Same procedure as every year? Ja und Nein! Die Rede ist von der diatec, die gerade zum 15. Mal in Berlin stattgefunden hat – und das wurde gebührend gefeiert. Mit allem, was dazugehört: ein starkes Programm mit hochkarätigen Referenten, Aufbruchstimmung für Technologie, ausgelassenes Tanzen am Freitagabend zum DJ-Set – und insgesamt eine Atmosphäre, die man nur als elektrisierend beschreiben kann. „Familientreffen“ war das Wort, das immer wieder fiel. Und genauso fühlte es sich an: ein Zusammentreffen einer Großfamilie, neudeutsch Clan, mit einem Universum aus Bildern und Dynamiken, mit einem Stimmengewirr zwischen Wiedersehensfreude und Erfahrungsaustausch, mit einem Tisch, der eigentlich zu klein ist und an dem trotzdem alle Platz finden. Und mit einem beruhigenden Gefühl: Es gibt eine Zukunft für uns.
Ja, die Diabetologie ist bei wichtigen gesundheitspolitischen Stellschrauben der letzten Jahre ein wenig aus dem Fokus geraten. Aber das lässt sich korrigieren. Ja, der Arbeitsaufwand in den Praxen im Umgang mit Technologie ist hoch und bislang unzureichend vergütet. Aber gemeinsam können wir dafür kämpfen und die Rahmenbedingungen verändern. Und ja, die aktuellen Umbrüche im Diabetesbereich werden kritisch diskutiert. Jetzt gilt es, die Ärmel hochzukrempeln und die richtigen Schritte zu finden, damit die deutsche Diabetologie auch künftig so gut aufgestellt ist wie in ihren besten Zeiten. „Wir schaffen das“, um einmal berühmt gewordene Worte zu zitieren.
Wie positiv sich der Technologiebereich entwickelt, zeigte der dt-report 2026 mit brandaktuellen Zahlen, die am Donnerstagnachmittag vorgestellt wurden: eine Zunahme der AID-Systeme um fast 20 % innerhalb nur eines Jahres, verbunden mit einer Prognose von über 70 % Nutzern in zwei Jahren – und das vor dem Hintergrund, dass Insulinpumpen über Jahre hinweg kaum Wachstumsraten verzeichneten. Intensiv diskutiert wurde in diesem Zusammenhang das Thema Kosteneffizienz. Der Donnerstagabend ist traditionell das politische Forum für genau solche Debatten. Zugeschaltet war auch MdB Anna-Lena Weiss aus dem Gesundheitsausschuss, selbst Mutter eines Kindes mit Typ-1-Diabetes, die aus eigener Erfahrung berichtete, wie mühsam der Kampf um Kostenübernahmen sein kann.
Der Freitagmorgen eröffnete das eigentliche diatec-Programm und führte über eineinhalb Tage durch das Schwerpunktthema Interoperabilität – mit all seinen Facetten: von gemeinsamen technologischen Standards über die Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit ausgetauschter Informationen bis hin zu Interoperabilität als Haltung. Denn gemeinsame Standards und eine Kultur der Zusammenarbeit auf allen Ebenen sind entscheidende Voraussetzungen für eine vernetzte Versorgung.
Vorgestellt wurden Leuchtturmprojekte wie eine konsequent digitalisierte Schwerpunktpraxis aus dem Saarland ebenso wie ein gelungenes interoperables Klinikprojekt aus Schleswig-Holstein. In den Seminaren standen praktische Fragen aus dem klinischen Alltag im Mittelpunkt – inklusive konkreter Lösungsansätze. Ergänzt wurden diese durch Fokus-Sessions aus Praxis und Klinik. Auch europäische Initiativen und Projekte wie MELISSA, PRÄSIDIUM oder Music4Diabetes zeigten, dass die diatec längst über die DACH-Region hinaus Strahlkraft entwickelt und dass selbst im Berliner Winter immer mehr internationale Gäste den Weg dorthin finden.
Ein weiteres zentrales Thema war die wachsende Bedeutung von KI in der Diabetologie: vom Einsatz in Schwerpunktpraxen und Kliniken über KI-gestütztes Retinopathie-Screening bis hin zu nationalen KI-Standards und regulatorischen Perspektiven sowie globalen Innovationsprojekten. Eingerahmt wurde das Programm von den traditionellen Science-Shorties, dem kompakten Überblick über die wichtigsten Studien des vergangenen Jahres – und neu in diesem Jahr von den Tec-Innovations, einem Ausblick auf kommende Entwicklungen. Ebenfalls Premiere feierte ein Hackathon, der parallel zur diatec stattfand. Ein Hackathon – ein Kombiwort aus Hacking und Marathon – beschreibt ein zeitlich begrenztes, hochkonzentriertes Arbeitsformat, in dem interprofessionelle Teams gemeinsam Lösungen für klar definierte Probleme entwickeln. Einer der Beiträge dieser Woche widmet sich ausführlich dem Hackathon „GluCode“ und dem, was dort erreicht werden konnte.
