Herzlich willkommen beim diatec weekly,
das Volk hat gesprochen, an der Wahlurne und das gleich mehrfach in den letzten Wochen. Das Ergebnis – wie befürchtet oder sogar noch deutlicher: Wenn eine „Volkspartei“ gerade noch so über die fünf Prozent-Hürde kommt, ist das mehr als ein Warnsignal. Die gute Nachricht: Noch gibt es sie, die viel beschworene politische Mitte, auch wenn die Ränder links und rechts sichtbar breiter werden, ähnlich wie bei einem Garten: Wird er nicht konsequent gepflegt und eingehegt, wächst das Gras von außen über die Ränder hinein.
Doch was ist sie eigentlich, die Mitte, in der sich alle so gerne verorten? Mitte klingt so schön nach Ausgleich, nach Vernunft, nach einem Ort, an dem sich gesellschaftliche Interessen bündeln und in tragfähige Kompromisse übersetzen lassen. Die Mitte ist das, was eine Gesellschaft als „normal“ definiert, ein Raum für Stabilität, Vernunft und Dialogfähigkeit. Die Mitte will keine Extreme, dafür ist sie aber unscharf und träge und läuft immer Gefahr, keine klare Haltung zu zeigen. Politisch ist die Mitte der relative Raum zwischen den Extremen, psychologisch verspricht sie kalkulierbare Entwicklungen und wissenschaftlich beschreibt sie die zentrale Lage der Verteilung, also den Punkt, um den sich die Daten gruppieren. In der Mitte will man gerne sein. Sie gilt als eine Art moralischer Identität und erlaubt Zugehörigkeit, ohne sich konkret festlegen zu müssen. Andererseits zeigen die Wahlergebnisse der letzten Jahre deutlich, dass viele die Mitte inzwischen ganz woanders suchen, oder sollten sich diese Wähler irren? Wie sonst ist der Aufstieg der Populisten zu erklären?
Vielleicht hilft ein Perspektivwechsel und wir sollten dies als eine Art Frühwarnsystem betrachten, wie den Kanarienvogel unter Tage, der aufhört zu singen, wenn irgendwo giftige Gase ausströmen. Anders gesagt, nicht die Wähler sind das Problem, sondern sie zeigen an, dass es eines gibt. Und nicht nur eines, denn die Liste der Klagen ist lang: zu wenig bezahlbarer Wohnraum, Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen, kulturelle Verunsicherung durch Überfremdung der Gesellschaft, unsere Sicherheit ist bedroht und dann geht uns nach und nach auch noch der Wohlstand flöten. Die traditionellen Parteien wirken in dieser Gemengelage ratlos und scheinen keine Lösungen zu finden. Vielleicht haben sie auch nicht die Kraft für die Umsetzung, was auch an der Einschränkung des politischen Handlungsspielraums liegt. Die Verlagerung von immer mehr Entscheidungen auf die europäische Ebene schafft Distanz und führt zu Unverständnis – und öffnet den Raum für einfache Antworten.
Nun war die Mitte nie statisch. Sie ist immer schon hin- und her mäandert, mal mehr nach links und mal etwas weiter nach rechts. Heute wirkt sie fragiler denn je. Die Zeiten der großen Volksparteien mit einem kleinen liberalen Zünglein an der Waage sind wohl endgültig vorbei. Das goldene Gleichgewicht, getragen von CDU/CSU und SPD stand zwar für unterschiedliche Werte und Milieus, teilte aber ein gemeinsames Fundament: die Anerkennung demokratischer Institutionen, die soziale Marktwirtschaft, die Einbindung in den Westen. Die politische Mitte war ein breites Band, bestehend aus wirtschaftlichem Aufschwung, wachsender sozialer Sicherheit und einer Gesellschaft, die nach Stabilität suchte. Politik war zwar oft mühsam, aber berechenbar und Vertrauen war ihre Währung.
