Ein internationales Expertengremium aus 26 Wissenschaftlern und Klinikern (ohne deutsche Beteiligung!) hat eine praxisorientierte Stellungnahme zum Einsatz von CGM, Insulinpumpen und automatisierten Insulinabgabesystemen (AID) im stationären Bereich veröffentlicht [1]. Unterstützt wurde diese Initiative von den Joint British Diabetes Societies for Inpatient Care (JBDS-IP), der Australian Diabetes Society sowie der EASD und der ADA.
Ziel der Stellungnahme ist es, das Glucose-Management bei stationären Patienten zu verbessern, die Behandlungsergebnisse zu optimieren und standardisierte Vorgehensweisen für die Einführung oder Fortführung der Nutzung dieser Technologien bei nicht kritisch erkrankten erwachsenen Krankenhauspatienten zu etablieren.
Die Autoren formulieren Empfehlungen zu neun zentralen Themenbereichen für den sicheren und wirksamen Einsatz von Diabetestechnologie im Krankenhaus:
- Auswahlkriterien für den Einsatz von Diabetestechnologie
- CGM-basierte Glucosewerte und Zielbereiche für Erwachsene mit Diabetes
- Empfehlungen zur Insulintitration und -verabreichung
- Perioperative Versorgung
- CGM-Alarmeinstellungen bei Hypo- und Hyperglykämien
- Schulung des klinischen Personals und Gestaltung der Arbeitsabläufe
- Integration der Gerätedaten in die elektronische Patientenakte
- Umgang mit Diabetestechnologie bei bildgebenden Untersuchungen
- Entlassungsplanung
Und was sagt die Studienlage? Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass der Einsatz moderner Diabetestechnologie auch im Krankenhaus zu einer verbesserten Glucosekontrolle beitragen kann. Dies spricht zugleich dafür, CGM-Zielwerte an die besonderen Bedingungen der stationären Versorgung anzupassen.
In einer randomisierten kontrollierten Studie (n = 81), in der eine sensorunterstützte Insulinpumpentherapie ohne AID mit einer intensivierten konventionellen Insulintherapie (MDI) und Point-of-Care-Blutzuckermessungen (POC) verglichen wurde, traten unter der Pumpentherapie weniger Hypo- und Hyperglykämien auf [2]. Weitere Studien zum Einsatz von AID bei stationären Patienten zeigten gegenüber konventionellen Behandlungsansätzen eine Verbesserung der Time in Range (TIR, 100–180 mg/dl) um etwa 20–30 Prozentpunkte [3, 4].
Obwohl bei der praktischen Umsetzung weiterhin Herausforderungen bestehen, insbesondere bei der Integration in klinische Arbeitsabläufe und hinsichtlich der bislang begrenzten Daten zur Kosteneffizienz, spricht sich das Expertengremium ausdrücklich für einen breiteren Einsatz von CGM im Krankenhaus aus. So kann auch bei Patienten, die bisher noch kein CGM-System nutzen, eine Initiierung während des stationären Aufenthalts sinnvoll sein, insbesondere wenn diese durch ein spezialisiertes Diabetes-Team begleitet wird.
Bei Patienten, die bereits eine Insulinpumpe oder ein AID-System nutzen, kann das Absetzen der gewohnten Technologie zu Frustration und einem empfundenen Kontrollverlust führen. Die Autoren empfehlen daher, die Nutzung von CGM fortzuführen, sofern entweder der Patient selbst oder das klinische Personal einen sicheren Umgang mit dem System gewährleisten kann. Auch die Fortführung einer Insulinpumpen- oder AID-Therapie ist unter geeigneten Voraussetzungen möglich, wobei die Fähigkeit zum sicheren Selbstmanagement regelmäßig überprüft werden sollte [5].
Menschen mit Diabetes sollten ausdrücklich dazu ermutigt werden, ihre Glucose- und gegebenenfalls Insulindaten mit dem Klinikpersonal zu teilen. Diese Informationen können die Therapieentscheidungen unterstützen, wobei bei Bedarf weiterhin professionelle POC-Blutzuckermessungen zur Überprüfung der CGM-Werte eingesetzt werden sollen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt betrifft den Einsatz von CGM während diagnostischer Untersuchungen. Die Stellungnahme weist darauf hin, dass bestimmte CGM-Systeme bei Röntgen-, CT- und sogar MRT-Untersuchungen nicht mehr grundsätzlich entfernt werden müssen. Voraussetzung ist allerdings, dass die jeweiligen Herstellervorgaben dies ausdrücklich erlauben. Damit entfällt für einige Systeme eine bisher erhebliche praktische Hürde, da die Glucose-Überwachung nicht bei jeder bildgebenden Untersuchung unterbrochen werden muss [6].
