Am Tag vor Beginn des diesjährigen ADA in New Orleans organisierte die Diabetes Technology Society (DTS) eine Veranstaltung zur Interoperabilität von Diabetesdaten und Diabetesgeräten im Zusammenhang mit elektronischen Gesundheitsakten. Unterstützt wurde die Veranstaltung von Glooko, einem Anbieter einer Diabetes-Datenplattform.
Zielgruppe für die Veranstaltung waren vor allem Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegefachkräfte aus der ambulanten Diabetesversorgung, Berufseinsteiger sowie Personen, die in Kliniken für Qualitätsverbesserungsprogramme, Diabetesambulanzen oder als Schnittstelle zur medizinischen Informatik verantwortlich sind. Insgesamt nahmen etwa 40 Personen teil.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen praktische Fragen der Datenintegration an der Schnittstelle von digitaler Gesundheit, Wearables, CGM, AID-Systemen und KI-gestützter Versorgung. Der Fokus lag weniger auf der technischen Interoperabilität einzelner Geräte untereinander, sondern vor allem auf der strukturierten Übertragung von CGM- und AID-Daten in elektronische Gesundheitsakten.
Bereits beim Dinner am Vorabend hielten Juan Espinoza und David Klonoff, die innerhalb der DTS zu den treibenden Kräften bei diesem Thema gehören, Vorträge zur Bedeutung der Interoperabilität von Diabetesgeräten sowie zu Sicherheit und Datenschutz. Anschließend ging es um aktuelle und zukünftige Wearables in der Diabetes-Therapie.
Der zweite und stärker klinisch ausgerichtete Teil am nächsten Vormittag beschäftigte sich mit den Vorteilen von Diabetes-Management-Plattformen aus Sicht eines Endokrinologen und eines Praxismanagers, mit der Abrechnung der ferngesteuerten CGM-Datenauswertung sowie mit der computergestützten Insulinabgabe im Krankenhaus. Eine Podiumsdiskussion zu Chancen und Grenzen der aktuellen EHR-Interoperabilität schloss sich an. Mark Clements, ein in den USA bekannter Diabetologe, rundete die Veranstaltung im Auftrag von Glooko mit einem Vortrag zur Zukunft der Interoperabilität ab.
Gerade dieser zweite Teil war stark auf die US-amerikanische Versorgungssituation ausgerichtet. Gleichzeitig wurde deutlich, dass sich eine vergleichbare Veranstaltung auch für Deutschland und Europa sehr gut vorstellen ließe — und vermutlich auf großes Interesse stoßen würde. Im einleitenden Vortrag ging es um die grundsätzliche Bedeutung von Interoperabilität bei Diabetesgeräten. Der Referent stellte zunächst die Frage, warum dieses Thema gerade jetzt so relevant ist. Seine Antwort: Vernetzte Diabetesgeräte, insbesondere Systeme zur automatisierten Insulindosierung, verändern die Diabetes-Therapie grundlegend. Die klinische Infrastruktur ist darauf jedoch vielerorts noch nicht ausreichend vorbereitet.
Diabetes ist eine besonders gut quantifizierbare Erkrankung. Entsprechend haben sich Diabetesgeräte in den vergangenen 20 bis 30 Jahren zu einer tragenden Säule der Therapie entwickelt. CGM-Systeme, Insulinpumpen, AID-Systeme und digitale Plattformen erzeugen heute große Mengen an Daten. Viele dieser Daten bleiben jedoch außerhalb der elektronischen Gesundheitsakte und stehen damit nicht in einer adäquaten Form für klinische Arbeitsabläufe zur Verfügung.
Die zentrale Herausforderung lautet daher: Wie lassen sich diese Daten sicher, sinnvoll und konsistent in elektronische Gesundheitsakten übertragen, damit sie für Therapieentscheidungen, Dokumentation, Qualitätskontrolle, Kommunikation zwischen Praxen und Kliniken sowie für Abrechnung und Forschung genutzt werden können?
