
Ende 2025 veröffentlichte die US-Fachzeitschrift Diabetes Technology & Therapeutics ein Sonderheft mit neun Beiträgen zum kontinuierlichen Monitoring von Glucose und Ketonkörpern. Im Mittelpunkt steht ein von Abbott entwickeltes Sensorsystem, das unter der Abkürzung DGK (Dual Glucose–Ketone Monitoring) firmiert und auf derselben Plattform basiert wie das reine CGM-System FreeStyle Libre 3+. Der DGK-Sensor ist derzeit weder in den USA noch in Europa zugelassen. Eine Marktzulassung wird jedoch für 2026 erwartet, ein internationaler Roll-out ist geplant, auch für Deutschland.
CGM-Systeme haben in den vergangenen Jahren maßgeblich zur Reduktion von Hypoglykämien beigetragen. Darüber hinaus ermöglichen sie die frühzeitige Erkennung von Hyperglykämien, die häufig mit einer beginnenden Ketose oder einer diabetischen Ketoazidose (DKA) einhergehen. Allerdings ist die klassische Annahme, dass eine DKA zwingend mit ausgeprägter Hyperglykämie (>250 mg/dl) verbunden ist, nicht mehr haltbar. Insbesondere bei Menschen mit Diabetes, die mit SGLT-2-Inhibitoren oder GLP-1-Rezeptoragonisten behandelt werden, können DKAs auch bei normnahen Glucosewerten auftreten – sogenannte euglykämische DKAs (euDKA). In diesen Fällen ist CGM allein für die Früherkennung wenig geeignet.
Für die punktuelle Messung von Ketonkörpern, insbesondere β-Hydroxybutyrat (BHB), stehen zwar kapillare Blutmessgeräte zur Verfügung. In der Praxis werden sie jedoch aufgrund von Kosten, zusätzlichem Aufwand und mangelnder Integration in den Alltag nur selten genutzt. DKAs sind mit einer erhöhten Morbidität und Mortalität verbunden und erfordern häufig stationäre Behandlungen, nicht selten inklusive Intensivtherapie. Die Prävalenz von DKAs nimmt zu – sowohl bei Menschen mit neu diagnostiziertem Typ-1-Diabetes als auch bei solchen mit einem insulinpflichtigem Typ-2-Diabetes. Auch bei der Nutzung von AID-Systemen besteht ein DKA-Risiko, etwa durch Katheterprobleme oder Insulinunterbrechungen.
Vor diesem Hintergrund wird für DGK eine Erstattung durch die Krankenkassen angestrebt. Die Vermeidung von DKAs könnte nicht nur die individuelle Krankheitslast senken, sondern auch Krankenhausaufenthalte und damit verbundene Kosten deutlich reduzieren. Darüber hinaus eröffnet die gleichzeitige Verfügbarkeit von Glucose- und Ketondaten neue Perspektiven für die Weiterentwicklung von AID-Algorithmen, die bislang ausschließlich auf Glucosewerten basieren. Voraussetzung dafür sind allerdings neue Alarmkonzepte und angepasste algorithmische Entscheidungslogiken.
Die Beiträge des Sonderhefts beleuchten die klinische Bedeutung von DKA in verschiedenen vulnerablen Populationen und diskutieren Chancen wie auch Herausforderungen des DGK-Ansatzes. Etwa 4–8 % der Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes sind jährlich von einer DKA betroffen. Besonders problematisch sind dabei euglykämische Verläufe, bei denen klassische CGM-basierte Warnmechanismen versagen.
Mehrere Arbeiten widmen sich der technologischen Machbarkeit und Validierung kontinuierlicher Ketonsensoren, darunter erste Humanstudien zur Messung von BHB in der interstitiellen Flüssigkeit sowie Untersuchungen zur Genauigkeit, Zuverlässigkeit und Alltagstauglichkeit der Sensorik. Weitere Studien analysieren den Zusammenhang zwischen Glucose- und Ketonschwankungen im realen Leben von Menschen mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes, einschließlich Patientinnen und Patienten unter Insulin- oder SGLT-2-Therapie.
Besondere Aufmerksamkeit gilt der Prävention: Ärztinnen und Ärzte spielen eine Schlüsselrolle, indem sie Risikofaktoren für DKAs vermitteln und die frühzeitige Reaktion auf steigende Ketonwerte fördern. Auch für die pädiatrische Versorgung ist das Thema hochrelevant: Die DKA ist die häufigste akute Komplikation und Todesursache bei Kindern und Jugendlichen mit Diabetes. Bis zu 80 % der Kinder zeigen bereits bei Erstdiagnose eines Typ-1-Diabetes eine DKA. Jede weitere Episode erhöht das Risiko für Rezidive und Langzeitmortalität erheblich.
Schließlich wird das Potenzial von DGK auch für besondere Patientengruppen diskutiert, etwa in der Schwangerschaft, bei seltenen Diabetesformen oder in der klinischen Forschung. Eine DKA während der Schwangerschaft ist selten, aber mit einer Fötalsterblichkeit von bis zu 35 % pro Episode verbunden – trotz moderner perinataler Versorgung.
Fazit: Das duale kontinuierliche Monitoring von Glucose und Ketonkörpern hat das Potenzial, einen bislang unzureichend adressierten Bereich der Diabetesversorgung grundlegend zu verändern. Ob und in welchem Umfang DGK-Systeme künftig in Deutschland in die Regelversorgung integriert werden, bleibt abzuwarten. Die im Sonderheft publizierten Arbeiten liefern jedoch eine solide wissenschaftliche Grundlage für diese Diskussion – und machen deutlich, dass die Zukunft der Diabetestechnologie möglicherweise nicht nur in besseren Glucosekurven, sondern in einem erweiterten metabolischen Verständnis liegt.
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