Die Autoren plädieren außerdem für klar definierte klinische Abläufe und standardisierte Entscheidungsprozesse. Das Diabetesmanagement im Krankenhaus sollte sich stärker an den tatsächlichen Versorgungsbedingungen orientieren. Im Vordergrund stehen dabei: die Vermeidung von Hypoglykämien, die Prävention akuter Stoffwechselentgleisungen und die Verbesserung der Behandlungsergebnisse.
Gerade bei der Insulintitration können CGM-basierte Protokolle helfen, Hypoglykämien durch sich überlagernde Insulinwirkungen zu vermeiden. Allerdings bedeutet eine größere Menge verfügbarer Glucosedaten nicht automatisch bessere Therapieentscheidungen. Im Gegenteil: Die kontinuierliche Datenflut kann das klinische Personal auch verunsichern, wenn klare Handlungsanweisungen fehlen.
Wie wichtig standardisierte Protokolle, strukturierte Leitlinien und entsprechend geschultes Personal sind, zeigen unter anderem die Ergebnisse der DIATEC-Studie (n = 166) [7, 8]. In dieser randomisierten Studie wurde der Einsatz von CGM in Verbindung mit einem spezialisierten Diabetes-Team und strukturierten Insulintitrationsalgorithmen bei stationär aufgenommenen Patienten mit Typ-2-Diabetes untersucht. Dazu gehörten auch Patienten, die sich orthopädischen Eingriffen unterzogen. Gegenüber der Versorgung auf Basis intermittierender POC-Blutzuckermessungen verbesserte sich die TIR (70–180 mg/dl) um rund 15 %. Gleichzeitig wurden weniger Komplikationen während des Krankenhausaufenthalts beobachtet [8]. Auch eine weitere randomisierte Studie zum perioperativen Einsatz eines vollständig automatisierten AID-Systems zeigte eine verbesserte TIR (100–180 mg/dl), ohne dass therapiebedingte unerwünschte Ereignisse auftraten [9].
Vor diesem Hintergrund empfehlen die Autoren, CGM und eine darauf basierende Insulindosierung auch im perioperativen Umfeld fortzuführen, sofern die Voraussetzungen für eine sichere Anwendung erfüllt sind. Bei kürzeren chirurgischen Eingriffen, bei denen nicht mehr als eine Mahlzeit ausfällt, kann unter geeigneten Bedingungen auch die bestehende Pumpen- oder AID-Therapie weitergeführt werden.
Für die CGM-Alarmeinstellungen empfiehlt das Expertengremium bei den meisten stationären Patienten eine Hypoglykämie-Schwelle von 80 mg/dl und eine Hyperglykämie-Schwelle von 250 mg/dl. Die Grenzwerte sollen bei Bedarf individuell angepasst werden, um akute Glucose-Entgleisungen rechtzeitig zu erkennen und gleichzeitig eine übermäßige Alarmbelastung des Personals zu vermeiden.
Eine weitere wesentliche Voraussetzung für den breiten Einsatz von Diabetestechnologie im Krankenhaus ist die Integration der anfallenden Daten in die elektronische Patientenakte (Electronic Health Record, EHR). Hier empfehlen die Autoren, sich an den Vorgaben des Projekts „Integration of Continuous Glucose Monitor Data“ (iCoDE) zu orientieren. Solange eine automatisierte Datenübertragung noch nicht möglich ist, müssen relevante Informationen durch das klinische Personal manuell dokumentiert werden, sofern sie Grundlage therapeutischer Entscheidungen sind.
Standardisierte Dokumentationsbausteine und entsprechende krankenhausinterne Richtlinien sollen dabei helfen, eine zeitnahe, vollständige und nachvollziehbare Dokumentation sicherzustellen. Die Empfehlungen zur erstmaligen Nutzung beziehungsweise Fortführung von CGM im Krankenhaus sowie zur perioperativen Anwendung werden teilweise mit dem Evidenzgrad B bewertet. Viele Detailfragen, etwa zu Glucosezielen, Dokumentation und Entlassungsplanung, beruhen dagegen überwiegend auf Expertenkonsens (ADA-Evidenzstufe E). Für zahlreiche Aspekte der stationären Anwendung fehlt somit weiterhin eine ausreichend belastbare wissenschaftliche Evidenz. Die Autoren fordern deshalb zusätzliche Studien, insbesondere unter den Bedingungen der realen klinischen Versorgung.
