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in einer Demokratie dürfen wir wählen! Das klingt selbstverständlich, ist es aber keineswegs. Mit unserer Wahl dürfen wir mitentscheiden, wer uns vertritt, welche politischen Schwerpunkte gesetzt werden und in welche Richtung sich unser Land entwickelt. Nun stehen an diesem Sonntag Wahlen an und damit die Gelegenheit, von diesem Recht Gebrauch zu machen. Doch wenn wir unser Kreuz setzen, entscheiden wir uns nicht nur zwischen Parteien und Personen, sondern auch für eine viel grundsätzlichere Frage: Wie viel Veränderung wollen wir eigentlich – und wie viel Bewahren brauchen wir?
Ganz grob gesagt lassen sich Menschen in zwei Kategorien einteilen: Entdecker und Bewahrer! Die einen zieht es nach vorn, immer munter hinein in die Zukunft, weil sie neugierig sind auf das Unbekannte, weil sie Grenzen verschieben wollen, Neues ausprobieren und herausfinden, was hinter dem nächsten Horizont liegt. Die anderen suchen Sicherheit im Vertrauten und wollen unbedingt erhalten, was sich bewährt hat. Sie wollen dort bleiben, wo sie sich auskennen und lehnen Veränderungen ab.
Natürlich ist die Wirklichkeit komplizierter, denn in den meisten von uns steckt beides: Sowohl die Sehnsucht nach Aufbruch als auch Angst vor dem, was dieser Aufbruch kosten könnte und bezahlen muss man ja immer. Notwendig sind deshalb beide Kräfte: eine Gesellschaft ohne Bewahrer verliert ihre Stabilität und eine Gesellschaft ohne Entdecker verpasst die Zukunft. Schwierig wird es, wenn zuviel Bewahren zum Stillstand führt oder wenn wir blind dem Fortschrittsglauben nachlaufen.
In Zeiten großer Veränderungen müssen wir sorgfältig abwägen, welcher Stimme wir nachgeben – der Angst oder dem Mut? Angst hat durchaus seine Stärken, lässt sie uns doch vorsichtig agieren. Damit gehört man nicht automatisch in die Kategorie der Verlierer oder Verhinderer – der Schutz von Erfahrung und gesellschaftlichen Bindungen sind ein Wert an sich und bei allem Wandel müssen wir uns immer fragen, was nicht verloren gehen sollte. Mut dagegen ist es, die Freiheit nicht aufzugeben, nur weil es gerade mal ein bisschen anstrengend wird.
Die Zukunft wird nicht sicherer, wenn wir uns vor ihr verstecken. Alles Bewahren-wollen führt zum Stehenbleiben. Aus Vorsicht wird schnell Verweigerung und aus dem Wunsch nach Sicherheit die Illusion, man könne die Zeit anhalten. Populistische Bewegungen leben gerne von der Botschaft, dass früher alles besser, übersichtlicher und sicherer gewesen sei und versprechen damit die Rückkehr in eine idealisierte Vergangenheit, die es so niemals gab. Das ist verführerisch, weil unsere Gegenwart tatsächlich gerade recht unübersichtlich ist – oder zumindest so scheint. In einer alternden Gesellschaft wächst die Sorge vor dem wirtschaftlichen Abstieg, auch ist die Unzufriedenheit mit der praktischen Arbeit der Politik hoch.
Es gibt auch eine gute Nachricht: 82% der Deutschen stehen hinter den Werten der liberalen Demokratie. Sagt zumindest der Demokratiemonitor 2026. Die Menschen haben also nicht den Glauben an die Demokratie verloren, sondern wohl eher den Glauben daran, dass unsere demokratische Politik noch mutig genug ist, um die Zukunft zu gestalten. Mut heißt auch nicht, die Probleme kleinzureden, sondern politische Entscheidungen so zu erklären, dass sie einleuchten und man sie nachvollziehen kann. Mut heißt, Zumutungen gerecht zu verteilen und eine Vorstellung davon zu vermitteln, wohin die Reise gehen soll.
