mehr Zeit für Urteilskraft, Kreativität, Fürsorge und persönliche Begegnung gewinnen?

Gerhart Hauptmann machte in seinem Drama nicht die Maschine zur Hauptfigur, sondern die Weber. Vielleicht liegt darin auch für unsere Zeit ein wichtiger Hinweis: Im Mittelpunkt des technischen Wandels sollte nicht stehen, was eine Maschine alles kann. Sondern was aus den Menschen wird, deren Arbeit sie verändert. Die Weber konnten ihren alten Beruf nicht retten. Aber ihre Geschichte erinnert uns bis heute daran, dass wir nicht nur an der Zukunft unserer Technologien weben. Wir weben immer auch an der Zukunft unserer Gesellschaft.

Themen der Woche – der Konflikt zwischen Teilen der Diabetes-Community eskaliert weiter und inzwischen rufen führende Wissenschaftler offen zum Boykott auf. Im zweiten Beitrag geht es noch einmal um den HbA1c und seine zukünftige Bedeutung in der CGM-Welt und im dritten und letzten Beitrag beschäftigen wir uns ein weiteres Mal mit Automatisierten Insulinabgabesysteme im Krankenhaus. Auf geht’s!

Kaum ist über die jüngste Eskalation im Konflikt zwischen Teilen der Diabetes-Community und der American Diabetes Association (ADA) berichtet worden, folgt bereits der nächste Schritt: Führende Wissenschaftler und Mitglieder der Fachgesellschaft rufen inzwischen offen zum Boykott der ADA auf. Der Streit um die Ereignisse bei den Scientific Sessions in New Orleans entwickelt sich damit zunehmend zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung um Führung, Transparenz und wissenschaftliche Unabhängigkeit:

Rasche Entwicklungen bei der ADA-Story – Aufruf zum Boykott!

Zur Erinnerung: Bei den ADA Scientific Sessions 2026 in New Orleans wurden am 5. Juni 26 fünf renommierte Wissenschaftler aus dem Kongresszentrum entfernt. Sie hatten Nachdrucke eines bereits in Diabetes Care veröffentlichten Editorials verteilt, das sich kritisch mit Kürzungen der US-Forschungsförderung auseinandersetzte. Die ADA erklärte später, die Entfernung sei wegen störenden Verhaltens erfolgt und nicht wegen des Inhalts des verteilten Materials. Die betroffenen Wissenschaftler und zahlreiche Beobachter widersprechen dieser Darstellung.

HbA1c zum zweiten! Wie bereits vergangene Woche berichtet, gilt der Wert seit Jahrzehnten als zentraler Marker der langfristigen Glucosekontrolle, der allerdings bei gleicher mittlerer Glucosekonzentration von Person zu Person deutlich unterschiedlich ausfallen kann. Eine aktuelle Studie zeigt nun, dass ein personalisierter HbA1c-Wert diese Diskrepanz erheblich reduzieren könnte:

Personalisierte HbA1c-Werte zur besseren Übereinstimmung mit der mittleren Glykämie

HbA1c und durchschnittliche Glucosewerte stimmen nicht bei allen Menschen gleichermaßen gut überein. Ursache dafür sind unter anderem individuelle Unterschiede in der Lebensdauer und Physiologie der roten Blutkörperchen sowie in der Glykierung. Dadurch können zwei Personen mit vergleichbarer mittlerer Glykämie deutlich unterschiedliche HbA1c-Werte aufweisen.

Automatisierte Insulinabgabesysteme haben sich im ambulanten Bereich längst etabliert. Im Krankenhaus werden sie dagegen bislang nur zurückhaltend eingesetzt. Eine aktuelle Metaanalyse zeigt nun: Auf Normalstationen können AID-Systeme die Glucosekontrolle deutlich verbessern – ohne erkennbaren Anstieg von Hypoglykämien:

Automatisierte Insulinabgabesysteme im Krankenhaus – Was bringt AID stationär?

Bis zu 20 % der hospitalisierten Patienten haben Diabetes. Das Glucosemanagement im Krankenhaus ist besonders anspruchsvoll, weil akute Erkrankungen, Infektionen, Medikamente, Operationen, veränderte Ernährung und wechselnde Insulinsensitivität die Glucosewerte erheblich beeinflussen können. Gleichzeitig sind sowohl Hypo- als auch Hyperglykämien mit ungünstigeren klinischen Verläufen assoziiert.