Genau dieses Vertrauen bröckelt, auch weil sich neue Themen in die politische Arena drängen: Umwelt, Migration, Digitalisierung und Globalisierung haben wirtschaftliche und soziale Gewissheiten verschoben. Während manche von den offenen Märkten profitieren, fühlten sich viele andere abgehängt – und sind es auch. Produktionsverlagerungen und strukturelle Umbrüche verstärken dieses Gefühl. In dieser Situation haben populistische Parteien leichtes Spiel: Sie brauchen nicht mal mit tragfähigen Konzepten oder umsetzbaren Strategien zu werben, es reicht, sich als eine Art Anti-Establishment zu präsentieren und geschickt auf die glorreiche Vergangenheit zu verweisen, als alles noch klar und verlässlich und überschaubar war. Reaktionäre, die wollen, was war: „Früher war alles besser“ – ein Satz, der ebenso wirkmächtig ist wie trügerisch, denn er beschreibt nicht die Vergangenheit, wie sie war, sondern wie sie sich aus heutiger Perspektive anfühlt. Sehnsuchtsvoll blicken wir zurück auf die Dörfer mit ihren Dächern im Sonnenlicht und wissen doch genau, wir können nicht zurück dorthin. Die Härten früherer Jahrzehnte sind längst in den Hintergrund getreten, stattdessen gibt es den Wunsch nach Orientierung in einer Welt, die vielen zu schnell, zu komplex und zu widersprüchlich geworden ist.
Die Frage, die sich aus den Wahlergebnissen stellt, muss deshalb lauten: Ist das nun die neue Mitte? Und wer entscheidet überhaupt darüber? Wenn immer mehr Menschen ihr Vertrauen einer Partei schenken, die Nostalgie in ein politisches Angebot verwandelt und mit Rückkehr zu einer vermeintlich besseren Ordnung wirbt, zeigt das vor allem die tiefe Verunsicherung der Menschen im Hier und Jetzt. Darauf müssen die klassischen Parteien endlich Antworten finden. Die politische Mitte lebt nicht allein von Ausgleich, sondern von Orientierung. Sie muss erklären können, wohin sich eine Gesellschaft entwickelt und warum. Wenn sie nur noch reagiert, wie wir es aktuell erleben, wenn ihre müden Antworten auf Wählerverluste nur noch aus Ankündigungen weiterer Analysen bestehen und darin, dass man seine Politik besser erklären müsse, wird sie auch weiterhin an Kraft verlieren. Und wenn sie den Konflikt scheut, überlässt sie das Feld denen, die einfache Antworten versprechen.
Noch ist Hoffnung. Noch ist Zeit, gegenzusteuern. Es braucht eine neue Definition der Mitte, denn es wird nicht mehr um statische Positionen zwischen links und rechts gehen, sondern um Haltung. Eine Haltung, die Komplexität aushält, ohne sich in Beliebigkeit zu verlieren. Eine Haltung, die klare Entscheidungen trifft, ohne in Polarisierung zu verfallen. Eine Haltung, die wieder Vertrauen schafft, denn am Ende ist die politische Mitte nichts anderes als das Versprechen, dass eine Gesellschaft in der Lage ist, sich selbst zu steuern, ohne sich zu zerreißen.
Vielleicht ist es schwieriger geworden, dieses Versprechen einzulösen, aber gerade deshalb ist es wichtiger denn je. Demokratien funktionieren nicht an den Rändern, sondern im Raum dazwischen und die Mitte ist immer noch der Ort, an dem Unterschiede ausgehandelt, Interessen verbunden und Mehrheiten organisiert werden. Hier ein Vorschlag: Die neue Mitte ist nicht mehr der Kompromiss von gestern, sondern die Verantwortung für Morgen!
Die Themen dieser Woche drehen sich um aktuelle Entwicklungen im Tec-Bereich und um News aus der Industrie, wir haben deshalb keine drei Einzel-Beiträge, sondern einen mit gesammelten Werken. Auf geht’s!