Wir aber mit unseren Ängsten sind ein Volk von Versicherungsnehmern geworden und versichern uns gegen alles Erdenkbare: Leben und Tod, Feuer und Wasser, Krankheit und Unfall, Pech und Pannen, Hochzeit und Scheidung … fast alles also, nur nicht gegen das Leben selbst. Deutschland ist historisch besonders gut im Bewahren: Regeln, Institutionen, Standards und soziale Sicherung haben Stabilität geschaffen. Doch aus einer Stärke ist teilweise eine Schwäche geworden. Wir diskutieren ewig über die Risiken und übersehen dabei das größere Risiko des Nichtstuns.
Dabei sind wir Deutsche keineswegs grundsätzlich veränderungsunwillig: Fast ein Viertel der Bundesbürger (23 %) sind offen für gesellschaftlichen Wandel und mehr als die Hälfte (52 %) stehen ihm zumindest ambivalent gegenüber. Das letzte Viertel möchte, dass sich nichts verändert! Die Mehrheit sind also nicht überzeugte Bewahrer, aber sie möchten überzeugt und mitgenommen werden. Aufgabe der Politik wäre demnach, nicht nur Reformen zu beschließen, sondern Zuversicht zu verbreiten und zu organisieren.
Was passiert, wenn das nicht passiert, haben wir 2015 gesehen. Der mutige Satz unserer damaligen Kanzlerin „Wir schaffen das“ hat seinerzeit viele Menschen inspiriert und motiviert, sich bei der Begrüßung und Verteilung der ankommenden Menschen zu engagieren. Die Stimmung kippte, als klar wurde, wie wenig unsere Institutionen darauf vorbereitet waren, die vielen Menschen unterzubringen, Sprachkurse anzubieten, Schul- und Kitaplätze für die Kinder zu organisieren und die Menschen sinnvoll in unsere Gesellschaft zu integrieren. Das Ergebnis sehen wir bis heute: Noch immer ächzen Landräte unter der Last der Aufgabe und Rechtspopulisten schreien erfolgreich ihre Botschaften ins Land hinein und versprechen, Ordnung zu schaffen. Leider schützen sie meist nicht die Gesellschaft, sondern vor allem die eigene Macht.
Übrigens haben auch mutige Menschen Angst. Mut beginnt nicht dort, wo Angst endet, sondern dort, wo wir trotz unserer Angst Verantwortung übernehmen. Deshalb erfordert unsere Lebensweise Mut, weil sie ergebnisoffen ist, weil wir sie immer wieder neu aushandeln müssen und weil wir sie gegen Machtmissbrauch verteidigen müssen. Mutig ist, die Freiheit nicht aufzugeben, weil es gerade mal ein bisschen anstrengend wird und die Zukunft wird nicht dadurch sicherer, dass wir uns vor ihr verstecken. Mut ist keine Charaktereigenschaft, Mut ist eine Wahl.
Diesem Land fehlt es wohl weniger an Veränderungsbereitschaft als an einer überzeugenden Einladung zur Veränderung. Menschen brechen eher auf, wenn sie wissen, wohin sie gehen sollen und wenn sie darauf vertrauen können, unterwegs nicht zurückgelassen zu werden. Und das ist die eigentliche Stärke einer Demokratie: Wir sind nicht nur Zuschauer, sondern Teil von etwas Größerem. Unsere Stimme zählt, unser Engagement macht einen Unterschied und die Zukunft bricht nicht einfach über uns herein, sondern sie wird von uns mitgestaltet. Dafür braucht es neben Vorsicht und Mut vor allem die Bereitschaft, Verantwortung für unsere Gesellschaft zu übernehmen. Hoffen wir also, dass an diesem Sonntag kluge Menschen den Mut wählen.
Diese Woche haben wir nur ein Thema und das ist wichtig und lang – es geht um Diabetes-Technologie im Krankenhaus und ist ein Gastbeitrag von der renommierten belgischen Diabetologin Inge van Boxelaer, die schon mehrfach an dieser Stelle geschrieben hat. Viel Freude beim Lesen, auf geht’s!
