Herzlich willkommen beim diatec weekly,

unser Gesundheitssystem oder besser – unser Gesundheitsverwaltungssystem – liebt das Wort Effizienz. Alles soll effizienter werden: die Prozesse verschlankt, die Abläufe beschleunigt und gleichzeitig die Qualität verbessert und die Kosten gesenkt, das fordern Gesundheitsökonomen und Krankenkassen. Kein Handgriff mehr zu viel und keine verschwendete Minute, dafür effizientes Arbeiten und die vorhandenen Ressourcen optimal nutzen. Es besteht auch dringender Handlungsbedarf: Immer mehr Patienten bei immer weniger Personal und das bei schleppender Digitalisierung und kontinuierlich steigenden Kosten, wie soll das auf Dauer gehen? Und die Babyboomer kommen gerade erst in den letzten beiden Lebensphasen an, wo sie das meiste Geld aus dem System benötigen.

Effizienz also heißt das Zauberwort der Stunde, denn das verspricht Ordnung in einem Gesundheitssystem, das gerade mächtig unter Druck steht. Angeblich gibt es viel zu viele unnötige Leistungen, die zudem noch unwirksam sind. Es gibt Unter-, Über- und Fehlversorgung und immer mehr zusätzliche Aufgaben und Leistungen, die erfüllt werden müssen. Offenbar wurde auch nicht ernsthaft hinterfragt, an welchen Stellen man das System umbauen könne, um PatientInnen so gut als möglich und dennoch wirtschaftlich zu versorgen.

Das deutsche Gesundheitswesen ist ineffizient und teuer im Vergleich mit Nachbarländern wie Frankreich, den Niederlanden oder Österreich. Deutschland gehört im weltweiten Vergleich mit 12-14% des Bruttoinlandsprodukts zu den Top-3 bei den Ausgaben für Gesundheit. Und doch sind die Gesundheitsindikatoren wie Lebenserwartung, vermeidbare Todesfälle, Prävention und Wartezeiten beim Arztbesuch oder im Krankenhaus nicht proportional besser als in günstigeren Systemen.

Wo genau ist Deutschland denn ineffizient? Hier fallen vor allem strukturelle Punkte auf: doppelte Versicherungsstrukturen (GKV/PKV), viele Kostenträger (Stand 1.26: 93 Krankenkassen), komplexe Abrechnungssysteme, föderale Zuständigkeiten und viele parallele IT-Welten. Ein Teil des Geldes versickert also im System-Betrieb. Hinzu kommt bei uns eine recht hohe Krankenhauslastigkeit, die teuerste Form von Medizin: Wir haben immer noch sehr viele Betten, viele kleine Kliniken und hohe stationäre Behandlungskosten, aber auch hier fließt viel Geld in die Strukturen. Hinzu kommen Fehlanreize im Vergütungssystem: Menge statt Ergebnis, Eingriffe statt Prävention, Sektoren-Abgrenzung statt Zusammenarbeit und schlechte Koordination bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes mellitus. Auch digital sind wir reichlich spät dran.

Das deutsche System ist also nicht primär medizinisch, sondern organisatorisch ineffizient. Außerdem adressiert Effizienz nur einen Teil des Problems, denn Effizienz sagt uns, wie wir etwas tun, und nicht, ob wir auch das Richtige tun. Das beantwortet die Frage nach Effektivität und die misst nicht Masse oder Geschwindigkeit des Handelns, sondern seine Wirkung – eine Unterscheidung, die im Gesundheitswesen entscheidend sein sollte. Medizin gehört nicht aufs Fließband und ihr Zweck ist nicht die maximale Durchlaufgeschwindigkeit, sondern die bestmögliche Versorgung von Menschen.

