In JAMA Network Open wurde kürzlich von Estelle Everett et al. die qualitative Studie „Contemporary Diabetes Technology and the Patient Experience“ veröffentlicht [1]. Untersucht wurde mit dieser Studie, wie sich der Einsatz moderner Diabetestechnologien (Insulinpumpen, Systeme zum kontinuierlichen Glucosemonitoring (CGM) und automatisierte Insulinabgabesysteme, AID) auf Alltag und psychosoziales Wohlbefinden erwachsener Menschen mit Typ-1-Diabetes (T1D) auswirkt.
Grundlage der Untersuchung waren Freitextantworten von 535 Erwachsenen, die zwischen August 2024 und Februar 2025 innerhalb eines großen US-amerikanischen Gesundheitssystems befragt wurden. Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden betrug 48 Jahre und sie lebten im Median seit 25 Jahren mit T1D. Die große Mehrheit nutzte CGM-Systeme (95 %) und 69 % eine Insulinpumpe.
Die thematische Analyse identifizierte vier zentrale Bereiche: psychosoziale und emotionale Auswirkungen, Alltagsfunktion und Lebensstil, Umweltauswirkungen sowie Geräteleistung und Nutzererfahrung. Viele Teilnehmende berichteten von einem größeren Sicherheitsgefühl, besserem Schlaf und weniger Angst im Umgang mit ihrer Erkrankung. Gleichzeitig gab es aber auch neue Belastungen, etwa durch permanente Alarme, sichtbare Geräte, finanzielle Belastungen oder Hautprobleme an den Tragestellen.
Besonders interessant sind vier Aspekte, die bislang vergleichsweise wenig Beachtung finden. Der erste betrifft die Umweltbelastung. Sensoren, Infusionssets, Applikatoren, Verpackungen und Einwegkomponenten erzeugen erhebliche Mengen an Abfall, der in vielen Fällen nicht recycelt werden kann. Für manche Menschen mit Diabetes wird Nachhaltigkeit damit zunehmend zu einem relevanten Aspekt bei der Nutzung moderner Technologie.
Ein zweites Thema ist das Reisen. Die notwendige Mitnahme von Ersatzmaterialien, Sensoren, Pumpenzubehör und Insulin kann erheblichen organisatorischen Aufwand verursachen. Hinzu kommen uneinheitliche oder als belastend empfundene Sicherheitskontrollen an Flughäfen.
Als dritte Belastung wurde der Umgang mit vorzeitigem Geräteausfall beschrieben. Wenn Sensoren oder andere Komponenten früher als vorgesehen ausfallen, kann die Organisation von Ersatz mit zeitaufwendiger Kommunikation mit Herstellern und Versicherungen verbunden sein. Aus einem technischen Problem wird damit schnell auch ein administratives.
Ein vierter, zunehmend relevanter Punkt betrifft Datenschutz und Cybersicherheit. Dies gilt insbesondere für Systeme, die auf Smartphone-Kopplung, Apps und Cloud-basierten Datenaustausch angewiesen sind. Einige Teilnehmende äußerten Vorbehalte gegenüber dieser Vernetzung und gaben an, aus Datenschutzgründen eigenständige Geräte ohne App-Anbindung zu bevorzugen.
Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass moderne Diabetestechnologie weit über die reine Glucosekontrolle hinaus in den Alltag der Betroffenen eingreift. Nachhaltigkeit, administrative Hürden, Reiselogistik und digitales Vertrauen stellen zusätzliche Dimensionen einer technologiegestützten Diabetesversorgung dar, die bislang vergleichsweise wenig berücksichtigt werden.
Entsprechend plädieren sie für stärker patientenzentrierte Produktentwicklung, einfachere Abläufe bei Herstellern und Kostenträgern sowie transparente Konzepte für Datenschutz und Cybersicherheit. Entscheidend für die langfristige Akzeptanz moderner Diabetestechnologie ist damit nicht nur, wie gut ein System therapeutisch funktioniert, sondern auch, wie gut es sich in das reale Leben integrieren lässt.
Fazit: Moderne Diabetestechnologie wird von vielen Menschen mit Typ-1-Diabetes als erhebliche Entlastung erlebt, schafft gleichzeitig aber auch neue Belastungen. Die Studie erinnert daran, dass der Erfolg von Technologie nicht allein über Glucosewerte, Time in Range oder HbA1c definiert werden kann. Alltagstauglichkeit, Zuverlässigkeit, Nachhaltigkeit, Datenschutz und der organisatorische Aufwand gehören ebenso zur Qualität eines Systems.
Bei der Interpretation der Ergebnisse müssen allerdings methodische Einschränkungen berücksichtigt werden. Die Analyse basiert auf einer einzelnen offenen Freitextfrage und nicht auf strukturierten Interviews, sodass vertiefende Nachfragen nicht möglich waren. Zudem stammt die Stichprobe aus einem einzigen akademischen Gesundheitssystem und bestand überwiegend aus weißen, gut ausgebildeten und technologieerfahrenen Teilnehmenden. Die Übertragbarkeit auf heterogenere Bevölkerungsgruppen ist daher begrenzt.
Literatur
- Everett EM, Shaw E, Escobar Barrios B, Moin T, Wisk LE. Contemporary Diabetes Technology and the Patient Experience. JAMA Network Open. 2026;9(7):e2624260. doi:10.1001/jamanetworkopen.2026.24260.
Dieser Artikel erscheint als Teil des wöchentlichen Letters zu hochaktuellen Entwicklungen im Bereich Diabetes Technologie. Nutzen Sie das nebenstehende Formular um sich für den diatec weekly Newsletter anzumelden!
Mit freundlichen Grüßen
![]()