Zur Erinnerung: Bei den ADA Scientific Sessions 2026 in New Orleans wurden am 5. Juni 26 fünf renommierte Wissenschaftler aus dem Kongresszentrum entfernt. Sie hatten Nachdrucke eines bereits in Diabetes Care veröffentlichten Editorials verteilt, das sich kritisch mit Kürzungen der US-Forschungsförderung auseinandersetzte. Die ADA erklärte später, die Entfernung sei wegen störenden Verhaltens erfolgt und nicht wegen des Inhalts des verteilten Materials. Die betroffenen Wissenschaftler und zahlreiche Beobachter widersprechen dieser Darstellung.
Der Konflikt verschärfte sich zusätzlich, nachdem die ADA die Veröffentlichung mehrerer Meinungsbeiträge zu den Ereignissen in Diabetes Care zunächst stoppte. In der Folge forderten mehr als 8.000 Unterzeichner einer Petition sowie zahlreiche prominente Mitglieder der Diabetes-Community unter anderem eine unabhängige Untersuchung, eine Entschuldigung gegenüber den fünf ausgeschlossenen Wissenschaftlern und die Wiederherstellung der redaktionellen Unabhängigkeit von Diabetes Care.
Anfang September veröffentlichte die ADA die Ergebnisse einer Untersuchung ihres Audit and Governance Committee. Danach seien die fünf Wissenschaftler wegen ihres Verhaltens und nicht wegen der verbreiteten Inhalte entfernt worden. Wenige Tage später erklärte die ADA allerdings selbst, dass die zunächst veröffentlichten Ergebnisse nicht die gesamte Untersuchung berücksichtigt hätten und ergänzt oder korrigiert werden könnten.
Für die Initiatoren des nun gestarteten Boykotts reicht dies nicht aus. Sie kritisieren insbesondere, dass die Untersuchung nicht unabhängig genug sei, und fordern eine externe Überprüfung sowie grundlegende Veränderungen in Struktur und Führung der ADA.
Der am 9. September veröffentlichte Boykottaufruf sieht vor:
- keine Teilnahme an ADA-Tagungen,
- keine Begutachtung von ADA-Förderanträgen,
- keine Einreichungen bei ADA-Fachzeitschriften,
- keine Unterstützung von Fundraising-Aktivitäten,
- sowie einen Boykott der Scientific Sessions 2027.
Der Boykott soll nach Angaben der Initiatoren so lange fortgesetzt werden, bis der ADA-Vorstand eine vollständig unabhängige Untersuchung der Ereignisse von New Orleans und grundlegende strukturelle Veränderungen zulässt.
Inzwischen haben sich auch prominente Wissenschaftler und Herausgeber öffentlich hinter den Boykott gestellt. Die ADA erklärte gegenüber Medien, sie nehme die Aktivitäten zur Kenntnis und konzentriere sich weiterhin auf ihre Aufgabe, Menschen mit Diabetes zu unterstützen.
Fazit:
Aus einem zunächst begrenzten Konflikt auf einem wissenschaftlichen Kongress ist innerhalb weniger Monate eine ernsthafte Vertrauenskrise innerhalb einer der weltweit bedeutendsten Diabetesorganisationen geworden. Wie weit der Boykott tatsächlich getragen wird und welche Konsequenzen die ADA daraus zieht, dürfte die Diabetes-Community noch eine ganze Weile beschäftigen.
Oder, wie schon in der vergangenen Woche: no comment!
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