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am 31. Januar 1953 traf eine verheerende Sturmflut die Niederlande. Es war zunächst ein Wintertag wie viele andere: stark bewölkt, regnerisch, unspektakulär. Doch ein außergewöhnlich kräftiges Sturmtief über der Nordsee erzeugte extreme Nordwestwinde, die enorme Wassermassen gegen die Küste drückten. Gleichzeitig fiel die Sturmphase mit einer Springflut zusammen. Der Wasserstand stieg stellenweise mehr als drei Meter über das normale Hochwasser. Die Deiche waren alt und zu niedrig, sie brachen an vielen Stellen. Eine nationale Katastrophenschutzstrategie existierte nicht, ebenso wenig ein funktionierendes Warnsystem.

Die Folgen waren verheerend: Fast 2.000 Menschen starben, rund 70.000 mussten evakuiert werden, etwa 10.000 Häuser wurden zerstört und mehr als 200.000 Hektar Land überflutet. Doch die Niederländer zogen Konsequenzen. Bereits wenige Jahre später begann mit dem Delta-Programm eines der größten Küstenschutzprojekte der Welt: gigantische Sturmflutbarrieren, höhere und stabilere Deiche, verkürzte Küstenlinien sowie massive Schleusenanlagen sollen verhindern, dass sich eine solche Katastrophe wiederholt.

Hamburg hatte aus den niederländischen Erfahrungen zunächst wenig gelernt. Bei der Sturmflut von 1962, nur wenige Jahre später also, zeigten sich erneut unzureichende Schutzmaßnahmen und unklare Zuständigkeiten. Hunderte Menschen starben, zahlreiche Häuser wurden zerstört, große Teile Norddeutschlands standen unter Wasser. Na gut, werden Sie sagen. Damals waren ja auch die Kommunikationsmöglichkeiten noch sehr begrenzt. Heute wäre das anders.

Aber auch im 21. Jahrhundert sind wir immer noch nicht ausreichend vorbereitet, das hat uns die Flutkatastrophe im Ahrtal im Sommer 2021 auf tragische Weise demonstriert. Nun waren es vor allem verspätete oder ganz ausgebliebene Warnungen, unklare Verantwortlichkeiten und unzureichende Evakuierungen, die dazu geführt haben, dass 135 Menschen ihr Leben verloren und viele mehr ihr Zuhause. Dabei waren alle notwendigen Informationen vorhanden: Meteorologische Daten, Unwetterwarnungen bereits Stunden zuvor und ein flächendeckendes Katastrophenschutzsystem, das über Bund und Länder organisiert ist.

Offenbar scheitern wir immer wieder daran, Sicherheitsmaßnahmen konsequent umzusetzen, obwohl wir Homo sapiens grundsätzlich ja lernfähig sind. Nach jeder Katastrophe verbessern wir Technik, Regeln, Zuständigkeiten, Warnsysteme und Infrastrukturen. Doch sobald die Erinnerung verblasst, werden Risiken verdrängt, Zuständigkeiten zersplittern und Budgets gekürzt. Dass sich eine „Jahrhundertkatastrophe“ schon nach wenigen Jahren wiederholen könnte, liegt offenbar außerhalb unseres Vorstellungsvermögens, wir leiden an einer Art Katastrophen-Vergesslichkeit.

Jüngstes Beispiel ist die Corona-Pandemie – oder haben wir heute ausreichend Laborkapazitäten, einheitliche Datensysteme, genügend medizinisches Personal, belastbare internationale Pandemieabkommen und ausreichende Vorräte an Schutzkleidung und Masken, um auf die nächste Pandemie vorbereitet zu sein? Wohl kaum, eher scheint Corona das Vertrauen in Institutionen beschädigt und die Spannungen zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft verstärkt zu haben.

Auch die Schrecken des Krieges verblassen mit der Zeit. Nach etwa drei Generationen ist die Erinnerung so weit entfernt, dass Staaten wieder bereit sind, andere Länder anzugreifen und Städte zu bombardieren. Man hat offenbar vergessen, wie zerstörerisch Kriege für Gesellschaften sind und wie schwer es für die Menschen ist, danach wieder in eine normale Realität zurückzufinden.

