Herzlich willkommen beim diatec weekly,
Der Kopf sagt Nein, der Bauch meint Ja! Oder umgekehrt, dieses Gefühl kennen wir alle, wenn wir eine Entscheidung treffen müssen. Selbst wenn wir nach objektiven Gesichtspunkten entscheiden, bleibt manchmal ein ungutes Bauchgefühl. Unsere Ratio kommt mit vernünftigen Argumenten daher, aber der Bauch hat eine ganz eigene Meinung dazu. Was also ist richtiger, auf die Intuition hören und damit auf den Bauch? Oder lieber der Vernunft und damit dem Kopf folgen? Was unterscheidet Kopf und Bauch eigentlich? Und gibt es tatsächlich Kopf- und Bauchmenschen?
Kopf-Menschen verlassen sich auf Logik, Analysen und Fakten. Sie nehmen sich Zeit, um Vor- und Nachteile abzuwägen, bevor sie eine Entscheidung treffen. Sie planen langfristig und treffen rationale, wohlüberlegte Entscheidungen, erstellen Pro-und-Kontra-Listen und vergleichen vor einer größeren Anschaffung stundenlang Fakten und Preise. Sie denken logisch und lieben Zahlen. Es soll in Deutschland tatsächlich eine Diabetologin geben, die in ihrer Matheklausur im Abitur auf Anhieb den Fehler gefunden hat, der in der Aufgabe war – Chapeau vor so viel analytischem Geschick!
Bauchmenschen hingegen hören auf ihre Intuition, achten ihre Gefühle und treffen Entscheidungen meistens spontan, basierend auf einem inneren Feeling. Anstatt lange zu analysieren, lassen sie sich von Emotionen leiten, handeln impulsiv oder spontan, vertrauen aber auch auf ihr Gespür für Menschen und Situationen. Sie betreten einen Raum und spüren sofort die Stimmung, die ihnen entgegenschlägt, Entscheidungen begründen sie damit, dass es sich „einfach richtig angefühlt hat“.
Der Kopf analysiert Daten und wägt Argumente sorgfältig ab, um die beste Lösung zu finden. Als unser innerer Berater versucht er Risiken minimieren und bedenkt die langfristigen Konsequenzen. Für wichtige Entscheidungen, die unsere Lebensplanung betreffen, ist eine möglichst objektive Analyse auch der bessere Weg: Wer soll mein Partner für den Rest meines Lebens sein? Bauen wir ein Haus oder mieten wir? Wollen wir Kinder oder nicht und wenn ja, wie viele? Lohnt sich ein Jobwechsel? Alles wird durchgeplant.
Wenn es aber um Leben oder Tod geht, weil ich Pilot oder Ärztin bin, bleibt keine Zeit für sorgfältiges Abwägen. Hier hilft das Bauchgefühl, denn der Bauch, oder besser unsere Intuition reagiert instinktiv, blitzschnell und scheinbar ohne logische Grundlage, weil er aus Erfahrungen und unbewussten Wahrnehmungen schöpft. Der intuitive Entscheidungsprozess erfordert auch nur wenig mentale Kapazität und solange unsere Intuition ausreichend stichhaltige Informationen als Grundlage hat, wenn man auf langjährige Erfahrung zurückgreifen kann, führt die Entscheidung meistens auch in die richtige Richtung.
Die meisten Menschen vertrauen ihrem Bauchgefühl. Aber Vorsicht – unser Bauchgefühl kann auch irren, z.B. wenn sich die Umstände ändern oder die Dinge vom Gewohnten abweichen. Auch in normalen Alltagssituationen gibt es vieles, was uns unbewusst beeinflusst und das meiste davon bemerken wir nicht einmal. Wir bewerten neue Informationen stärker als ältere, weil sie uns gerade deutlicher bewusst sind. Die Marketingabteilungen nutzen dies schamlos aus, z.B. bei Preisgestaltungen. Kaum ist von einem Angebot die Rede und ein höherer Preis daneben wurde durchgestrichen, fragen wir nicht mehr nach dem „echten“ Wert einer Sache, sondern drücken auf „bestellen“, selbst wenn es keine sinnvolle Grundlage für den ursprünglichen Preis gibt. Auch für Wahrnehmungsverzerrungen ist das Bauchgefühl empfänglich. Wenn wir eine neue Jeans kaufen wollen und fünf Modelle zur Auswahl haben, entscheiden wir uns für die erste, die wir sehen und können sogar konkret erklären, warum genau diese Jeans die beste ist.