Bei dieser thematischen Vielfalt fällt es schwer, einzelne Highlights herauszugreifen. Eines war jedoch zweifellos der „Besondere Vortrag“ am Freitagabend – und der hatte bewusst nichts mit Technologie oder KI zu tun, sondern mit Menschenkenntnis. Die Diplom-Psychologin, Autorin und Kommunikationstrainerin Kathrin Zach hielt dem Auditorium auf eindrucksvolle Weise einen Spiegel vor und zeigte, wie sehr unsere Wahrnehmung der Welt von den Dimensionen unserer Persönlichkeit geprägt ist.
Ein weiteres Highlight war sicher der erste Hackathon bei der diatec 2026, den wir hiermit etwas ausführlicher vorstellen: Kleine Schritte mit großer Wirkung für die digitale Diabetesversorgung
Noch immer ist die Diabetesversorgung im Krankenhaus vielerorts von papierbasierten Workarounds geprägt. Relevante Informationen zur Diabetesdiagnose, Therapie, Schulung oder zur multimodalen Komplexbehandlung sind häufig fragmentiert dokumentiert – analog, unstrukturiert und auf unterschiedlichsten Formularen verteilt. Dabei lebt etwa jede vierte stationär behandelte Person mit Diabetes, und die Erkrankung ist mit einem ungünstigeren Verlauf verbunden – mit mehr Komplikationen, längeren Liegezeiten und höheren Kosten.
Genau hier setzte der erste Hackathon an, der unter dem Namen GluCode während des gesamten Programms parallel zur diatec durchgeführt wurde. Ein Hackathon ist ein zeitlich begrenztes, hochkonzentriertes Arbeitsformat, bei dem interprofessionelle Teams gemeinsam konkrete Lösungen für ein klar definiertes Problem erarbeiten. Die diatec wurde dafür bewusst als Workspace genutzt – als ein Ort, an dem Diabetesteams, IT und Controlling klinikübergreifend zusammenkommen.
Fokus 2026: Multimodale Komplexbehandlung digital abbilden. Im Mittelpunkt des GluCode-Hackathons stand ein konkretes, relevantes und politisch aktuelles Alltagsproblem: Die strukturierte und weitgehend automatisierte Dokumentation der multimodalen Komplexbehandlung Diabetes (OPS 8-984.3) – ergänzt um die Komplexbehandlung bei Fehlernährung (OPS 8-984.4). Diese Aufgabe haben sich mehrere interprofessionelle Teams aus dem HDZ NRW Bad Oeynhausen, Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum, der Diabetes-Klinik Bad Mergentheim, dem Mathias Spital Rheine und dem Universitätsklinikum Leipzig entwickelten vorgenommen, um gemeinsam eine praxistaugliche Lösung im KIS ORBIS (Dedalus) zu entwickeln. Ziel war es, kleine, aber relevante Prozesse so zu gestalten, dass sie sofort im Klinikalltag nutzbar sind – medizinisch sinnvoll, kodierrelevant und prozesssicher.
Warum dieses Format so besonders ist! Der GluCode-Hackathon adressiert ein zentrales strukturelles Problem des Klinikalltags: Die notwendige Expertise aus Diabetologie, IT und Controlling steht im Alltag kaum gebündelt und über einen längeren Zeitraum zur Verfügung. Der Hackathon auf der diatec schaffte genau diesen Raum – konzentriert, lösungsorientiert und klinikübergreifend.
Die multimodale Komplexbehandlung ist deshalb komplex, weil sie mehrere Fachdisziplinen eng koordinieren und zusammenführen muss, um chronische und vielschichtige Erkrankungen ganzheitlich zu behandeln. Dabei müssen individuelle Therapiepläne, hohe strukturelle Anforderungen und eine intensive interdisziplinäre Abstimmung gleichzeitig erfüllt werden.
Hinzu kommt eine besonders anspruchsvolle Abrechnung, bei der jede Leistung formal exakt dokumentiert sein muss, damit die Behandlung überhaupt anerkannt wird.
Fazit: Der GluCode-Hackathon ist Teil einer übergeordneten Vision: der schrittweisen Digitalisierung der Diabetesversorgung im Krankenhaus. Jedes Jahr wird dafür ein klar umrissenes Projekt definiert, das einen kleinen, aber wirksamen Beitrag zu diesem großen Ziel leistet. Die Fortsetzung ist bereits geplant: GluCode-Hackathon 2027 – wieder als gemeinsamer Workspace und wieder mit Fokus auf umsetzbare Lösungen.
Dieser Artikel erscheint als Teil des wöchentlichen Letters zu hochaktuellen Entwicklungen im Bereich Diabetes Technologie. Nutzen Sie das nebenstehende Formular um sich für den diatec weekly Newsletter anzumelden!
Mit freundlichen Grüßen
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