Noch schwieriger fällt es uns, zukünftige Katastrophen ernst zu nehmen. Der Klimawandel ist dafür ein gutes Beispiel, denn da gibt es vieles, das wir uns nicht vorstellen können. Ist ein um drei Meter steigender Meeresspiegel viel? Es klingt nicht dramatisch. Tatsächlich aber wären große Teile der nördlichen Küstenregion in Deutschland überflutet. Die Niederlande wären weitestgehend in den Fluten der Nordsee versunken, Norddeutschland stünde unter Wasser, Städte wie Hamburg oder Bremen gäbe es in ihrer heutigen Form nicht mehr. Düsseldorf läge vielleicht am Meer, und Großbritannien könnte zu einem Archipel aus Tausenden Inseln werden. Die Folgen für Ökosysteme, Infrastruktur und Wirtschaft wären global und kaum vorstellbar.

Hier liegt das eigentliche Kernproblem des Risikomanagements: Gefahren zu erkennen reicht nicht. Entscheidend ist, das Gelernte dauerhaft in Institutionen, Routinen und Infrastrukturen zu verankern. Doch genau das kostet Geld – viel Geld. Allein um ein Land wie die Niederlande langfristig vor steigenden Wassermassen zu schützen, müssten schon heute enorme Summen in noch höhere Deiche, zusätzliche Küstenschutzsysteme und leistungsfähigere Schleusen investiert werden. Gleiches gilt für unser Land.

Noch könnten wir uns vorbereiten. Aber dafür müssten wir jetzt handeln. Aber genau darin liegt das Paradox erfolgreicher Prävention: Wenn sie funktioniert, passiert ja nichts. Und dieses „Nichts“ lässt sich politisch und gesellschaftlich nur schwer vermitteln.

Kommen wir nun zu etwas Positivem. Diese Woche beleuchten wir mit insgesamt fünf Beiträgen ein bedeutendes Thema der nahen Zukunft: Der Weg zum Fully Closed Loop! Mehrere aktuelle Arbeiten aus Forschung und Praxis zeigen unterschiedliche Aspekte dieser Entwicklung – von realen Nutzungsdaten kommerzieller Systeme über neue regulatorische Zulassungen bis hin zu experimentellen Fully-Closed-Loop-Ansätzen in klinischen Studien und DIY-Systemen. Gemeinsam zeichnen sie ein klares Bild: Die Automatisierung nimmt zu und damit auch die Hoffnung, die tägliche Therapiebelastung für Menschen mit Diabetes weiter zu reduzieren. Noch sind technische, klinische und regulatorische Fragen zu klären. Doch der Trend ist eindeutig: Der Weg zum Fully Closed Loop hat Fahrt aufgenommen. Auf geht’s!

Automatisierte Insulindosierungssysteme (AID) entwickeln sich Schritt für Schritt in Richtung vollständiger Automatisierung. Während heutige Systeme noch als „Hybrid Closed Loop“ gelten und Nutzerinnen und Nutzer weiterhin Mahlzeitenboli eingeben müssen, zeigen neue Real-World-Daten, wie leistungsfähig diese Systeme bereits ohne aktive Eingriffe sein können:

Die Fullys kommen!

Eine aktuelle Analyse in Diabetes Care deutet an, wohin die Reise gehen könnte: Zu Systemen, die die Glucosekontrolle auch dann stabil halten, wenn Menschen im Alltag einmal keine Boli eingeben – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu wirklich „fully automated“ Systemen.