Fazit: CGM entwickelt sich bei nicht kritisch erkrankten stationären Patienten zunehmend von einer innovativen Einzelmaßnahme zu einem wichtigen Baustein einer technologiegestützten Diabetesversorgung. Kontinuierlich verfügbare Glucosedaten, die frühzeitige Erkennung von Hypo- und Hyperglykämien, eine strukturierte Insulintitration und die erleichterte Fortführung der Überwachung bei diagnostischen Untersuchungen bieten erhebliche praktische Vorteile.
Entscheidend wird allerdings sein, wie erfolgreich sich diese Technologien in den klinischen Alltag integrieren lassen. Dafür braucht es standardisierte Protokolle, angepasste Arbeitsabläufe, geschultes medizinisches Personal und nicht zuletzt die technische Anbindung an bestehende Krankenhaus- und Dokumentationssysteme. Die Technologie ist also längst verfügbar. Jetzt kommt es darauf an, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass ihre Vorteile auch im Krankenhaus tatsächlich bei den Patienten ankommen.
Literatur
- Olsen MT, Spanakis EK, Thabit H, Dhatariya K, Mustafa OG, Avari P, et al. An international position statement on practical approaches for inpatient continuous glucose monitoring, insulin pumps and automated insulin delivery systems in adults. Diabetologia. 2026. doi: 10.1007/s00125-026-06838-8.
- Gu W, Liu Y, Chen Y, Deng W, Ran X, Chen L, et al. Multicentre randomized controlled trial with sensor-augmented pump vs multiple daily injections in hospitalized patients with type 2 diabetes in China: Time to reach target glucose. Diabetes Metab. 2017;43(4):359–63. Epub 20170221. doi: 10.1016/j.diabet.2016.12.009. PubMed PMID: 28236571.
- Davis GM, Hughes MS, Brown SA, Sibayan J, Perez-Guzman MC, Stumpf M, et al. Automated Insulin Delivery with Remote Real-Time Continuous Glucose Monitoring for Hospitalized Patients with Diabetes: A Multicenter, Single-Arm, Feasibility Trial. Diabetes Technol Ther. 2023;25(10):677–88. Epub 20230828. doi: 10.1089/dia.2023.0304. PubMed PMID: 37578778; PubMed Central PMCID: PMCPMC10611957.
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- Thompson B, Korytkowski M, Klonoff DC, Cook CB. Consensus Statement on Use of Continuous Subcutaneous Insulin Infusion Therapy in the Hospital. J Diabetes Sci Technol. 2018;12(4):880–9. Epub 20180421. doi: 10.1177/1932296818769933. PubMed PMID: 29681173; PubMed Central PMCID: PMCPMC6134295.
- Reger-Tan S, Heinemann L, Schwarz T, Häusler Y, Klose JM, Derlin T. Nutzung von Diabetestechnologie bei der Durchführung bildgebender Verfahren. Die Diabetologie. 2026. doi: 10.1007/s11428-026-01515-1.
- Olsen MT, Klarskov CK, Pedersen-Bjergaard U, Hansen KB, Kristensen PL. Summary of clinical investigation plan for The DIATEC trial: in-hospital diabetes management by a diabetes team and continuous glucose monitoring or point of care glucose testing – a randomised controlled trial. BMC Endocr Disord. 2024;24(1):60. Epub 20240506. doi: 10.1186/s12902-024-01595-4. PubMed PMID: 38711112; PubMed Central PMCID: PMCPMC11071255.
- Olsen MT, Klarskov CK, Jensen SH, Rasmussen LM, Lindegaard B, Andersen JA, et al. In-Hospital Diabetes Management by a Diabetes Team and Insulin Titration Algorithms Based on Continuous Glucose Monitoring or Point-of-Care Glucose Testing in Patients With Type 2 Diabetes (DIATEC): A Randomized Controlled Trial. Diabetes Care. 2025;48(4):569–78. doi: 10.2337/dc24-2222.
- Herzig D, Suhner S, Roos J, Schürch D, Cecchini L, Nakas CT, et al. Perioperative Fully Closed-Loop Insulin Delivery in Patients Undergoing Elective Surgery: An Open-Label, Randomized Controlled Trial. Diabetes Care. 2022;45(9):2076–83. doi: 10.2337/dc22-0438. PubMed PMID: 35880252.
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