Ein Gastbeitrag von Christoph Neumann, München
Wir sind uns sicher einig, dass die Etablierung von CGM im ambulanten Bereich unsere Arbeit vollkommen verändert und auf eine andere Ebene gestellt hat. Statt willkürlich gewählter Messzeitpunkte bilden sich lückenlos die wirklichen Glucosefluktuationen ab, die eine bis dahin nicht vorstellbare Therapieanpassung durch Diabetesspezialisten ermöglichen. Aber auch durch die Betroffenen selbst können klare Rückschlüsse gezogen werden, welche Maßnahme zu welchem Ergebnis führt. Ob Essen, Bewegung oder medikamentöse Therapie vor allem in Form von Insulin eingesetzt werden, das Ergebnis ist sichtbar und kann im besten Fall zu einer positiven Verhaltensänderung führen.
Seit des gBA-Beschlusses von 2016 zu rtCGM ist die Verordnungsfähigkeit von rtCGM zu Lasten der GKV in Deutschland klar geregelt (ICT oder Pumpe). Dabei werden sowohl die Qualifikation der Verordner als auch die betroffene Patientengruppe klar beschrieben. Dennoch gibt es mittlerweile Ausnahmeregelungen, die eine Verordnung auch bei BOT-Patienten ermöglichen. Zweifellos profitieren auch diese Personen von einem Abbild der realen Glucosefluktuation. Aber auch Personen mit OAD oder Lifestyle können durchaus davon profitieren, wenn nach erfolgter Schulung die entsprechenden Protokolle mit dem Diabetesteam analysiert werden. Hier ist aber sicher keine andauernde Verordnung erforderlich.
Bei dramatisch gestiegenen Kosten durch Verordnung von CGM ist die Skepsis der Kostenträger verständlich, die Indikationen zur Verordnungsfähigkeit auszubauen. Auch wenn die real gezahlten Preise der GKV für die Sensoren nicht bekannt sind, sind diese sicher noch deutlich zu hoch, um deren Einsatz zu erweitern. Valide Studien müssen zunächst den Nutzen der jeweiligen Indikationserweiterung nachweisen, darüber hinaus müssen die Preise deutlich sinken, sodass keine Mehrkosten im Vergleich zur Glucosemessung im Blut entstehen. Das Geld ist knapp, Ausgaben müssen wohl überlegt sein.
Aus diabetologischer Sicht kann man ohne Übertreibung CGM als einen Meilenstein in unserem Fachgebiet bezeichnen, der uns unschätzbare Erkenntnisse aber auch beträchtlich mehr Arbeit beschert hat, die bis heute nicht honoriert wird. Die Akkreditierung der SPECTRUM-Schulung konnte erst nach vielen Jahren 12/24 durch das BAS erfolgreich abgeschlossen werden, die Umsetzung in den jeweiligen KV-Bezirken ist bis heute nicht bundesweit erfolgt. Viele Schulungszentren schulen also mehr als 10 Jahre noch immer ohne Honorar! Dabei ist in den Statuten des BAS geregelt, dass nur die GKV neue Schulungsprogramme in unserem Fachbereich zur Akkreditierung anmelden können. Bei dieser Regelung werden neue Schulungsprogramme niemals zeitnah eine State of the Art-Therapie ermöglichen und es bleibt den Therapeuten überlassen, ob sie eine optimale Therapie ohne entsprechende Honorierung anbieten oder dies anderen überlassen. Hier ist dringlicher Handlungsbedarf erforderlich. Die bestmögliche Therapie darf kein Hobby der Diabetestherapeuten sein!
Die Entwicklung der AID-Systeme ist die logische Fortsetzung von CGM in Kombination mit einer mit dem Sensor kommunizierender Insulinpumpe. Die Ergebnisse in der täglichen Arbeit sind vielversprechend. Bei dem größten Anteil der damit versorgten und intensiv betreuten Patient*innen kommt es zu deutlicher Zunahme der TIR, Absenkung des HbA1c, Reduktion der Hypoglykämien und Zunahme der Stabilität. Dies dürfte mittelfristig die Wahrscheinlichkeit für diabetische Folgeschäden reduzieren, die Lebenserwartung verlängern und damit Kosten reduzieren. Auch hier ist bedauerlicherweise keine Honorierung absehbar.
So haben wir auf der einen Seite ein Fachgebiet, dessen Therapiemöglichkeiten sich dramatisch erweitern und verbessern mit großem Potenzial, deren Aufwand sich jedoch bisher nicht abbildet und folgerichtig nicht honoriert wird. Das macht wenig Lust für nachfolgende Ärzt*innen, in unserem Fachgebiet ihre Zukunft zu suchen. Immer mehr Arbeit ohne entsprechendes Honorar schreckt ab. In einer Pressemitteilung und einer gemeinsamen Stellungnahme von DDG, diabetesDE, BVND und bndb vom 23.07.2025 wurde eindrucksvoll der Aufwand von CGM- und AID-Systemen dargestellt und deren Honorierung gefordert. Meiner Meinung nach ist hier die Einrichtung einer Task force Diabetestechnik durch die DDG dringend erforderlich, die mit den entsprechenden Stakeholdern im Gesundheitssystem in Dialog tritt, um Bedeutung und Potenzial der Technik darzulegen und an einer entsprechenden Honorierung arbeitet, die dann in den jeweilen Bundesländern umgesetzt wird. Nur so gelingt es, unser Fachgebiet zukunftssicher zu machen und attraktiv zu halten.
Dieser Artikel erscheint als Teil des wöchentlichen Letters zu hochaktuellen Entwicklungen im Bereich Diabetes Technologie. Nutzen Sie das nebenstehende Formular um sich für den diatec weekly Newsletter anzumelden!
Mit freundlichen Grüßen
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