Die Entwicklung automatisierter Insulindosierungssysteme schreitet weiter voran. Während heutige Systeme meist noch als „Hybrid Closed Loop“ arbeiten und Nutzer weiterhin Mahlzeitenboli eingeben müssen, rücken vollständig automatisierte Systeme zunehmend näher. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung kommt nun aus Cambridge: Das Unternehmen CamDiab hat für seinen vollständig geschlossenen Regelkreis-Algorithmus (Fully Closed Loop, FCL) eine CE-Kennzeichnung in Europa erhalten:

CamDiab erhält CE-Kennzeichnung für vollständig automatisierten AID-Algorithmus

CamDiab gab in einer Pressemitteilung bekannt, dass der neue FCL-Algorithmus ohne Kohlenhydratzählung und ohne vom Nutzer initiierte Mahlzeitenboli auskommt. Damit unterscheidet sich das System grundlegend von heutigen hybriden Closed-Loop-Systemen, die weiterhin auf aktive Eingaben der Anwender angewiesen sind.

Während kommerzielle AID-Systeme noch überwiegend als Hybrid-Closed-Loop-Systeme arbeiten und weiterhin Mahlzeitenankündigungen oder Bolusgaben erfordern, experimentiert die Open-Source-Community schon länger mit vollständig automatisierten Insulindosierungsstrategien. Eine aktuelle Übersichtsarbeit in Diabetologia zeigt nun, wie weit diese Entwicklung bereits gediehen ist – und welche Chancen, aber auch Grenzen derzeit bestehen:

Fully Closed Loop – DIY-Systeme zeigen, was bereits möglich ist

Die Übersichtsarbeit mit dem Titel “Fully closed-loop systems: can people with type 1 diabetes just do it? Insights from open-source systems” wurde von Rayhan Lal (Stanford University), Katarina Braune (Universität Potsdam) und Dana Lewis (OpenAPS) gemeinsam mit weiteren Autoren veröffentlicht [1]. Sie analysiert klinische Studien, Real-World-Daten und Erfahrungen von Nutzern selbstgebauter AID-Systeme (DIY/Open Source), um zu beurteilen, wie realistisch eine vollständig automatisierte Insulintherapie bei Menschen mit Typ-1-Diabetes bereits heute ist.

Die Vision eines vollständig automatisierten Insulindosierungssystems – eines Fully Closed Loop (FCL) – rückt zunehmend in den Fokus der Diabetesforschung. Auch der letzte EASD-Kongress gab dem Thema eine prominente Bühne: Ein eigenes Symposium sowie mehrere wissenschaftliche Beiträge beschäftigten sich mit der Frage, wie nah wir dieser nächsten Entwicklungsstufe der automatisierten Insulintherapie bereits gekommen sind:

AID-Systeme werden immer autonomer

Das FCL-Symposium stand unter der Leitung von Roman Hovorka (Cambridge), einem der zentralen Pioniere der Closed-Loop-Forschung. Den Auftakt machte Moshe Phillip (Israel) mit einem Überblick über die Rolle automatisierter Insulindosierungssysteme (AID) in der klinischen Praxis. Anschließend beleuchtete Katrien Benhalima (Belgien) die Chancen und Herausforderungen der derzeit verfügbaren Hybrid-AID-Systeme, die zwar bereits viele Therapieentscheidungen automatisieren, jedoch weiterhin Mahlzeitenankündigungen durch die Nutzer erfordern.

Automatisierte Insulindosierungssysteme verändern nicht nur die Therapie, sondern auch das Verhalten der Nutzer im Alltag. Eine aktuelle Real-World-Analyse aus Frankreich zeigt nun, dass Anwender eines Hybrid-Closed-Loop-Systems mit der Zeit immer weniger Mahlzeitenankündigungen eingeben – während der Anteil automatischer Korrekturboli steigt. Die Ergebnisse werfen ein interessantes Licht auf die Frage, wie stark sich Nutzer tatsächlich noch aktiv in die Therapie einbringen müssen:

Control-IQ im Alltag: Weniger Mahlzeitenankündigungen, mehr Automatisierung

In der US-Fachzeitschrift Diabetes Technology & Therapeutics wurden kürzlich die Ergebnisse einer retrospektiven Single-Center-Studie zur Nutzung von Tandems Control-IQ-System bei Menschen mit Typ-1-Diabetes veröffentlicht [1].