Beispiele gefällig? Ein Krankenhaus kann hoch-effizient organisiert sein und dennoch therapeutisch an den Bedürfnissen vorbeiarbeiten. Das gesamte DRG-System im Krankenhaus fokussiert sich auf schnelle Fallabwicklung, kurze Liegezeiten, hohe Fallzahlen und schnellen Patientendurchlauf. Betriebswirtschaftlich hoch-effizient, medizinisch jedoch oftmals nicht besonders effektiv, vor allem, wenn Patienten zu früh entlassen werden oder die Nachsorge schlecht koordiniert ist. Im ambulanten Bereich sieht es nicht viel besser aus: Bei 5-minütigen Arzt-Patienten-Kontakten ist die Effizienz sicher hoch, weil viele Patienten pro Tag durchgeschleust werden können. Zeit für ein Gespräch zur Ursachenfindung fehlt dabei ebenso wie Fragen nach psychosozialen Faktoren oder Anstöße zur Prävention. Bei allen chronischen Erkrankungen ist die Effektivität deshalb besonders fraglich.

Fast schon tragisch wird es bei der Dokumentation, denn das gesamte System wird bereits verwaltungstechnisch hocheffizient kontrolliert. Ganze Heerscharen von Arbeitsplätzen beschäftigen sich nur damit, medizinisch haben die Patienten kaum etwas davon. Was also soll das bringen – außer ineffizienter Kontrolle? Hier kommen wir auch zur zentralen Zukunftsfrage in der Medizin: Wie gestalten wir ein System, das wirtschaftlich tragfähig bleibt, ohne seine ethische Orientierung zu verlieren? Ein System, das nicht dauernd danach fragt, was ein Patient kostet, sondern was er benötigt und was es ihm bringt?

Ein wirtschaftlich tragfähiges Gesundheitssystem bleibt ethisch dann stabil, wenn Wirtschaftlichkeit Mittel bleibt und nicht Zweck wird. Geld muss dem nachweisbaren Nutzen für Patienten folgen und nicht irgendwelchen Systemlogiken, die sich längst vom Menschen entfernt haben. Dafür braucht es eine Vergütung, die Wirkung statt Menge belohnt, Prävention und Koordination stärkt und Zeit für echte Versorgung schützt. Transparente Priorisierung, weniger Strukturverschwendung und patientenzentrierte Digitalisierung müssen dafür sorgen, dass Effizienzgewinne nicht am Menschen vorbeigehen.

Die Qualität eines Systems misst sich nicht daran, was es spart, sondern daran, wie gut Menschen darin leben können. Gesundheit ist kein Produkt, sondern ein Zustand, der Zeit, Beziehung und Entscheidungsspielräume braucht. Ein perfekt organisiertes System, das den Menschen verfehlt, ist am Ende nur eines: effizient gescheitert. Die eigentliche Aufgabe ist deshalb, Effizienz und Effektivität zusammenzudenken. Ein modernes Gesundheitssystem muss das Richtige tun – und es richtig tun. Wer nur Prozesse optimiert, verliert den Menschen; wer nur Ideale verfolgt, verliert die Tragfähigkeit. Nachhaltigkeit entsteht erst dort, wo Wirtschaftlichkeit wieder dem dient, wofür das System existiert: besserem Leben.

Wir nehmen das Thema in einem unserer Beiträge in dieser Woche nochmal auf und schauen auf Kosten für GLP-1 in Deutschland und natürlich auf die Effektivität in diesem Zusammenhang. News gibt es von der DiGA-Front, denn mit glucura hat es endlich eine Diabetes-App in die Listung geschafft und last but not least haben wir ein Drama in drei Akten mit Libre als Hauptdarstellerin. Auf geht’s!

