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Barcelona ist sicher eine der spannendsten Städte Europas, mit einer herrlichen Lage zwischen Mittelmeer und einer hoch aufspringenden Bergkette, voller junger Menschen aus aller Welt und schönen herrschaftlichen Häusern im Zentrum. Das erstaunlichste Bauwerk ist aber die Sagrada Família, die Kirche, an der seit 144 Jahren gebaut wird und die immer noch nicht fertig gestellt ist. Ursprünglich war es ein und Buchhändler Verleger von religiöser Literatur namens Josep Maria Bocabella, der seine Vision von einer neuen Büßerkirche umgesetzt haben wollte. Die Kirche sollte nach der Heiligen Familie benannt werden, daher der Name. Bocabella sammelte Spenden ein, kaufte das Grundstück, beauftragte einen Architekten mit dem Bau und überwarf sich dann recht schnell mit ihm.

Antoni Gaudí sprang ein und entwarf ein vollkommen neues Kirchenmodell. Er wollte nicht nur die Heilige Familie ehren, sondern alle wichtigen Figuren des Christentums gleich mit. Seine Architektur sollte voller religiöser Symbolik sein, mit reich dekorierten Fassaden, die Geburt, Kreuzigung und Auferstehung Jesu zeigen und reich mit Anspielungen und Motiven aus der Natur sind. Wir sehen Wälder, Waben und Muster, Früchte und Tiere, von Blättern und Blüten umrankte Musikinstrumente – alles in allem ein gigantisches religiöses System, welches die Mythen des Glaubens widerspiegeln.

Insgesamt 18 Türme machen die Kirche zu einem auffälligen Hingucker: Zwölf für die Apostel, vier für die Evangelisten, einen für Maria und den höchsten für Jesus Christus, der erst kürzlich das sensationelle Kreuz erhielt, das die Sagrada Família zur höchsten Kirche des Planeten macht. Dieses Kreuz ist kein kleines architektonisches Detail, sondern ein eigenes Bauwerk mit einer Höhe von ca. 17 Meter, was einem fünfstöckigen Haus entspricht, und einer Breite von 13,5 Metern. Es wurde in Gundelfingen bei Augsburg, Bayern gefertigt, besteht aus Stahl, Glas und weiß glasierter Keramik und ist ein technologisches Wunderwerk.

Spektakulär ist auch der Innenraum, ausgestattet mit unzähligen Besonderheiten: Das Gewölbe ist an manchen Stellen 75 Meter hoch, mit hohen Säulen, die an Baumstämme erinnern und modern gestalteten farbigen Glasfenstern, die je nach Lichteinfall ein ständig wechselndes Farbenspiel erzeugen. Wohin der Blick auch fällt, man entdeckt immerzu etwas Neues, Individuelles, Schönes: Eine Gruppe blauer Glasfenster hier, eine seltsam anmutende Figur in schwarz über einer Eingangspforte, die irgendwie an Darth Vader erinnert. Und immer wieder ist es das Licht, das von allen Seiten in den hellen Raum hinein strahlt und den Raum trotz seiner Größe zu einem Wohlfühlort macht.

Nun wollen wir mit unserem heutigen Intro aber nicht einfach nur eine Kirche beschreiben, so besonders sie auch ist. Die Sagrada Familia ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich eine Idee über einen langen Zeitraum durchgesetzt hat, allen Widrigkeiten zum Trotz. Von Beginn an gab es Proteste gegen den Bau und die damit verbundene Macht der katholischen Kirche. Mehrfach wurde der Bau gestoppt – im Spanischen Bürgerkrieg wurden viele Pläne und fast alle Modelle Gaudís zerstört und konnten nur mühsam rekonstruiert werden. Auch mit dem Aufkommen der modernen Architektur gab es Widerstände und bekannte Architekten wie Le Corbusier oder Alvar Aalto argumentierten, dass man keine Bauwerk fortsetzen könne, dessen Schöpfer nicht mehr lebt. Außerdem sei das Bauwerk eine architektonische Fälschung! Immer wieder gab es Finanzierungsprobleme und politische Konflikte, zuletzt während der Corona-Pandemie, als die Einnahmen aus Besichtigungen und Spenden drastisch reduziert waren.

Heute gilt die Sagrada Família als großer Erfolg. Sie zieht jährlich um die fünf Millionen Besucher aus aller Welt an, die mit ihren Eintrittsgeld die Vollendung des Baus finanzieren und paradoxerweise ist sie gerade wegen der Dinge berühmt, die einst kritisiert wurden: die lange Bauzeit, der ungewöhnliche Stil, die verschiedenen architektonischen Stile und die Mischung aus Tradition und moderner Technologie. Damit ist sie eines der wenigen Bauwerke der Welt, das über mehr als anderthalb Jahrhunderte hinweg von mehreren Generationen von Architekten gemeinsam gebaut wurde – und trotzdem eine erstaunlich einheitliche Vision bewahrt.

