Im Zentrum der Kritik stehen ADA-CEO Charles „Chuck“ Henderson und die Chief Scientific and Medical Officer Rita Kalyani. In einer Petition wird ihr Rücktritt gefordert, initiiert von fünf bekannten Persönlichkeiten der Diabetologie: Michael Haller, Irl Hirsch, Rayhan Lal, Lori Laffel und Anne Peters, die ihren Aufruf „im Namen der New Orleans Five und aller ADA-Mitglieder, die sich weigern, den Status quo zu akzeptieren“ veröffentlichten.
Ausgangspunkt des Konflikts waren die Scientific Sessions der ADA im Juni 2026 in New Orleans. Dort wurden die fünf prominenten Wissenschaftler Maureen Gannon, Steven Kahn, Aaron Kelly, Desmond Schatz und Justin Ryder aus der Veranstaltung verwiesen, nachdem sie Kopien eines bereits zuvor in Diabetes Care veröffentlichten Editorials verteilt hatten, das sich kritisch mit den Kürzungen der staatlichen Forschungsförderung in den USA auseinandersetzte. Der Vorgang löste innerhalb der wissenschaftlichen Community erhebliche Empörung aus. Henderson entschuldigte sich wenige Tage später öffentlich und auch namentlich bei den fünf Betroffenen.
Doch damit war die Affäre keineswegs beendet. Für zusätzlichen Unmut sorgte, dass die ADA später die Veröffentlichung eines Editorials und mehrerer persönlicher Stellungnahmen zu den Vorgängen in New Orleans in ihrem eigenen Flaggschiff-Journal Diabetes Care zunächst stoppte. Die Beiträge wurden daraufhin als Preprint veröffentlicht. Kritiker werteten dies als Eingriff in die redaktionelle Unabhängigkeit des Journals.
Die Petition geht deshalb deutlich über die Forderung nach personellen Konsequenzen hinaus. Gefordert werden: Eine unabhängige externe Untersuchung, die Wiederherstellung der redaktionellen Unabhängigkeit von Diabetes Care sowie eine umfassende Aufarbeitung der Vorgänge. Insbesondere wird kritisiert, dass die Untersuchung von einem Gremium durchgeführt wurde, das organisatorisch zur ADA gehört.
Inzwischen hat der Audit and Governance Committee (AGC) der ADA seinen Bericht vorgelegt. Er kommt unter anderem zu dem Ergebnis, dass die fünf Wissenschaftler wegen ihres Verhaltens und einer Störung der Veranstaltung entfernt worden seien und nicht wegen des Inhalts der von ihnen verteilten Texte. Die ADA bezeichnete die Untersuchung als unabhängig.
Doch selbst damit scheint die Geschichte noch nicht abgeschlossen zu sein. Am 6. September teilte die ADA mit, dass dem Vorstand zusätzliche Informationen aus der Untersuchung vorgelegt werden sollen. Einige Interviews seien erst nach Erstellung der ursprünglichen Ergebnisse geführt worden; die neuen Erkenntnisse könnten deshalb bisherige Aussagen präzisieren oder korrigieren und möglicherweise weitere Maßnahmen des Vorstands nach sich ziehen.
Damit geht es längst nicht mehr nur um die Frage, was an jenem Tag in New Orleans tatsächlich geschehen ist. Im Kern steht inzwischen etwas Grundsätzlicheres zur Debatte: Wie unabhängig dürfen Wissenschaft, wissenschaftliche Publikationen und ihre Vertreter innerhalb einer großen medizinischen Fachgesellschaft sein? Und wie geht eine Organisation mit Kritik aus den eigenen Reihen um?
Fazit: Gerade für eine Institution wie die ADA, die international für wissenschaftliche Evidenz, offenen Diskurs und unabhängige Forschung steht, ist das keine nebensächliche Auseinandersetzung mehr, sondern zu einer Frage der Glaubwürdigkeit geworden!
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