Digitale Gesundheitsanwendungen galten lange als Hoffnungsträger – viel diskutiert, aber selten nachhaltig in der Versorgung verankert. Umso bemerkenswerter ist es, wenn eine DiGA nicht nur vorübergehend zugelassen wird, sondern dauerhaft ihren Platz im Gesundheitssystem findet. Genau das ist jetzt im Bereich Typ-2-Diabetes gelungen:

glucura wird DiGA – ein wichtiger Schritt für die digitale Diabetesversorgung

Mit der dauerhaften Aufnahme von glucura in das DiGA-Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erreicht die digitale Versorgung von Menschen mit Typ-2-Diabetes einen neuen Meilenstein. glucura ist eine digitale Gesundheitsanwendung zur nicht-medikamentösen Therapie, die erstmals eine evidenzbasierte, App-gestützte Lebensstilintervention systematisch mit der Analyse kontinuierlicher Glucosedaten (CGM) verbindet. Damit wird personalisierte, datengetriebene Therapieunterstützung im Alltag möglich.

Kaum eine Wirkstoffklasse hat in den vergangenen zwei Jahren so viel Aufmerksamkeit erzeugt wie die GLP-1-Rezeptor-Agonisten. Sie stehen für medizinischen Fortschritt, neue Therapieoptionen und zugleich für eine wachsende ökonomische Herausforderung für das Gesundheitssystem. Während die öffentliche Debatte oft von Einzelfällen und Schlagzeilen geprägt ist, lohnt sich ein Blick auf die nüchternen Zahlen: Wie stark belasten diese Medikamente tatsächlich die gesetzliche Krankenversicherung, nämlich mit fast einer Milliarde Euro pro Jahr:

Was kosten GLP-1-Rezeptor-Agonisten die GKV?

Die Diskussion um GLP-1-Rezeptor-Agonisten wird meistens medizinisch geführt: Wir sprechen über Gewichtsreduktion, kardiovaskuläre Effekte und neue therapeutische Horizonte. Seltener geht es um eine nüchterne, aber ebenso relevante Frage: Was kosten diese Therapien eigentlich das Solidarsystem?

Sicherheitsmeldungen bei Medizintechnik sind selten einfache Einzeiler, denn sie entwickeln sich oft in Etappen. Genau das zeigt der aktuelle Fall rund um das FreeStyle Libre 2/3 CGM-System. Was zunächst wie ein technisches Einzelproblem erschien, hat sich zu einem sicherheitsrelevanten Vorgang mit internationaler Aufmerksamkeit entwickelt. Ein Überblick über den bisherigen Stand zu:

FreeStyle Libre 2/3 mit Anzeige von falsch-niedrigen Glucose-Werten

Wie beim klassischen griechischen Drama gibt es Geschichten, die in mehreren Akten verlaufen. Die nachfolgende Geschichte verläuft bislang in drei Akten und hoffentlich ist sie nun abgeschlossen.
Hier der erste Akt:

Anfang Dezember 2025 veröffentlichte Abbott eine dringende Sicherheitswarnung für zwei seiner CGM-Systeme: FreeStyle Libre 3 und Libre 3 Plus. Hintergrund ist ein Produktionsfehler, durch den einige Sensoren fälschlich zu niedrige Glucosewerte anzeigt haben. Solche Fehlanzeigen bergen ein erhebliches Risiko: Betroffene könnten Insulindosen auslassen oder verzögern und übermäßig Kohlenhydrate zuführen – mit potenziell gefährlichen Folgen.

Das Bild der Woche

Auch die Massai haben eine Olympiade! Einst musste jeder junge Mann mit 18 Jahren in die Wildnis gehen und einen Löwen mit einem Messer töten. Nun gibt es nicht mehr genug Löwen, vielleicht auch nicht mehr genug Massai. Heute treten sie in sechs Kategorien an: Werfen von Speeren und Langholz, Hochsprung und 200-, 800- und 5000-Meter-Lauf.

***

Zum Schluss noch wie immer das Letzte…

Ein interessanter Moment in der Technikgeschichte spielt sich gerade zwischen zwei Unternehmen ab: OpenAI und Anthropic. Beide stehen für die neue Generation großer KI-Labore, die nicht nur Produkte entwickeln, sondern auch um die Deutungshoheit über die Zukunft intelligenter Systeme ringen. Der Wettbewerb zwischen ihnen ist eine Auseinandersetzung um Philosophie, Sicherheitsverständnis und Tempo.

