Herzliche Willkommen zum diatec weekly,
Unsere Welt ist – sagen wir mal – unruhig geworden! Krisenherde, wo man hinblickt, im Wochentakt kommen neue hinzu und Macht zeigt sich wieder offen in Worten, Entscheidungen und Taten. Wer laut spricht, wird gehört, wer über Ressourcen verfügt, setzt sie ein und wer schnell ist, gibt den Takt vor. Regeln, die wir uns gegeben haben und die lange Gültigkeit hatten, werden bis zum Zerreißen gedehnt und Graubereiche genutzt, wenn sie Spielräume für die Mächtigen eröffnen. Inzwischen zeigt sich Stärke nicht mehr nur darin, etwas zu dürfen, sondern darin, es einfach zu tun. Flying the Zone – flute den Raum – heißt es und gemeint ist: Kipp einfach kübelweise alles über das Volk aus, dann wird es schon müde werden vor lauter Empörung!
Lange Zeit haben wir geglaubt, die Macht des Stärkeren gezähmt zu haben. Wir glaubten, dass Recht etwas sei, dem sich auch die Mächtigen beugen, und zwar nicht aus Schwäche, sondern aus Einsicht. Weil Recht aber kein Naturgesetz ist, sondern eine fragile Vereinbarung, hatten wir die Übereinkunft, dass Macht nicht alles darf, nur weil sie es kann. Insbesondere, damit der Schwächere nicht rechtlos ist.
Recht erfordert Regeln, und die geben wir uns als Grundlage für ein möglichst reibungsloses Zusammenleben. Regeln sind die Grundlage für Gerechtigkeit und überall dort zu Hause, wo Menschen nicht immer gleich handeln, sondern erstmal abwägen. Nun aber werden sicher geglaubte Vereinbarungen und Verträge einfach vom Tisch gewischt und die Mächtigen dieses Planeten bedienen sich wie in einem Supermarkt am Angebot: Ukraine? Ist doch eigentlich unser Vorgarten. Grönland? Gehört aus geostrategischen Gründen sowieso zu uns. Und das kleine Inselchen da vor unserer Ostküste? Brauchen wir unbedingt!
Die Logik dahinter ist immer dieselbe: DU hast keine guten Karten! DU bist zu schwach! Garantien und Verträge, die mit Vorgängern ausgehandelt und vereinbart wurden, spielen keine Rolle mehr. Als Rest der Welt werden wir in die Rolle des empörten Zuschauers gedrängt und außer moralischer Entrüstung bleiben uns so gut wie keine Möglichkeiten, etwas dagegen zu tun. Weil wir nicht stark genug sind und weil Stärke eben ein Grundprinzip des Lebens ist.
Ist das so? Lässt sich das Recht des Stärkeren als etwas betrachten, das tiefer liegt als jede menschliche Ordnung? Als Prinzip des Lebens selbst? Alles Lebendige steht in Konkurrenz und kämpft um Raum, um Nahrung, um Licht, um Aufmerksamkeit. Pflanzen wachsen dem Licht entgegen, um sich Platz zu schaffen. Platz, den die Nachbarpflanze dann nicht mehr hat. Tiere verteidigen ihre Reviere und kämpfen um Paarung und Nachwuchssicherung. Auch wir in unserer Menschwerdung haben um alles Mögliche gekämpft, um Land, Boden, Ressourcen, und sind dabei gegen unsere Nachbarn zu Felde gezogen. James Bond kämpft noch heute gegen die Bösen der Welt und meistens gewinnt er auch. Nun ist er tot, aber sein Hobby ist ja Auferstehen. Auch wenn die blutigen Kriege des letzten Jahrhunderts langsam im Nebel der Zeit entschwinden, erinnert Hollywood uns gerne immer wieder an die Überlegenheit von Kraft und Stärke.
Stärke liegt aber nicht nur in Kraft, sondern auch in Anpassung, Schnelligkeit, List oder Kooperation. In diesem Sinne ist Stärke nicht moralisch, sondern eher funktional – entweder ich setze mich durch oder ich weiche aus. Das Leben unterscheidet auch nicht zwischen „gerecht“ und „ungerecht“, sondern zwischen dem, was überlebt, und dem, was verschwindet. Das ist ein biologisches Prinzip, auch natürliche Selektion genannt. In diesem Sinne wäre das Recht der Stärke kein Fehltritt der Zivilisation, sondern der biologische Untergrund. Nur der Mensch kennt das schlechte Gewissen darüber, die Katze macht sich keinen Kopf darüber, dass sie die Maus gefressen hat.
Der Mensch ist aber kein Tier unter Tieren geblieben. Mit seiner Fähigkeit zur Sprache und seinem Bedürfnis nach Moral hat er im Laufe der Jahrhunderte etwas sensationell Neues geschaffen: den Versuch, Stärke zu zähmen. Nur Menschen können Regeln erfinden, die den Schwächeren schützen, ein Tier kann das nicht. Menschen können Macht begrenzen oder Verantwortung einfordern oder Handeln über Instinkt stellen. Das ist eine kulturelle Entscheidung und genau hierin findet sich der Unterschied: Während in der Natur das Recht auf Stärke das Überleben sichert, soll und muss sie in menschlichen Gesellschaften begrenzt und kontrolliert werden.
