In der US-Fachzeitschrift Diabetes Care veröffentlichten Jennifer Sherr (Yale University), Jeremy Pettus (UCSD) und Kollegen jüngst die Studie „Persistent Burden of Severe Hypoglycemia and Impaired Awareness in Adults With Type 1 Diabetes Despite Technology Use“ [1]. Die Ergebnisse liefern bemerkenswerte Einblicke in die reale Versorgungssituation.
An der Nachbefragung nahmen 1.056 Erwachsene mit Typ-1-Diabetes teil – zwei Jahre nach einer vorausgegangenen Untersuchung derselben Kohorte. Ziel dieser Querschnittsanalyse war es, Veränderungen in der selbst berichteten Nutzung von Diabetes-Technologie, der Insulintherapieform, dem HbA1c-Wert, einer möglichen Beeinträchtigung der Hypoglykämie-Wahrnehmung sowie dem Auftreten schwerer hypoglykämischer Ereignisse zu erfassen.
Die Rücklaufquote lag bei 53 %. Die demografischen und klinischen Merkmale entsprachen weitgehend der ursprünglichen Kohorte: Durchschnittsalter 46 Jahre, Diabetesdauer 26 Jahre, 71 % weiblich, 97 % weiß.
Bereits in der ersten Erhebung nutzten 92 % der Teilnehmenden ein CGM-System; dieser Anteil stieg innerhalb von zwei Jahren auf 94 %. Die Nutzung automatisierter Insulindosiersysteme (AID) nahm im gleichen Zeitraum deutlich zu – von 47 % auf 65 % (+18 %).
Trotz der breiten Technologiedurchdringung blieben relevante Herausforderungen bestehen, z.B. bei der Glucosekontrolle und Hypoglykämien:
- Der mittlere HbA1c lag bei 6,6 % – ein Rückgang von 0,2 %-Punkten im Vergleich zur Ausgangsstudie.
- Dennoch erreichte rund ein Drittel der Teilnehmenden den Zielwert von <7,0 % nicht.
- Etwa 30 % wiesen eine beeinträchtigte Hypoglykämie-Wahrnehmung auf – nahezu unverändert gegenüber der ersten Erhebung.
- Rund 20 % berichteten mindestens ein schweres hypoglykämisches Ereignis innerhalb der vergangenen 12 Monate (vs. 17 % zuvor).
Besonders aufschlussreich sind die berichteten Ursachen: Mehr als die Hälfte der Personen mit wiederholten schweren Hypoglykämien gab an, dass mindestens ein Ereignis auf eine Fehleinschätzung von Insulindosis oder Kohlenhydraten zurückzuführen war. Über ein Drittel nannte körperliche Aktivität als auslösenden Faktor. Damit wird deutlich: Gerade bei hybriden AID-Systemen bleiben Kohlenhydrat-Schätzung und sportliche Aktivität komplexe und fehleranfällige Zustände.
Fazit: Schwere Hypoglykämien werden durch moderne Diabetes-Technologie nicht vollständig verhindert. CGM- und AID-Systeme sind zweifelsohne hochwirksam und verbessern die Glucosekontrolle erheblich. Aber sie sind kein Allheilmittel. Das berechtigte Vertrauen in die Technik darf nicht zu einer trügerischen Sicherheit führen. Besonders bei körperlicher Aktivität oder bei Unsicherheiten in der Kohlenhydrat-Berechnung bleibt Aufmerksamkeit entscheidend.
Für die Praxis bedeutet das: Die Schulung zur Nutzung von CGM- und AID-Systemen darf nicht nur technikorientiert sein, sondern muss das Risikomanagement, insbesondere im Kontext von Bewegung und Dosierungsentscheidungen, kontinuierlich begleiten. Technologie kann unterstützen. Ersetzen kann sie die Aufmerksamkeit und Erfahrung der Anwenderinnen und Anwender jedoch nicht.
- Sherr JL, Molinsky RL, Pakalapati T, Sherwood JS, Peter ME, Cornelius EM, et al. Persistent Burden of Severe Hypoglycemia and Impaired Awareness of Hypoglycemia Among People With Type 1 Diabetes Despite Technology Use: A Follow-up Survey. Diabetes Care. 2026. doi: 10.2337/dc25-2345.
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