OpenAI entstand mit dem erklärten Ziel, künstliche allgemeine Intelligenz zum Nutzen der Menschheit zu entwickeln. Das Unternehmen setzt auf schnelle Iteration, also Wiederholung mit Verbesserung, auf breite Verfügbarkeit und eine enge Verzahnung von Forschung und Produkt. ChatGPT war sowohl ein technologischer als auch ein kultureller Durchbruch, denn KI wurde plötzlich Alltag.

Anthropic hingegen fokussiert stärker auf Sicherheitsarchitektur und Ausrichtung mit einem Ansatz, der methodischer und fast schon akademisch ist: Modelle sollen von Beginn an so trainiert werden, dass sie nachvollziehbar, steuerbar und ethisch stabil bleiben. Vereinfacht gesagt: OpenAI fragt zuerst: Was ist möglich? Anthropic fragt zuerst: Was ist verantwortbar?

Nun sind große Sprachmodelle teuer und wer das bessere Modell baut, zieht Investitionen, Partnerschaften und Daten an, ein „Return of Investment“ also. Technische Führerschaft verstärkt sich selbst und es geht um Skalierung, Effizienz und neue Fähigkeiten, die nicht nur aus Text bestehen, sondern auch multimodale Systeme, Agenten oder wissenschaftliche Anwendungen liefern. Regierungen, Unternehmen und Öffentlichkeit fragen aber: Wem kann man diese Systeme anvertrauen?

Vertrauen wird zur Währung: Anthropic positioniert sich als sicherheitsorientierte Alternative, während OpenAI versucht, Innovation und Governance gleichzeitig zu liefern. Wer das Basismodell kontrolliert, kontrolliert ein Ökosystem. Entwickler bauen auf APIs, Unternehmen integrieren Modelle in ihre Infrastruktur. Es entsteht eine neue Plattformökonomie, vergleichbar mit den frühen Tagen des Internets oder der Smartphone-Betriebssysteme.

Nun ist jeder Wettbewerb auch produktiv, denn Fortschritt entsteht selten aus Einigkeit, sondern meistens aus Reibung. Ohne Konkurrenz gäbe es entweder ungebremstes Tempo oder keinen Fortschritt. Wettbewerb zwingt beide Seiten dazu, sich zu balancieren: OpenAI muss Sicherheit ernster nehmen und Anthropic muss zeigen, dass Sicherheit nicht Innovation lähmt. So entsteht ein Spannungsraum, in dem sich die moderne KI-Ethik praktisch formt, nicht als Theorie, sondern als Marktentscheidung. Eine Technologie, die mächtig genug ist, um Rivalität über ihre Richtung auszulösen, hat die Schwelle zur gesellschaftlichen Relevanz überschritten und genau dort stehen wir gerade.

Wir stehen auch schon wieder am Ende der Woche und freuen uns auf das Wochenende. Und weil wir nun auch mal ein wenig Ferien machen, gibt es in den kommenden beiden Wochen keinen weekly. Wir melden uns Anfang März zurück und wünschen ein schönes Wochenende. Bleiben Sie zuversichtlich,

der wöchentliche Newsletter zu aktuellen Entwicklungen zum Thema Diabetes und Technologie.

Für den Versand unserer Newsletter nutzen wir rapidmail. Mit Ihrer Anmeldung stimmen Sie zu, dass die eingegebenen Daten an rapidmail übermittelt werden. Beachten Sie bitte deren AGB und Datenschutzbestimmungen .

Dieser Artikel erscheint als Teil des wöchentlichen Letters zu hochaktuellen Entwicklungen im Bereich Diabetes Technologie. Nutzen Sie das nebenstehende Formular um sich für den diatec weekly Newsletter anzumelden!

Mit freundlichen Grüßen