Die Dynamik im Markt für AID-Systeme bleibt hoch und MiniMed (ehemals Medtronic) setzt aktuell mehrere strategische Akzente gleichzeitig. Neue Studiendaten, Produktinnovationen und regulatorische Entwicklungen zeigen, dass der Wettbewerb um bessere Glucosekontrolle und einfachere Anwendung weiter an Fahrt aufnimmt. Gleichzeitig wird deutlich, wie entscheidend das Zusammenspiel von Algorithmus, Sensorik und Nutzererfahrung geworden ist. Die aktuellen Entwicklungen geben einen guten Einblick, wohin sich die nächste Generation der Diabetes-Technologie bewegt – und wo noch offene Fragen bestehen.
News aus der Industrie
- CO-PILOT-Studie zeigt anhaltende Verbesserung der Glucosekontrolle mit MiniMed 780G bei Jugendlichen mit erhöhten HbA1c-Werten
Eine aktuelle Publikation mit dem Titel „Extended Use of Automated Insulin Delivery in Young People with Type 1 Diabetes and Elevated HbA1c: 52-Week Outcomes of the CO-PILOT Trial” (Langzeitanwendung automatisierter Insulinabgabe bei jungen Menschen mit Typ-1-Diabetes und erhöhtem HbA1c: 52-Wochen-Ergebnisse der CO-PILOT-Studie) untersuchte die Nutzung des MiniMed 780G-AID-Systems bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes (T1D) und erhöhten HbA1c-Ausgangswerten (≥8,5 %) [1].
Das Bild der Woche
Frühling in Düsseldorf
Die Träume des Winters sind die Blumen des Frühlings! Khalil Gibran
***
Zum Schluss noch wie immer das Letzte…
So richtig verstanden haben wir die Geschichte nicht. Eine leidlich bekannte Schauspielerin klagt ihren Ehemann, der ebenfalls ein leidlich bekannter Schauspieler ist, an, sie digital sexuell missbraucht zu haben, indem er über diverse Fake-Accounts Nacktfotos und -videos von einer Frau gepostet hat, die zwar aussieht wie seine Frau, offenbar aber ein Deep Fake sind. Die Story wird seitdem in den einschlägigen Medien rauf und runter diskutiert, Kollegen und Freunde melden sich zu Wort und distanzieren sich von ihm, während sie viel Zuspruch erhält. Vergangenen Samstag sind 13.000 Menschen zum Brandenburger Tor gekommen, um ihre Solidarität zu bekunden. Der Ehemann hat sich dazu öffentlich noch nicht geäußert und es gilt ja auch erstmal die Unschuldsvermutung. Was auch immer dahinter steckt – ob die Story echt ist oder eine abgestimmte Aufmerksamkeitskampagne, die auf die Möglichkeiten von digitalem Missbrauch, auch sexuellem, hinweisen will, sei mal dahingestellt. Wenn sie aber stimmt, ist das unserer Ansicht nach wirklich das allerletzte!!
Tatsache ist, dass es inzwischen eine Menge digitalen Missbrauch im Internet und in den sozialen Medien gibt, angefangen bei Überwachung und Kontrolle durch Stalking per GPS oder Zugriff auf Emails und Messenger-Systeme. Dauerhafte Nachrichtenflut, digitale Beleidigungen und Drohungen sowie öffentliche Bloßstellung über das Netz üben massiven psychischen Druck auf die Betroffenen aus und auch das Smart Home kann über die installierten Kameras kontrolliert werden. Dann gibt es den ökonomischen Missbrauch, wenn z.B. jemand Kontrolle über das Online-Banking gewinnt. Es gibt die Möglichkeit, Fake-Accounts mit gestohlener Identität einzurichten und darüber die eigenen Daten für Manipulationen und Schädigungen anderer zu missbrauchen und schließlich ist mit Hilfe von KI auch der sexuelle digitale Missbrauch möglich geworden: Dabei werden intime Bilder ohne Zustimmung der abgebildeten Person in das Netz gestellt oder – besonders perfide – Deep-Fake-Pornografie erstellt, die eine vermeintliche Person darstellt, dies aber nicht ist.