Der Referent zeigte anhand einer Grafik, wann in den USA welche CGM-Systeme auf den Markt kamen. Die zunehmende Nutzung von CGM hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich ein eigenes CGM-Ökosystem entwickelt hat — mit Herstellern, Datenplattformen, Analysewerkzeugen und zukünftig vermutlich immer mehr KI-gestützten Anwendungen. Die Vorteile von CGM sind gut belegt. Gleichzeitig profitieren nicht alle Nutzerinnen und Nutzer in gleichem Ausmaß davon. Eine bessere Analyse und strukturierte Nutzung der Daten könnten hier deutlich helfen.
Mit dem Ambulatory Glucose Profile, kurz AGP, hat sich in den vergangenen Jahren bereits ein wichtiger Standard für die Darstellung und Interpretation von CGM-Daten etabliert. AGP unterstützt Diabetes-Teams und Menschen mit Diabetes dabei, Glucoseverläufe besser zu verstehen und Therapieansätze gezielter zu optimieren.
In der klinischen Realität, insbesondere in den USA, findet die Nutzung von Glucoseverlaufsdaten jedoch häufig noch in spezialisierten Kliniken oder über separate Plattformen statt. CGM-Daten müssen vielfach manuell aus unterschiedlichen Systemen heruntergeladen werden. Dadurch stehen sie nicht automatisch dem gesamten Diabetes-Team zur Verfügung. Auch longitudinale Analysen über die Zeit oder populationsbezogene Auswertungen über mehrere Patientengruppen hinweg sind dadurch erschwert.
Wie komplex eine solche Datenintegration tatsächlich ist, zeigt die Arbeit der iCoDE-Initiative, die vor gut zehn Jahren von Juan Espinoza und David Klonoff mitinitiiert wurde. Die erste iCoDE-Version beschäftigte sich mit der Integration von CGM-Daten in elektronische Gesundheitsakten. Ziel war nicht, einen weiteren Standard neben bereits bestehenden Standards zu schaffen, sondern einen klinisch nutzbaren Rahmen zu entwickeln, der die Bedürfnisse von Diabetologinnen, Diabetologen und Diabetes-Teams berücksichtigt.
Inzwischen gibt es iCoDE 2. Dabei geht es um den Datentransfer von AID-Systemen in elektronische Gesundheitsakten, insbesondere um die strukturierte Erfassung von Daten zur Insulintherapie. Die Ziele des iCoDE-2-Projekts sind:
- die Entwicklung technischer Spezifikationen für die Integration von Insulinabgabedaten in elektronische Gesundheitsakten
- die Entwicklung von Arbeitsabläufen und Empfehlungen, die eine solche Datenintegration in der klinischen Praxis erleichtern
Das Ergebnis ist der iCoDE-Report 2025: Standards und Empfehlungen für die Integration von Insulinabgabedaten in die elektronische Gesundheitsakte.
Zu den Neuerungen des Berichts gehören:
- eine FHIR-first-Strategie für den Austausch von Insulinabgabedaten
- ein starker Fokus auf Datenrechte und Datenautonomie von Menschen mit Diabetes
- transparente Kontrollmöglichkeiten für Nutzerinnen und Nutzer, einschließlich Optionen zum Trennen von Datenverbindungen
- Benachrichtigungen über Cloud-Zugriffe
- überprüfbare und widerrufbare Kontokopplungen
- standardisierte Ansätze für klinische Arbeitsabläufe und die Visualisierung von Insulindaten, einschließlich des Insulindosierungsprofils
- insgesamt 41 Empfehlungen für Umsetzung und strategische Entscheidungsfindung
An der iCoDE-Arbeitsgruppe waren mehr als 130 Mitglieder aus über 60 Organisationen und Unternehmen beteiligt. In verschiedenen Unterarbeitsgruppen wurden technische, klinische, regulatorische und praktische Fragestellungen bearbeitet. Daraus ist über die Jahre eine beachtliche Zahl an Publikationen entstanden.