Das Bild der Woche

Freier Fall! So wie sich die Springerin aus 20 Metern Höhe in einen
Pool stürzt, dürfte sich der Absturz für die etablierten deutschen Parteien anfühlen.

***

 Zum Schluss noch wie immer das Letzte

Mecklenburg-Vorpommern hat gewählt. Und zum ersten Mal ist die AfD dort stärkste politische Kraft geworden. 38,2 %. Mehr als doppelt so viel wie noch vor fünf Jahren und mehr, als alle etablierten Parteien noch an Ergebnissen erwarten dürfen. Wir schauen auf dieses Ergebnis und müssen gestehen: Es macht uns ratlos und betroffen. Wir verstehen einen Teil des Landes, in dem wir leben, immer weniger.

Natürlich wollen wir niemandem vorschreiben, was er zu wählen hat. Demokratie bedeutet nun gerade, dass Menschen unterschiedlich denken und ihre Entscheidungen auch auf unterschiedliche Erfahrungen machen dürfen. Natürlich gibt es gute Gründe für die Unzufriedenheit … mit der Bundesregierung, mit überbordender Bürokratie, mit Migration ohne ernsthafte Eingliederung, mit wirtschaftlicher Unsicherheit und steigenden Kosten und mit dem Gefühl, dass Politik weit weg vom eigenen Alltag stattfindet.

Aber trotzdem bleibt eine Frage, die uns seit Sonntag nicht loslässt: Was erwartet ihr eigentlich? Was soll nun besser werden? Ganz konkret gefragt – wie soll dieses Land zukünftig aussehen? Was genau soll wie verbessert werden … in den Schulen, Krankenhäusern und Pflegeheimen, in den Betrieben, auf dem Land, bei den Renten, bei der Energieversorgung? Woher sollen die Fachkräfte kommen? Wie soll Deutschland in Europa bestehen? Wie mit seinen Nachbarn zusammenarbeiten? Wie wirtschaftlich erfolgreich bleiben – oder es zumindest wieder werden?

Es reicht nicht, zu wissen, wogegen man ist. Man muss auch sagen, wofür man steht und wie der Weg dorthin aussehen soll. Protest ist verständlich, auch Wut und auch der Wunsch nach Veränderung. Aber bei einer Wahl gibt man nicht nur seiner Enttäuschung Ausdruck. Man überträgt Menschen politische Verantwortung und diese Menschen müssen dann für uns sorgen. Uns gute Schulen zur Verfügung stellen, befahrbare Straßen, Brücken, die halten, funktionierende Unternehmen mit Arbeitsplätzen, die wir gerne annehmen. Sie müssen unsere Freiheit sichern, für unsere Sicherheit sorgen und unser Zusammenleben organisieren. Auch für die Zukunft der eigenen Kinder und Enkel. Ja, wir hören sehr wohl, was viele Menschen nicht mehr wollen. Aber wir würden so gerne verstehen, was sie stattdessen erwarten. Irgendwann in naher Zukunft muss aus dem Protest auch mal ein Plan werden und darauf sind wir sehr gespannt.

Wir schließen die Woche mit einem „Games of Throne“-Gefühl, das sich gerade in uns ausbreitet: „Der Winter naht!“ Wir hoffen, dass er nicht allzu lang und kalt wird.

Ein schönes Wochenende wünschen,

der wöchentliche Newsletter zu aktuellen Entwicklungen zum Thema Diabetes und Technologie.

Für den Versand unserer Newsletter nutzen wir rapidmail. Mit Ihrer Anmeldung stimmen Sie zu, dass die eingegebenen Daten an rapidmail übermittelt werden. Beachten Sie bitte deren AGB und Datenschutzbestimmungen .

Dieser Artikel erscheint als Teil des wöchentlichen Letters zu hochaktuellen Entwicklungen im Bereich Diabetes Technologie. Nutzen Sie das nebenstehende Formular um sich für den diatec weekly Newsletter anzumelden!

Mit freundlichen Grüßen