Veröffentlicht wurde das Konsensuspapier im Februar 2026 in The Lancet Diabetes & Endocrinology. Unter der Leitung von Katrien Benhalima aus Belgien erarbeitete ein internationales Expertenteam Empfehlungen zum Einsatz von kontinuierlichem Glucosemonitoring (CGM) und automatisierter Insulindosierung (AID) bei Frauen mit Typ-1-, Typ-2- oder Gestationsdiabetes. Das Papier wird von 24 internationalen Fachgesellschaften und Organisationen unterstützt.
Die Behandlung eines Diabetes während der Schwangerschaft gehört zu den anspruchsvollsten Situationen in der Diabetologie. Um das Risiko von Komplikationen für Mutter und Kind möglichst gering zu halten, gelten während der Schwangerschaft wesentlich engere Glucose-Ziele. Für Frauen mit Typ-1-Diabetes liegt der empfohlene Schwangerschafts-Zielbereich bei 63–140 mg/dl (3,5–7,8 mmol/l). Gleichzeitig verändern hormonelle Prozesse insbesondere ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel die Insulinsensitivität und damit den Insulinbedarf erheblich.
Genau hier helfen moderne Diabetes-Technologien. Für CGM liegen inzwischen überzeugende Daten vor – insbesondere bei Frauen mit Typ-1-Diabetes – und auch für AID-Systeme gibt es zunehmend Evidenz dafür, dass sie die Glucosekontrolle während der Schwangerschaft verbessern. Der neue Konsens empfiehlt deshalb den Einsatz von CGM bereits vor der Empfängnis und während der Schwangerschaft bei Frauen mit vorbestehendem Typ-1-Diabetes. Auch AID-Systeme können bei diesen Frauen vor und während der Schwangerschaft, unter der Geburt sowie in der Zeit unmittelbar danach eingesetzt werden.
Das klingt zunächst selbstverständlich, ist es aber nicht. Die meisten AID-Algorithmen wurden nämlich ursprünglich nicht für die besonderen Anforderungen einer Schwangerschaft entwickelt. Zielwerte, Insulinbedarf und Stoffwechseldynamik unterscheiden sich erheblich von der Situation außerhalb einer Schwangerschaft. Deshalb kommt es nicht nur darauf an, ein AID-System zu verwenden, sondern auch darauf, es richtig auszuwählen und seine Einstellungen immer wieder an den Verlauf der Schwangerschaft anzupassen.
Der Konsens formuliert insgesamt 14 Empfehlungen, unter anderem:
- wie sollte ein geeignetes AID-System ausgewählt und an die individuellen Bedürfnisse während der Schwangerschaft angepasst werden,
- wie können CGM und AID bereits vor der Empfängnis, während der Schwangerschaft, unter der Geburt und unmittelbar postpartal eingesetzt werden,
- und welche CGM-Ziele sind bei Typ-2- und Gestationsdiabetes sinnvoll.
Ein wichtiges Ziel der Publikation ist auch, nicht nur spezialisierte Diabetesteams zu erreichen. Die Empfehlungen sollen ebenso Gynäkologen, Hausärzten und anderen medizinischen Fachkräften Orientierung geben, die Schwangere mit Diabetes betreuen, aber möglicherweise weniger Erfahrung mit den neuesten CGM- und AID-Systemen haben.
Gleichzeitig machen die Autoren deutlich, wo die Grenzen des heutigen Wissens liegen. Während für den Einsatz von CGM bei Typ-1-Diabetes bereits eine vergleichsweise gute Evidenz vorhanden ist und auch die Datenlage zu AID zunehmend wächst, wissen wir über den optimalen Einsatz dieser Technologien bei Gestations- und Typ-2-Diabetes noch erheblich weniger. Gerade hier beruhen zahlreiche Empfehlungen bislang vor allem auf Expertenkonsens, adäquat konzipierte klinische Studien sind deshalb dringend erforderlich.
Besonders praktisch: Das Papier enthält ausführliche Tabellen zu aktuell verfügbaren Systemen und möglichen Einstellungen während der verschiedenen Phasen einer Schwangerschaft. Zusätzlich sollen auf Basis des Konsensus kompakte Referenzhilfen für medizinisches Fachpersonal und Menschen mit Diabetes entstehen.
Fazit: Der neue internationale Konsens ist ein wichtiger Schritt, um CGM und AID in der Schwangerschaft aus einer gewissen Grauzone herauszuholen und macht deutlich, dass moderne Diabetes-Technologien auch in dieser besonders sensiblen Lebensphase nicht nur eingesetzt werden können, sondern erheblich dazu beitragen können, die Glucose-Ziele zu erreichen und die Behandlung zu erleichtern. Voraussetzung dafür sind allerdings geeignete Systeme, eine kompetente Begleitung und natürlich der Zugang zu diesen Technologien.
Dies ist auch die wichtigste Botschaft des Papiers: Eine Schwangerschaft sollte kein Grund sein, moderne Diabetes-Technologie abzusetzen – sondern vielmehr der beste Anlass, sie besonders gut und gezielt einzusetzen.
Literatur:
Benhalima K, Durnwald C, Sweeting A, et al. Application of continuous glucose monitoring and automated insulin delivery technologies for pregnant women with type 1, type 2, or gestational diabetes: an international consensus statement. Lancet Diabetes Endocrinol. 2026;14(2):157–177. doi:10.1016/S2213-8587(25)00335-3.
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