So ist die Sagrada Família viel mehr als eine Kirche, sie ist ein Monument der Geduld und ein Bauwerk für die Welt. Als der Bau 1882 begann, konnte niemand ahnen, dass Generationen von Architekten, Handwerkern und Unterstützern über mehr als ein Jahrhundert hinweg an dieser Vision weiterarbeiten würden und dass die Initiatoren Josep Maria Bocabella und sein Architekt Antoni Gaudí eine Idee hatten, die größer war als ihre eigene Lebenszeit. Auch wenn der Weg dorthin steinig war und immer wieder das Geld fehlte und immer wieder das Projekt für zum Scheitern verurteilt wurde – es wurde weitergebaut. Stein für Stein, Jahr für Jahr, Generation für Generation. Heute ragt der zentrale Turm mit seinem Kreuz über die Dächer Barcelonas und macht sichtbar, was langfristige Visionen bewirken können.

Gaudí soll einmal gesagt haben: „Mein Auftraggeber hat es nicht eilig.“ Und tatsächlich erinnert uns die Sagrada Família daran, dass große Ideen oft mehr Zeit brauchen als ein Menschenleben. Und dass Beharrlichkeit manchmal die wichtigste Baukunst von allen ist und dass es in Zeiten von Krisen und Unsicherheiten trotzdem lohnt, langfristige Visionen zu haben.

Letzte Woche fand mit dem ATTD die mittlerweile wichtigste internationale Konferenz für Diabetes-Technologie in Barcelona statt, mit etwa 5.000 Teilnehmern aus 80 verschiedenen Ländern und dem gewohnten Fokus auf CGM, Insulinpumpen, AID-Systeme, Datenplattformen und KI. Vertreten waren klinische Forscher, Diabetologen, Medtech-Industrie, Start-ups, Investoren und Regulierer und natürlich Ärzte und BeraterInnen.

Die wichtigsten Trends bei ATTD waren: Fully Closed Loop-Systeme (wir haben im weekly ausführlich vergangene Woche dazu berichtet), KI wird zum zentralen Bestandteil der Therapie und CGM zum Standard, auch bei Typ-2-Diabetes. Prädiktion-Modelle, also die Vorhersage des Glucoseverlaufes anstelle von reiner Messung, setzt sich zunehmend durch und es stehen neue und weniger invasive Sensoren in den Startlöchern. Ach ja, Non-invasive Glucosemessung war selbstverständlich auch vor Ort, aber ohne ein vielversprechendes Produkt für die Anwendung.

Wer mehr wissen möchte, die Firma Abbott berichtet in der Serie Congress Compact zu den Kongresshighlights des ATTD, hier der Link für die Online-Anmeldung am 23.03.2026: CONGRESS COMPACT. Weitere Seminare zum Thema Diabetes und Technologie finden Sie hier: Diabetes & Technologie

Und dann haben wir etwas zu feiern, denn dies ist bereits unserer 200ster weekly!!! Danke an Euch alle als unsere Leser, denn ohne Euch würde es auch keinen weekly geben. Danke auch für die vielen Kommentare, sie helfen uns sehr dabei, besser zu verstehen, was Euch interessiert.

Nun aber endlich zu den Themen der Woche: Wir geben mit einen etwas ausführlicheren Überblick zu den Trends, die in Barcelona gezeigt wurden, und fokussieren dabei auf die Möglichkeiten der KI. Anschließend geht es um ein Thema, das uns alle zunehmend umtreiben wird, nämlich Nachhaltigkeit und last but not least stellen wir die Frage, ob es eigentlich auch zukünftig noch genügend Insulin geben wird? Auf geht’s!

