Christian Graf, Wuppertal; Lutz Heinemann, Düsseldorf
Im Kapitel „Epidemiologie des Diabetes in Deutschland“ des Deutschen Gesundheitsberichts Diabetes 2026 heißt es gleich im ersten Satz: „Die Zahl der Menschen mit Typ-2-Diabetes in Deutschland liegt aktuell bei mindestens 9,3 Millionen.“
Die angegebene Quelle verweist allerdings auf eine Publikation aus dem Jahr 2011 mit einer Prävalenz von 9,7 %. Damit stellt sich unmittelbar die Frage, wie aktuell diese Hochrechnung tatsächlich ist.
Auch eine einfache Internetrecherche führt nicht zu eindeutigen Ergebnissen: Die Spannweite der Angaben reicht von etwa 7 bis 9 Millionen Betroffenen (rund 9–11 % der erwachsenen Bevölkerung). Für 2023/2024 werden Schätzungen von etwa 8,7 bis 8,9 Millionen genannt, mit einer 1-Jahres-Prävalenz von etwa 11 % bei Erwachsenen ab 20 Jahren. Zudem werden regionale Unterschiede beschrieben, mit höheren Raten in Ostdeutschland.
Die Unterschiede hängen maßgeblich davon ab, auf welches Jahr Bezug genommen wird, ob gesetzlich Krankenversicherte (GKV) oder die Gesamtbevölkerung betrachtet werden und ob es sich um administrative Routinedaten, Selbstauskünfte oder epidemiologische Studien handelt. Nachfolgend eine Beispielhafte Hochrechnung (2024)
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Grundlage |
Prävalenz |
Anzahl Betroffene |
|
GKV (74,5 Mio.) |
9,7 % |
7.226.500 |
|
Gesamtbevölkerung (83,6 Mio.) |
9,7 % |
8.109.200 |
|
GKV |
11 % |
8.195.000 |
|
Gesamtbevölkerung |
11 % |
9.196.000 |
Bereits diese vereinfachte Rechnung zeigt: Je nach Bezugsgröße und angenommener Prävalenz schwankt die Zahl um nahezu zwei Millionen Menschen:
- Der Gesundheitsatlas des Wissenschaftlichen Instituts der AOK weist für 2023 eine Prävalenz von 10,98 % aus. Die Genauigkeit bis auf zwei Nachkommastellen suggeriert eine hohe Präzision, auch wenn es sich letztlich um administrative Versichertendaten handelt.
- Das Robert Koch-Institut berichtet für 2024: „10,3 % der Erwachsenen berichten einen ärztlich diagnostizierten Diabetes.“ Hierbei handelt es sich jedoch um selbstberichtete Diagnosen, also um eine andere methodische Grundlage.
- Hinzu kommt eine weitere aktuelle Publikation, die die Zahl der Menschen mit Typ-2-Diabetes deutlich niedriger mit 6,05 Millionen angibt. Auch hier spielen Definition, Datengrundlage und methodisches Vorgehen eine entscheidende Rolle.
Unklar bleibt zudem, wie konsequent diagnostische Kriterien im Versorgungsalltag angewendet werden. Zwar existieren detaillierte Praxisempfehlungen zur Labordiagnostik, doch wie systematisch diese umgesetzt werden, lässt sich schwer quantifizieren.
Fazit: Die Unterschiede in den aktuellen Prävalenzangaben zum Typ-2-Diabetes in Deutschland sind erheblich. Je nach Datengrundlage, Bezugsbevölkerung, Erhebungsmethode und Jahr variieren die Zahlen um mehrere Millionen Betroffene. Es erscheint daher dringend sinnvoll, zukünftige Analysen transparenter und methodisch vergleichbarer zu gestalten. Dabei sollten sowohl regionale Unterschiede als auch die seit Jahren pauschal angenommene „Dunkelziffer“ – häufig mit rund zwei Millionen Menschen beziffert – kritisch überprüft werden.
Verlässliche Prävalenzdaten sind nicht nur für die gesundheitspolitische Einordnung und volkswirtschaftliche Bewertung des Diabetes essenziell. Sie bilden auch die Grundlage für Evaluationsstudien, Versorgungsanalysen und die Bewertung von Innovationen, z.B. im Bereich der Diabetestechnologie. Ohne belastbare Zahlen bleibt jede Strategie ein Stück weit Schätzung, aber eine evidenzbasierte Gesundheitspolitik braucht mehr als Näherungswerte.
- Landgraf R, Heinemann L, Schwarz T, Niederau C, Pleus S, Tytko A, et al. Definition, Klassifikation, Diagnostik und Differenzialdiagnostik des Diabetes mellitus: Update 2025. Diabetologie und Stoffwechsel. 2025;20(S 02):S127–S43. doi: 10.1055/a-2566-7533.
- Baumert J, Reitzle L, Brinks R, Kuhnert R, Heidemann C. Entwicklung von Prävalenz und Fallzahl des diagnostizierten Typ-2-Diabetes in Deutschland: Prognosen bis 2050. Journal of Health Monitoring. 2025;(3):16. doi: 10.25646/13352.
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