Und plötzlich finden wir uns wieder in der Illusion der Überwindung, sogar dort, wo wir uns besonders auf Ordnung verlassen: in der Medizin, in der Wissenschaft, in der Technologie. Leitlinien, Evidenz, Regulierung sind Ausdruck eines Versprechens. Als moderne Gesellschaften haben wir lange geglaubt, das Recht der Stärke hinter uns gelassen zu haben und es durch Institutionen ersetzt: Internationale Abkommen, Märkte mit Regeln und wissenschaftliche Rationalität. Dabei war Stärke nie weg, nur gut eingebettet in Verfahren und Bürokratien. Nun, da diese Systeme unter Druck geraten, tritt es wieder hervor und zeigt, dass es nie ganz verschwunden war. Es tritt nur inzwischen anders auf, nicht immer mit erhobener Faust, sondern elegant, technisch und gut begründet. Es kommt in Zahlen daher, in Algorithmen und in Abkürzungen. Insofern wird das Recht des Stärkeren erst dann zum Problem, weil wir wissen, dass es auch anders gehen könnte und weil wir Alternativen geschaffen haben, neben Recht auch Ethik und Solidarität.
Ein offener Gedanke für den Schluss: Vielleicht ist das Recht der Stärke kein Gegenentwurf zur Stärke des Rechts, sondern dessen ständiger Prüfstein. Vielleicht zeigen sich reife Gesellschaften nicht daran, dass Stärke verschwindet, sondern daran, wie sie mit ihr umgehen, ob und wie wir sie kontrollieren und ob sie bereit sind, sich selbst zu begrenzen, wenn sie könnten. Vielleicht sind wir auch am ehrlichsten in Krisen, denn dann zeigt sich, was trägt und standhält gegen die Angst. Das Recht der Stärke wird vielleicht niemals enden, aber unsere Verantwortung im Umgang damit wird zeigen, wo wir stehen.
Eine wunderschöne, erfolgreiche und hoch-emotionale diatec liegt hinter uns und wir möchten an dieser Stelle herzlich Danke sagen. Danke allen, die vor Ort oder vor den Bildschirmen waren und so viel positive Stimmung verteilt haben, dass wir am Ende vollkommen gerührt nach Hause gefahren sind. diatec 2026 hat ein weiteres Mal die Bedeutung von Technologie für die Diabetestherapie gezeigt – und die Entwicklung ist noch lange nicht zu Ende.
Wir machen also weiter und haben wieder drei spannende Beiträge für Sie: Die EU überdenkt nochmal ihre Verordnung zu Medizinprodukten, die offenbar zu überreguliert daherkam, Minimed bringt eine neue App für die Smart-Pen-Therapie und die duale Messung von Glucose UND Ketonkörpern könnte ebenfalls ein Game-Changer werden. Auf geht’s!
Europa reguliert – und zwar gründlich! Manchmal zu gründlich, doch nach Jahren wachsender Hürden für klinische Studien und Produktzulassungen deutet sich nun ein (vorsichtiger) Kurswechsel an. Die Frage ist nicht, ob Sicherheit wichtig ist, sondern ob Regulierung wieder handhabbar wird. Ein Beitrag zur gezielten Revision von MDR und IVDR:
Wird Europa wieder Klinik-fähig?
Ein zentrales Ziel der von der Europäischen Kommission im Dezember vergangenen Jahres vorgelegten Überarbeitungen der Verordnung über Medizinprodukte (MDR) und der Verordnung über In-vitro-Diagnostika (IVDR) ist es, die Zertifizierungsverfahren durch ‚Benannte Stellen‘ (Notified Bodies, NB) vorhersehbarer, verhältnismäßiger und wirtschaftlich tragfähiger zu gestalten, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen.
Automatisierte Insulinzufuhr war bislang vor allem eine Domäne der Pumpentherapie. Mit der neuen App-Zulassung von MiniMed rückt nun auch die intensivierte Insulintherapie mit Pens näher an automatisierte, datengetriebene Versorgungskonzepte heran. MiniMed hat jüngst die FDA-Zulassung für eine Insulinpen-App erhalten:
Smart Pens werden smart vernetzt
MiniMed – bislang unter dem Namen Medtronic bekannt – hat von der Food and Drug Administration die 510(k)-Zulassung für eine neue App erhalten, die einen wiederverwendbaren intelligenten Insulinpen (InPen) mit einem kontinuierlichen Glucosesensor von Abbott verbindet. Zum Einsatz kommt der CGM-Sensor „Instinct“, der mit einer Tragedauer von 15 Tagen länger genutzt werden kann als andere derzeit auf dem US-Markt verfügbare Sensoren aus dem Medtronic-Portfolio.
