Die Universität Genf hat einen Bericht mit dem Titel „Documenting Global Insulin Shortages and Stockouts 2023–2025“ veröffentlicht. Darin dokumentieren Forschende des NCD Policy Lab Engpässe bei der Versorgung mit Insulin in zahlreichen Regionen der Welt. Der Bericht zeigt, dass diese Probleme weit verbreitet sind und in vielen Ländern eine chronische Herausforderung darstellen.
Für ihre Analyse werteten die Wissenschaftler Medienberichte der vergangenen drei Jahre in englischer, französischer, spanischer und portugiesischer Sprache aus. Zusätzlich wurden Datenbanken der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie nationale Regierungsquellen berücksichtigt. Auch Websites nationaler Aufsichtsbehörden wurden geprüft, die Insulinengpässe unter anderem in Frankreich, Kanada und dem Vereinigten Königreich bestätigten.
Die ausgewerteten Medienberichte decken sich laut Bericht mit mehr als 200 Warnmeldungen, die von Behörden an die WHO gemeldet wurden. Diese Hinweise deuten auf eine anhaltende systemische Fragilität der weltweiten Insulinversorgung hin. Besonders bemerkenswert ist, dass praktisch alle Länder auf dem amerikanischen Kontinent von Insulinengpässen oder -ausfällen betroffen waren – unabhängig von ihrem Bruttoinlandsprodukt, der nationalen Nachfrage oder vorhandenen Produktionskapazitäten.
Zu den Insulinen, bei denen am häufigsten Engpässe gemeldet wurden, zählen Humalog (Eli Lilly), verschiedene Humaninsuline, Fiasp FlexTouch und Tresiba FlexTouch (Novo Nordisk) sowie Basaglar (Lilly in Zusammenarbeit mit Boehringer Ingelheim). Ebenfalls genannt wurde Levemir von Novo Nordisk, dessen Produktion inzwischen eingestellt wurde. Als Ursachen werden unter anderem Probleme in Vertriebsnetzen, Unterbrechungen in Lieferketten, regulatorische Hürden und wirtschaftliche Belastungen einzelner Länder genannt.
Der Bericht hebt zudem hervor, wie stark der globale Insulinmarkt von drei Unternehmen dominiert wird: Novo Nordisk, Eli Lilly und Sanofi. Diese Marktkonzentration wirft Fragen hinsichtlich der langfristigen Stabilität der Versorgung auf. Die Forscher kontaktierten die drei Unternehmen und baten um Stellungnahmen zu den dokumentierten Engpässen.
Eli Lilly bestätigte, dass das Unternehmen sein Humulin-Insulin weiterhin produziert, allerdings würden „einige selten verwendete Darreichungsformen in bestimmten Ländern aus dem Vertrieb genommen“. Lilly bezeichnet dies als gezielte Portfolioanpassungen, die dazu dienen sollen, die Versorgung mit den am häufigsten verwendeten Insulinen sicherzustellen. Für betroffene Patientinnen und Patienten stünden laut Lilly alternative Formulierungen oder vergleichbare Produkte zur Verfügung, entweder von Lilly selbst oder von anderen Herstellern.
Novo Nordisk befindet sich derzeit in einer umfassenden Umstrukturierung. Im August übernahm ein neuer CEO die Unternehmensleitung, im September kündigte das Unternehmen den Abbau von rund 9.000 Stellen an. Laut Bericht war Novo Nordisk „nicht in der Lage, Fragen zu Engpässen oder Lieferproblemen zu diskutieren“. Ein Informant wies jedoch darauf hin, dass die Vorlaufzeiten für Humaninsuline derzeit bis zu 20 Wochen betragen können.
Sanofi erklärte hingegen, dass das Unternehmen „keine aktuellen oder kürzlich aufgetretenen Insulinengpässe“ gemeldet habe.
Ein weiterer Aspekt betrifft die wirtschaftliche Entwicklung des Insulinmarktes. Sowohl Novo Nordisk als auch Lilly haben in den vergangenen Jahren mit ihren GLP-1-Medikamenten enorme Umsatzerfolge erzielt. Dadurch spielt Insulin im Vergleich zu früher eine deutlich kleinere Rolle im Gesamtgeschäft. Bei Novo Nordisk machten Insuline im vergangenen Jahr nur noch etwa 19 % des Gesamtumsatzes aus, bei Lilly sogar lediglich rund 8,3 %. Angesichts der boomenden Nachfrage nach Medikamenten wie Ozempic oder Mounjaro dürfte dieser Anteil künftig weiter sinken.
Fazit: Vor diesem Hintergrund stellt sich eine grundlegende Frage: Wird Insulin auch in Zukunft eine Priorität für die großen Pharmaunternehmen bleiben? Novo Nordisk und Lilly stellen seit mehr als hundert Jahren Insulin her. Doch wenn andere Produkte deutlich höhere Margen versprechen, könnte dieses Engagement langfristig unter Druck geraten. Auch die hohen Investitionen, die für die Entwicklung neuer Insuline oder innovativer Applikationsformen – etwa orales Insulin – erforderlich sind, könnten Unternehmen künftig zögerlicher machen.
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