Unsere eigenen Entscheidungen verstehen wir oft nicht besonders gut – ein Umstand, der die Verbreitung von Falschinformationen begünstigt. Fake News halten sich hartnäckig und nehmen stetig zu. Ein bekanntes Beispiel ist der irrige Glaube an einen Zusammenhang zwischen Kinderimpfungen und Autismus oder generell die zahlreichen Mythen rund um Impfungen. Solche Fehlinformationen haben manche Eltern dazu veranlasst, ihre Kinder nicht impfen zu lassen – mit ernsthaften Folgen: ein deutlicher Anstieg impfpräventabler Krankheiten und unnötig hohe öffentliche Ausgaben für Forschung und Aufklärungskampagnen.
Selbst gut gemeinte Korrekturen können unbeabsichtigte Nebenwirkungen haben. Wenn falsche Aussagen in den Medien gemeinsam mit der Richtigstellung präsentiert werden, könnte man annehmen, dass dies zur Aufklärung beiträgt. Tatsächlich jedoch verankern sich solche Falschinformationen durch Wiederholung noch stärker im Gedächtnis – je häufiger wir sie sehen, desto tiefer prägen sie sich ein.
Intuition widersetzt sich manchmal sogar logischen oder mathematischen Schlussfolgerungen. Ein bekanntes Beispiel ist dieses hier: Ein Schläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 Dollar. Der Schläger kostet einen Dollar mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball? Spontan geben die meisten Menschen eine intuitive, aber falsche Antwort – die Lösung verraten wir Ihnen am Ende dieses Weekly.
Während unser Verstand besonders bei klar strukturierten, logisch lösbaren Problemen seine Stärken ausspielt, zeigen Studien, dass Intuition oft überraschend treffsicher ist – besonders bei komplexen Entscheidungen mit vielen unbekannten Variablen. Unser Bauchgefühl nutzt implizites Wissen, das uns nicht immer bewusst zugänglich ist.
Die besten Entscheidungen treffen wir, wenn wir Kopf und Bauch gleichermaßen einbeziehen, denn rationales Denken und Intuition sind keine Gegensätze. Der Kopf analysiert bewusst und systematisch, während der Bauch auf Erfahrungen und unbewusst gespeichertes Wissen zurückgreift. Wer sich ausschließlich auf den Verstand verlässt, läuft Gefahr, Chancen aus Angst vor Unsicherheit zu verpassen. Wer nur der Intuition folgt, riskiert hingegen, unüberlegt in riskante Situationen zu geraten. Es geht also nicht um ein „Entweder-oder“, sondern um die richtige Balance. Der wahre Schlüssel liegt darin, zu erkennen, wann der Kopf uns schützt – und wann der Bauch uns befreit. Wer beide Instanzen in Einklang bringt, findet seinen eigenen besten Weg.
Bevor wir zu den Themen der Woche kommen, möchten wir Sie noch einmal auf das Webinar Diabetes & Technologie Congress Compact – ATTD 2025 aufmerksam machen. Wir berichten ausführlich über den ATTD 2025 und bringen die News und Erkenntnisse zu Ihnen.
Anmelden können Sie sich hier: Congress Compact ist ein Angebot der Firma Abbott in Zusammenarbeit mit diateam.
Die Themen der Woche bestehen diesmal aus einem langen Übersichtsartikel zu den „Fully Closed Loop“-Systemen, die beim ATTD vorgestellt wurden, aber alle noch in der Entwicklung sind. Der zweite Artikel ist ein kurzer Beitrag zum Ende einer bedeutenden Studie zum Thema Prävention, doch lesen Sie selbst. Dann möchten wir Sie noch auf eine Studie aufmerksam machen, die von FIDAM initiiert wird. Es geht um diabetesspezifische Belastungen und um eine App dazu. Infos dazu finden Sie hier. Auf geht’s!
Eines der Mega-Themen beim diesjährigen ATTD in Amsterdam war sicherlich der Fully Closed Loop, also AID mit vollständig geschlossenem Kreislauf. Noch sind alle Systeme und Algorithmen in der Entwicklung, aber es gibt Anlass zu Hoffnung:
Wird nun der Traum endlich wahr?
Innerhalb weniger Jahre hat sich die automatische Insulindosierung, kurz AID in der Therapie von Patienten mit Typ-1-Diabetes als Standard etabliert. Zunehmend werden AID-Systeme nun auch bei insulinpflichtigen Patienten mit Typ-2-Diabetes eingesetzt. Bislang sind die aktuellen AID-Systeme „hybrid“, was bedeutet, dass automatisiert nur die basale Insulinabgabe erfolgt und die Bolusabgaben aktiv von den Nutzern eingegeben werden. Diese müssen also vor jeder Mahlzeit oder auch vor Sport selbst aktiv werden, indem sie vor einer Mahlzeit entweder deren geschätzte Kohlenhydratmenge eingeben oder diese von der Größe her zumindest semiqualitativ angeben.