Das Bild der Woche

So oder ähnlich könnte sich so ein Umzug anfühlen, wenn die Flut kommt! Das Bild stammt aus Indien, wo es nach starken Regenfällen innerhalb weniger Tage zu massivem Hochwasser gekommen ist.

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Zum Schluss noch wie immer das Letzte…

Mit dem Einzug von KI in unsere Welten tauchen auch immer mehr Kuriositäten auf. Hier ein paar nette Beispiele:

In den USA wurde Klage gegen einen KI-Chatbot eingereicht, weil der männliche Nutzer sich auf eine emotionale Beziehung mit Googles KI-Chatbot Gemini eingelassen hat. Er verliebte sich und der Chatbot wurde in seiner Fantasie sogar seine „AI-Ehefrau“ (der Film „Her“ lässt grüßen). Angeblich sprach der Chatbot von geheimen Missionen und weckte bei dem Mann die Vorstellung, er könne sein Bewusstsein in eine digitale Welt übertragen. Schließlich soll der Chatbot ihm sogar nahegelegt haben, dies durch Selbstmord erreichen zu können. Während die KI die Fantasien des Mannes offenbar konsequent wie eine Storyline behandelte, interpretierte der Nutzer dies zunehmend als Realität.
Jetzt muss ein Gericht klären, ob ein Chatbot rechtlich (mit-)verantwortlich sein kann – vermutlich einer der ersten Fälle, in denen „Beziehung zwischen Mensch und KI“ juristisch relevant wird.

Parallel dazu tauchen immer mehr Fälle auf, in denen Menschen durch Chatbots in absurde Überzeugungen geraten. So war ein anderer Mann davon überzeugt, mithilfe einer KI eine revolutionäre mathematische Theorie entdeckt zu haben. Experten erklärten aber, dass diese Theorie schlichtweg erfunden und zudem falsch war. Nun hat der Mann Klage gegen das Unternehmen hinter der KI erhoben. Forscher nennen dies „AI-induced delusional spiraling“ und sprechen von einer Art psychologischer Rückkopplung, bei der Chatbots dazu neigen, Nutzermeinungen zu bestätigen, statt ihnen zu widersprechen. Anders gesagt: KI kann wie ein extrem zustimmender Gesprächspartner wirken, auch wenn die Ideen des Nutzers völlig abwegig sind.

Und dann gab es noch den „Fake-Roboter“ auf einer KI-Konferenz in Indien, wo eine Universität stolz einen angeblich selbst entwickelten Roboterhund präsentierte. Schnell wurde aber klar, dass es sich um einen einfachen kommerziell erwerbbaren Roboter aus China (Unitree Go2) handelte. Peinlich berührt musste die Universität sich entschuldigen und ihren Stand schließen. Die Geschichte ging auf dem asiatischen Markt viral und ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr der KI-Hype Realität und Marketing verschwimmen lässt.

Also, Vorsicht mit KI und immer auch die Frage stellen, wie echt das alles ist, was uns der Chatbot so vorschlägt oder zeigt. Immer mehr Bilder und Videos tauchen auf, die täuschend echt wirken, aber doch Fake sind. Und wenn Sie Notfall-Anrufe von Angehörigen erhalten, die dringend Geld benötigen und sie schwören würden, dass dies die Stimme eines Familienmitglieds ist – bitte nicht darauf reinfallen. KI macht inzwischen Stimmen täuschend echt nach. Am besten sofort auflegen und denjenigen unter der bekannten Nummer zurückrufen oder ein Code-Wort vereinbaren. Wenn das nicht genannt wird, das Gespräch sofort beenden!

Das war’s für die Woche. Wir sind in Barcelona beim ATTD – dem europäischen Diabetes-Technologie-Kongress und berichten nächste Woche, was dort an Innovationen gezeigt wurde. Sie hingegen dürfen sich auf das Wochenende freuen und darüber, dass endlich der Frühling einzieht.

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