Der ATTD-Kongress in Barcelona gilt seit Jahren als einer der wichtigsten internationalen Treffpunkte für Diabetes-Technologie. Hier treffen sich Entwickler, Kliniker, Datenwissenschaftler und Industrie, um zu zeigen, wohin sich CGM-Systeme, Insulinpumpen, automatisierte Insulintherapien und digitale Plattformen entwickeln. Auch in diesem Jahr wurde deutlich: Die Geschwindigkeit der Innovation bleibt hoch. Während vor wenigen Jahren noch die kontinuierliche Glucosemessung im Mittelpunkt stand, verschiebt sich der Fokus zunehmend auf automatisierte Therapiesysteme, intelligente Datenanalyse und prädiktive Algorithmen:

ATTD 2026: Der Weg zum autonomen Diabetes-Management

Die folgenden Trends geben einen guten Eindruck davon, welche technologischen Entwicklungen die Diabetesversorgung in den kommenden Jahren prägen könnten, denn der ATTD-Kongress in Barcelona hat einmal mehr gezeigt, wie rasant sich die Diabetes-Technologie weiterentwickelt. Ein zentrales Thema war der nächste große Schritt bei automatisierten Insulinsystemen: Der Übergang vom Hybrid-Closed-Loop hin zu Systemen, die weitgehend ohne Mahlzeitenankündigung funktionieren. Mehrere Studien und Algorithmen zeigen, dass ein vollständig automatisiertes „künstliches Pankreas“ technologisch in greifbare Nähe rückt.

Nachhaltigkeit ist zu einem Modewort geworden. Alles will nachhaltig sein – oder werden: Kaffee, Mode, sogar Zahnbürsten und der Frankfurter Flughafen. Die Idee dahinter ist überzeugend, denn wer will heute schon so leben, dass unsere Kinder und Enkel die Rechnung zahlen müssen?

Doch wie so oft im Leben gilt auch hier: Je häufiger ein Begriff benutzt wird, desto unschärfer wird er. „Nachhaltig“ kann vieles bedeuten, von echter struktureller Veränderung bis hin zu einer freundlich klingenden Verpackung von beispielsweise politischen Ideen. Aber auch kleine Schritte können beitragen zu mehr Nachhaltigkeit:

„Refill“ reduziert Abfall um 50 %

Nachhaltigkeit ist ein relevantes Thema in vielen Bereichen unseres modernen Lebens – das gilt auch für die Therapie von Menschen mit Diabetes und insbesondere für die dabei eingesetzten Medizinprodukte. Im Alltag sind es häufig kleine Schritte, die dennoch einen spürbaren Einfluss haben können. Bei allen Überlegungen zur Nachhaltigkeit darf jedoch die Patientensicherheit nicht vernachlässigt werden. Medizinprodukte erfordern ein hohes Maß an Sterilität. Daher sind Verbrauchsmaterialien für Insulinpumpen – wie Reservoirs oder Infusionssets – in der Regel Einwegprodukte, was traditionell zu einem erheblichen Verpackungsaufkommen führt. Die dabei verwendeten Verbundverpackungen sind zudem häufig schwierig zu recyceln.

Insulin gehört zu den unverzichtbaren Medikamenten der modernen Medizin. Doch Berichte aus verschiedenen Regionen der Welt zeigen, dass die Versorgung mit diesem lebenswichtigen Wirkstoff keineswegs selbstverständlich ist. Eine aktuelle Analyse der Universität Genf wirft nun die Frage auf, wie stabil der globale Insulinmarkt tatsächlich ist oder ob Engpässe künftig häufiger werden könnten:

Wird es eine globale Insulin-Knappheit geben?

Die Universität Genf hat einen Bericht mit dem Titel „Documenting Global Insulin Shortages and Stockouts 2023–2025“ veröffentlicht. Darin dokumentieren Forschende des NCD Policy Lab Engpässe bei der Versorgung mit Insulin in zahlreichen Regionen der Welt. Der Bericht zeigt, dass diese Probleme weit verbreitet sind und in vielen Ländern eine chronische Herausforderung darstellen.

Das Bild der Woche

 

Wir können nicht nur Autos! Wir können auch monumentale Ingenieurskunst, das
beweist das Kreuz auf dem höchsten Turm der Sagrada Família. Es wurde in Bayern entworfen und gefertigt und besteht aus Edelstahl, Glaskeramik und Beton. Und es ist zum Niederknien – wie schade,
dass nicht viel mehr Kreuze benötigt werden. Das Video zeigt den beeindruckenden Herstellungsprozess:

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Zum Schluss noch wie immer das Letzte…

Worum geht es eigentlich – um ein Glas Wein oder um den Untergang der Zivilisation? Immer wieder verändern Themen  plötzlich ihren Ruf, Fette zum Beispiel gehören dazu, oder Gluten. Und nun ist es der Alkohol. Besonders Wein, der sei toxisch, gesundheitsschädlich, potenziell krebserregend und überhaupt gäbe es keine sichere Menge, nicht mal das eine Gläschen ab und an!