Die umfassenden Kürzungen und politischen Eingriffe der US-Regierung haben weitreichende Auswirkungen auf die Forschungslandschaft und könnten den wissenschaftlichen Fortschritt in den USA nachhaltig beeinträchtigen:
Konkrete Auswirkung: Stopp der DPPOS
Als Folge der abrupten Streichungen bei den staatlichen Forschungsgeldern wurde die „Diabetes Prevention Program Outcomes Study“ (DPPOS) am 10. März 2025 eingestellt. Die DPPOS ist oder besser: war eine bahnbrechende 30-jährige Längsschnittstudie, die 1.700 engagierte Teilnehmer an 29 Institutionen in den gesamten USA begleitet hat.
Das Bild der Woche
Banksy, der geheimnisvolle britische Streetart-Künstler, äußert sich in seinen Werken immer wieder politisch. Mit diesem Bild, das für 2,5 Mill. Euro verkauft wurde, unterstützt er – oder sie – die Seenotrettung von Flüchtlingen, die den Weg über das Mittelmeer suchen.
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Zum Schluss noch wie immer das Letzte
Haben Sie schon von Willow gehört? So heißt der neueste Quantenchip von Google. Er verfügt über 105 supraleitende Qubits, wurde speziell für die Verbesserung der Quantenfehlerkorrektur entwickelt und stellt einen bedeutenden Fortschritt in der Quantencomputing-Technologie dar. Neben einer exponentiellen Verbesserung bei der Korrektur von Quantenfehlern konnte Willow eine Berechnung, für die ein klassischer Supercomputer etwa 10 Septillionen Jahre benötigen würde, in weniger als fünf Minuten durchführen.
10 Septillionen Jahre sind ein Zeitraum, der das Alter unseres Universums bei weitem übersteigt. In Ziffern sieht diese Zahl übrigens so aus – eine 1 mit 25 Nullen:
10.000.000.000.000.000.000.000.000
Willow wurde von Hartmut Neven, Google-Quantum-AI-Gründer und Engineering Director bei Google und seinem Team entwickelt. Neven stammt aus Deutschland, hat unter anderem Physik am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen studiert und wurde am Institut für Neuroinformatik der Ruhr-Universität Bochum promoviert. Neben Physik studierte er auch Wirtschaftswissenschaften und wurde unter 40 Doktoranden ausgewählt, ein Media Lab an der University of Southern California in Los Angeles zu leiten, um Forschungen zu Gesichtserkennung zu leiten.
Nun also Willow, einer der bedeutendsten Schritte im Quantencomputing, dessen sagenhafte Rechenleistung Hartmut Neven zu der Aussage brachte, dass Willow sich Rechenleistungen aus einem anderen Universum geborgt haben muss! Bevor wir hier nun zu sehr ins Mystische abgleiten, bleiben wir lieber bei den Fakten: Die Entwicklung von Willow fand in Googles fortschrittlicher Fertigungsanlage in Santa Barbara statt. Präzise Systemtechnik stellt sicher, dass alle Komponenten, wie Qubit-Gates und Auslesemechanismen, nahtlos zusammenarbeiten. Und obwohl Willow ein bedeutender Meilenstein in der Quantentechnologie ist, betonen Experten, dass praktische Anwendungen von Quantencomputern noch Jahre entfernt sind. Trotzdem ist der Chip ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur praktischen Nutzung von Quantencomputern, auch wenn die Technologie noch weiterentwickelt werden muss, bevor sie kommerziell einsetzbar ist, z.B. in Anwendungsbereiche wie Medikamentenentwicklung, Materialwissenschaften, Optimierung von Algorithmen und künstliche Intelligenz.
Google hat ein Video veröffentlicht, das einen umfassenden Einblick in die Entwicklung und Funktionsweise von Willow bietet:
Übrigens haben auch europäische Forscher aus Innsbruck und Delft nun ein Betriebssystem für Quantencomputer entwickelt, damit auch diese Rechnersysteme benutzerfreundlicher werden.
Bevor wir uns nun ins Wochenende verabschieden, kommt hier noch des Rätsels (aus dem Intro) Lösung: Ein Schläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 Euro. Der Schläger kostet einen Euro mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball? Es sind nicht 10 Cent, wie die meisten intuitiv antworten. Die richtige Antwort lautet 5 Cent! Rechnen Sie nach.
Das war‘s für die Woche. Wir verabschieden uns nun für einige Wochen in die Osterpause und melden uns Anfang Mai zurück. Bis dahin wünschen wir eine schöne Osterzeit mit ein paar ruhigen Tagen zum Entspannen.
Es grüßen herzlich,
Dieser Artikel erscheint als Teil des wöchentlichen Letters zu hochaktuellen Entwicklungen im Bereich Diabetes Technologie. Nutzen Sie das nebenstehende Formular um sich für den diatec weekly Newsletter anzumelden!
Mit freundlichen Grüßen