Unter dem Begriff Interoperabilität werden dabei unterschiedliche Ebenen unterschieden, die jeweils eigene Anforderungen haben. Dazu gehören ein Kerndatensatz und ein erweiterter Datensatz, in denen genau definiert wird, welche Daten in welcher Form und mit welcher Granularität übertragen werden sollen. Wie so häufig steckt auch hier der Teufel im Detail.
Der iCoDE-Report ist entsprechend ausführlich aufgebaut:
- Teil 1 beschreibt Hintergrund, Organisation, Prozess und zentrale Konzepte des Projekts.
- Teil 2 enthält technische Informationen, darunter das kanonische Insulindatenmodell und aktuelle Integrationsansätze.
- Teil 3 befasst sich mit der Visualisierung von Insulindaten und der klinischen Umsetzung.
- Teil 4 fasst die formellen Empfehlungen des iCoDE-Lenkungsausschusses zusammen.
- Der Anhang enthält Referenzen, Mitgliederliste, Danksagungen und Informationen zur Finanzierung.
Auch die technische Architektur der Datenübertragung kann unterschiedlich ausgestaltet sein. CGM- oder AID-Daten können direkt in eine elektronische Gesundheitsakte übertragen werden. Alternativ können sie zunächst in eine Health-System-Data-Plattform fließen und von dort aus strukturiert in die elektronische Gesundheitsakte integriert werden. Je nach Modell werden entweder vollständige strukturierte Daten oder nur zusammenfassende Parameter in das EHR übertragen.
Die Zukunft der Datenintegration geht jedoch deutlich über Glucosewerte und Insulindaten hinaus. Perspektivisch werden auch Informationen zu Mahlzeiten, körperlicher Aktivität, psychosozialem Kontext, sozialen Faktoren und klinischen Parametern einbezogen werden können. Unterstützt durch KI könnte daraus ein deutlich umfassenderes Bild der jeweiligen Versorgungssituation entstehen.
Für Menschen mit Diabetes bedeutet gute Interoperabilität vor allem weniger manuelle Dokumentation, weniger Übertragungsfehler und eine besser vorbereitete Interaktion mit dem Diabetes-Team. Für das Behandlungsteam entstehen konsistente, für alle zugängliche Daten, die Visiten effizienter machen und auch zwischen den Kontakten eine bessere Betreuung ermöglichen. Bei akuten Zwischenfällen stehen relevante Informationen schneller zur Verfügung.
Darüber hinaus eröffnet Interoperabilität die Möglichkeit populationsbezogener Auswertungen. Damit können Qualitätskontrolle, Versorgungsforschung und klinische Entscheidungsunterstützung deutlich verbessert werden.
Interoperabilität ist damit kein reines IT-Projekt. Sie verändert die klinische Betreuung von Menschen mit Diabetes grundlegend. Entscheidend ist, dass Daten nicht nur technisch verfügbar sind, sondern sinnvoll in klinische Arbeitsabläufe integriert werden. iCoDE liefert hierfür eine wichtige Roadmap.
Am Ende lässt sich die klinische Interoperabilität eines Diabetesgeräts mit wenigen Fragen prüfen: Sind die Daten zugänglich? Sind sie standardisiert? Sind sie maschinenlesbar? Können daraus klinisch sinnvolle Rückschlüsse gezogen werden? Wenn diese Fragen mit Ja beantwortet werden können, ist ein System aus klinischer Sicht tatsächlich interoperabel.
Fazit: Die beim ADA 2026 diskutierten Strukturen sind auch für Europa und Deutschland von erheblicher Bedeutung. Gerade mit Blick auf elektronische Patientenakten, digitale Diabetesversorgung, CGM, AID-Systeme und KI-gestützte Versorgung wird Interoperabilität zu einer zentralen Voraussetzung für eine moderne, sektorenübergreifende Diabetesbetreuung.
In Europa werden die iCoDE-Arbeiten bereits von der EDDIG-Gruppe aufgegriffen, einer Gruppe europäischer und amerikanischer Diabetologen unter der Leitung von Johan Jendle aus Schweden und Lutz Heinemann. Ziel ist es, einen europäischen Standard für die Interoperabilität von Diabetes-Technologien zu etablieren.

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