Kontinuierliches Glucosemonitoring hat die Diabetestherapie revolutioniert – doch Glucose allein erzählt nicht die ganze Geschichte. Mit dem gleichzeitigen Monitoring von Ketonkörpern rückt nun ein bislang blinder Fleck der Versorgung in den Fokus: die frühzeitige Erkennung metabolischer Entgleisungen jenseits der Hyperglykämie:
Mehr als nur Glucose – Warum das duale Monitoring von Glucose und Ketonen die Diabetesversorgung verändern könnte
Ende 2025 veröffentlichte die US-Fachzeitschrift Diabetes Technology & Therapeutics ein Sonderheft mit neun Beiträgen zum kontinuierlichen Monitoring von Glucose und Ketonkörpern. Im Mittelpunkt steht ein von Abbott entwickeltes Sensorsystem, das unter der Abkürzung DGK (Dual Glucose–Ketone Monitoring) firmiert und auf derselben Plattform basiert wie das reine CGM-System FreeStyle Libre 3+. Der DGK-Sensor ist derzeit weder in den USA noch in Europa zugelassen. Eine Marktzulassung wird jedoch für 2026 erwartet, ein internationaler Roll-out ist geplant, auch für Deutschland.
Das Bild der Woche

Lange war es still um sie, nun kommt wieder Bewegung in die Offshore-Windkraft!
Einst als „Windräder der Schande“ verschmäht kehren sie nun zurück als notwendige Antwort
auf unseren Energiehunger und für die Erreichung der Klimaziele und als geopolitische Realität.
***
Zum Schluss noch wie immer das Letzte
Wer bin ich? Und wenn ja, welcher Typ? Eine gute Frage, fanden wir und machten sie zum Titel des diesjährigen Besonderen Vortrags bei der diatec. Gehalten wurde er von der Diplom-Psychologin, Autorin und Kommunikationstrainerin Kathrin Zach. Es ging um Menschenkenntnis, um den eigenen Blick auf die Welt und um die Dimensionen der Persönlichkeit. Und um die Einsicht, dass jede Beschäftigung mit anderen bei uns selbst beginnen muss: Nur wer weiß, wer er ist, kann andere verstehen oder zumindest fair beurteilen.
Auf ebenso unterhaltsame wie kluge Weise hielt Kathrin Zach uns Zuhörerinnen und Zuhörern dabei einen Spiegel vor. Als Denkrahmen diente das Riemann-Thomas-Modell mit seinen beiden Spannungsfeldern Nähe und Distanz sowie Dauer und Wechsel. Dahinter stehen einfache, aber grundlegende Fragen: Suche ich Nähe oder halte ich lieber Abstand? Fühle ich mich in Beständigkeit sicher – oder brauche ich Veränderung, um lebendig zu bleiben?
Das Modell bietet ein überraschend klares Bild. Spontan würden sich viele wohl „irgendwo in der Mitte“ verorten – ein bisschen von allem. Doch in der Realität zeigen Menschen meist Tendenzen. Wir neigen stärker zur Nähe oder zur Distanz, zur Stabilität oder zum Wechsel. Diese Einordnungen sind nicht wertend, sondern beschreibend – und vor allem sind sie nicht endgültig.
Denn Persönlichkeiten sind nicht festgeschrieben. Sie sind in Bewegung. Auch die Gesellschaft um uns herum ist kein neutraler Hintergrund, sondern formt den Raum, in dem wir handeln. Nähe entsteht nicht allein durch physische Anwesenheit, sondern durch Aufmerksamkeit. Distanz nicht nur durch Entfernung, sondern auch durch Ausschluss oder Überforderung. Beständigkeit gibt Halt, kann aber einengen. Veränderung verspricht Freiheit, kann jedoch verunsichern.
Jede Persönlichkeit entsteht in diesem Spannungsfeld und verändert sich mit ihrem Kontext. In Arbeitswelten, im privaten Umfeld, in digitalen Räumen, die Sichtbarkeit versprechen und zugleich verletzlich machen. Stabil ist dabei nicht, wer unverändert bleibt, sondern wer Orientierung behält, auch wenn sich die Koordinaten verschieben.
Was nehmen wir also mit aus diesem besonderen Vortrag? Vielleicht sollten wir seltener fragen, wie jemand ist, sondern öfter, unter welchen Bedingungen jemand handelt. Und uns bewusst machen, dass auch wir nicht auf einen Persönlichkeitstyp festgelegt sind. Wir sind unterwegs – und das nennt sich Leben.
Am Ende bleiben wir mit der Frage zurück, wo wir selbst im Riemann-Thomas-Modell zu finden sind. Vielleicht ist das gar nicht entscheidend. Denn letztlich ist es oft die Fähigkeit zur Bewegung, zur Anpassung und zur inneren Flexibilität, die zu Gelassenheit führt.
In diesem Sinne: Genießen Sie Ihr Wochenende – und bleiben Sie flexibel.
Dieser Artikel erscheint als Teil des wöchentlichen Letters zu hochaktuellen Entwicklungen im Bereich Diabetes Technologie. Nutzen Sie das nebenstehende Formular um sich für den diatec weekly Newsletter anzumelden!
Mit freundlichen Grüßen
![]()