Man könnte fast meinen, die Menschheit habe soeben eine gefährliche Substanz entdeckt. Dabei begleitet Wein die Zivilisation schon sehr lange. Archäologen fanden Spuren von Weinherstellung im heutigen Georgien, die rund 9.000 Jahre alt sind. Die Griechen diskutierten beim Wein über Philosophie, die Römer verbreiteten ihn in ganz Europa, und im Mittelalter tranken Mönche ihn täglich und zwar weniger aus Dekadenz, sondern weil Wasser damals häufig die riskantere Wahl war.

Natürlich ist Alkohol kein Brokkoli und die moderne Medizin zeigt klar, dass übermäßiger Konsum gesundheitliche Risiken birgt, von Lebererkrankungen bis zu bestimmten Krebsarten. Das sollte auch niemand kleinreden. Es fällt aber auf, dass unsere Gesellschaft generell immer risikosensibler wird. Gleichzeitig sind viele Aktivitäten, die wir völlig selbstverständlich betreiben, ebenfalls nicht ungefährlich, Autofahren zum Beispiel. So sterben weltweit jedes Jahr über eine Million Menschen im Straßenverkehr. Trotzdem käme niemand auf die Idee, Autofahren grundsätzlich zu verbieten. Oder Skifahren. Eine wunderbare Freizeitbeschäftigung mit nicht trivialem Verletzungsrisiko. Dennoch gilt ein Wochenende auf der Piste weiterhin als sportlich und nicht als gesundheitspolitisches Problem. Auch regelmäßiger Zuckerkonsum, der mit Softdrinks, Snacks und stark verarbeiteten Lebensmitteln aufgenommen wird, ist perspektivisch deutlich problematischer. Trotzdem drücken wir uns seit Jahren um eine Zuckersteuer herum, wie sie die DDG fordert.

Beim Wein scheint die Diskussion derzeit etwas anders zu laufen. Das Glas Rotwein wird behandelt, als stehe man kurz vor einem toxikologischen Experiment. Vielleicht liegt der Unterschied darin, dass sich unsere Gesellschaft stark verändert hat. Gesundheit, Prävention und Langlebigkeit sind zu zentralen Werten geworden. Wir analysieren Risiken heute genauer als jede Generation vor uns und manchmal vielleicht auch etwas gründlicher, als es für ein entspanntes Abendessen nötig wäre.

Dabei war historisch betrachtet Wein nicht als Dauerrausch gedacht. In klassischen Weinregionen wie Italien, Spanien oder Frankreich gehörte er zum Essen dazu und nicht zum Exzess. Die Herausforderung liegt also vermutlich nicht im einzelnen Glas Wein, sondern beim Maß. „Binge Drinking“ und regelmäßiger hoher Alkoholkonsum sind ohne Zweifel problematisch. Das gelegentliche Glas Wein beim Essen ist hingegen eher Teil einer jahrtausendealten Kulturpraxis. Auch übersieht man schnell die andere Seite des Themas, denn das Glas (!) Wein am Abend ist für viele Menschen soziales Schmiermittel. Es hilft dabei, nach einem langen Tag ein wenig herunterzufahren, den Kopf freizubekommen oder miteinander zu reden. Nicht zufällig finden viele der besten Gespräche der Weltgeschichte, sei es über Politik, Philosophie oder schlicht das Leben, an einem Tisch statt, auf dem auch ein Glas Wein steht.

Vielleicht lohnt sich deshalb ein Blick auf eine sehr alte Tugend, die schon Aristoteles kannte: die Mitte. Oder etwas pragmatischer formuliert: Ein Glas Wein hat vermutlich noch keine Zivilisation zerstört. Und ohne Gelassenheit geht es auch nicht in diesen schwierigen Zeiten. 🍷

Das wars mal wieder für die Woche. Egal, ob Ihr immer auf Alkohol verzichtet oder die Fastenzeit zur Askese nutzt oder den Dry January begeht – diese Formel hilft vielleicht auch dabei, sich ein wenig einzugrenzen, ohne ganz zu verzichten: Ein Monat im Jahr, eine Woche im Monat und ein Tag in der Woche alkoholfrei hilft der Leber, sich ein wenig zu entspannen. Und das Gewissen zu beruhigen!

Ein schönes und entspanntes Wochenende wünschen

der wöchentliche Newsletter zu aktuellen Entwicklungen zum Thema Diabetes und Technologie.

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Dieser Artikel erscheint als Teil des wöchentlichen Letters zu hochaktuellen Entwicklungen im Bereich Diabetes Technologie. Nutzen Sie das nebenstehende Formular um sich für den diatec weekly Newsletter anzumelden!

Mit freundlichen Grüßen