Immer mehr Menschen kommen heute mit CGM- oder AID-Systemen ins Krankenhaus. Die Frage ist deshalb längst nicht mehr, ob diese Technologie dort eine Rolle spielt, sondern wie sinnvoll und sicher sie weitergenutzt werden kann. Denn ein funktionierendes System einfach abzunehmen, ist kein neutraler Vorgang, sondern ein Eingriff in ein über Jahre eingeübtes Selbstmanagement:
Diabetes-Technologie gehört ins Krankenhaus – aber bitte mit System
Inge van Boxelaer, Gent, Belgien
Der Krankenhausaufenthalt ist einer der schwierigsten Orte, um den Glucoseverlauf zu kontrollieren. Akute Erkrankungen, Operationen, Infektionen, Steroide, veränderte Nahrungsaufnahme, weniger Bewegung, schwankender Insulinbedarf – all das beeinflusst den Glucoseverlauf und führt sowohl zu hohen als auch zu niedrigen Werten. Und es handelt sich hierbei nicht um eine kleine Gruppe. Etwa 38–40 % der hospitalisierten Patienten leiden unter Hyperglykämie oder Diabetes; bei Patienten, die mit einer kritischen Erkrankung oder zur Herzoperation aufgenommen werden, steigt dieser Anteil auf 70–80 %.1
Das Bild der Woche

Lösungen für heiße Sommertage
Zum Schluss noch wie immer das Letzte
Ist es nicht interessant, wie erstaunlich klaglos wir alle Veränderungen akzeptieren, wenn es um Technik geht? Das neue Auto fahren wir schon Monate, bis wir endlich kapiert haben, wo Tempomat und Nebelscheinwerfer eingeschaltet werden, nach dem Handy-Update sind plötzlich alle Symbole woanders, beim Einkaufen scannen wir längst unsere Waren selbst, die Kaffeemaschine erteilt uns Wartungsanweisungen und das Navi bestimmt, wo wir abbiegen sollen. Selbst unsere Uhr erinnert uns inzwischen daran, aufzustehen, zu schlafen oder tief durchzuatmen. Wir schimpfen vielleicht kurz, probieren ein bisschen herum – und passen uns dann erstaunlich schnell an. Niemand käme auf die Idee, dauerhaft mit dem Betriebssystem von gestern weiterzumachen.
Bei gesellschaftlichen Veränderungen, auch Reformen genannt, sind wir deutlich weniger entspannt und wollen vorab wissen, was genau passieren wird, wer davon profitiert, was es kostet, ob es Risiken gibt und ob man nicht vielleicht doch noch ein paar Jahre warten könnte. Am besten so lange, bis sich die Veränderungen ins Nirwana verabschiedet haben und alles so bleibt, wie es gerade ist.
Die Digitalisierung ist dafür ein wunderbares Beispiel. Wir bestellen mit einem Klick, bezahlen kontaktlos, lassen uns vom Navi durch halb Europa führen, sprechen per Video mit Menschen auf anderen Kontinenten und fragen inzwischen ganz selbstverständlich eine KI um Rat. Gleichzeitig schicken wir Gesundheitsdaten per Email, füllen Formulare mehrfach aus und freuen uns über eine Behörde, bei der man immerhin schon einen Termin online buchen kann.
Natürlich ist nicht jedes Update ein Fortschritt, manchmal verkomplizieren sie die Dinge komplizierter, bringen Bugs und Fehler mit sich und kosten uns mehr Zeit als wir eigentlich einsparen wollten. Veränderung braucht Kontrolle, Vernunft und die Bereitschaft nachzubessern. Was sie nicht braucht, ist die Vorstellung, man könne sie einfach dauerhaft vertagen, denn wenn es um die Zukunft geht, gibt es leider keinen Button „Später erinnern“!
Bevor wir nun gemeinsam ins Wochenende gehen, schlagen wir vor, es ganz analog zu gestalten: Hinausgehen ins immer noch Sommerliche, Freunde treffen, gut essen, ausschlafen, den eigenen Accu vollladen und das Handy einfach mal liegen lassen.
In diesem Sinne wünschen wir ein schönes Wochenende ohne Fehlermeldungen,
Dieser Artikel erscheint als Teil des wöchentlichen Letters zu hochaktuellen Entwicklungen im Bereich Diabetes Technologie. Nutzen Sie das nebenstehende Formular um sich für den diatec weekly Newsletter anzumelden!
Mit freundlichen Grüßen
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