In Deutschland ist digitaler Missbrauch (noch) kein einheitlicher Straftatbestand, sondern fällt unter verschiedene Gesetze wie Nachstellung (§238 StGB), Beleidigung, Bedrohung (§§185 ff.), Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs (§201a) oder Datenmissbrauch / Ausspähen (§202a ff.). Das macht es schwer, digitalen Missbrauch zur Anklage zu bringen. Grundsätzlich kann jeder Mensch von digitalem Missbrauch betroffen sein, ein erhöhtes Risiko gibt es aber für Frauen, besonders in Partnerschaften (nicht zu fassen). Jugendliche erleben Cybermobbing, Menschen in Trennungssituationen werden Opfer von digitaler Rache und Menschen mit einer hohen Online-Sichtbarkeit sind besonders anfällig. Digitaler Missbrauch ist anonym, hat keinerlei zeitliche Begrenzungen und ein einzelner Angriff kann sich viral verbreiten, zumal die Plattform-Algorithmen extreme Inhalte besonders gerne vervielfältigen. Einmal veröffentliche Inhalte sind kaum vollständig zu entfernen und mancher Fake ist auch nur schwer nachweisbar.
Die Folgen von digitalem Missbrauch sind immens und gehen von Angst, Stress und Schlafstörungen über Kontrollverlust bis in die soziale Isolation und Traumatisierung hinein. Auch gesellschaftlich führt dies zunehmend zu einer Verunsicherung im digitalen Raum. Die inzwischen weit verbreitete Angst vor einem Shitstorm schränkt die Meinungsfreiheit ein und verstärkt vorhandene Ungleichheiten: Während es für einen Mann immer noch kaum vorstellbar ist, mit Hilfe von Deep Fake Videos sexuell digital angepriesen zu werden, entwickelt sich dies für Frauen zunehmend zu einem ernsthaften Problem.
Was also tun, um sich zu schützen? Richtet die Zwei-Faktor-Authentifizierung ein, sofern noch nicht geschehen. Immer mehr Passwörter können easy abgerufen werden und damit steht der Inhalt des Rechners vollständig zur Verfügung. Überhaupt Passwörter – regelmäßig wechseln und so sicher wie möglich gestalten. Nutzt die App „Passwörter“ von Apple oder eine vergleichbare App und kontrolliert regelmäßig die App-Berechtigungen. Lasst besondere Vorsicht bei Standortfreigaben walten. Und an die Politik: Hebt endlich die Anonymität im Netz auf!!! Jeder, der dort seinen Schwachsinn postet, MUSS identifizierbar sein. Erst wenn klar ist, wer Ross und wer Reiter ist, wird manch einer vielleicht zweimal darüber nachdenken, was er an digitalen Spuren hinterlässt. Abschließend möchten wir aber noch erwähnen, dass digitaler Missbrauch kein neues Problem ist, sondern lediglich die digitale Verlängerung von klassischen Macht- und Gewaltstrukturen, die wir immer noch nicht losgeworden sind.
Das war’s mal wieder für die Woche. Wir gehen nun alle gemeinsam in ein entspanntes Wochenende und gleich anschließend in die Osterpause, zumindest gilt das für uns. Mitte April melden wir uns zurück, bis dahin wünschen wir ein wunderschönes Osterfest und für alle Urlauber – schöne Ferien.
![]()
Dieser Artikel erscheint als Teil des wöchentlichen Letters zu hochaktuellen Entwicklungen im Bereich Diabetes Technologie. Nutzen Sie das nebenstehende Formular um sich für den diatec weekly Newsletter anzumelden!
Mit freundlichen Grüßen
![]()