Herzlich willkommen beim diatec weekly,
Sind sie das? Das alte deutsche Volkslied, fast schon ein geflügeltes Wort, steht für die Unverfügbarkeit des Innersten und als Freiheitsbekenntnis gegen Überwachung, Zensur und Zwang. Entstanden ist es in einer Zeit, in der politische Meinungen gefährlich sein konnten. Heute gilt das nicht mehr, jeder – zumindest in unserer freien westlichen Welt – kann seine Meinung frei und offen äußern. Glauben wir zumindest!
Mehr als die Hälfte aller Bundesbürger glaubt das aber inzwischen nicht mehr. Eine aktuelle Allensbach-Umfrage hat ergeben, dass sich die meisten Menschen nicht mehr trauen, ihre politische Meinung frei zu äußern. Und das, obwohl weit und breit keine Gedankenpolizei zu sehen ist und unseres Wissens nach bei uns bislang auch niemand wegen seiner Meinung verhaftet oder offenen Repressalien ausgesetzt wurde.
Trotzdem scheinen sich immer mehr Menschen mit ihrer Meinung hinter dem Berg halten zu wollen und behalten das, was sie denken oder wählen, lieber für sich. Meine Gedanken sind ja frei, sagen sie sich, weil nichts und niemand in meinen Kopf hineinsehen kann. Bislang konnte man sich auch sicher sein: Was im Kopf entsteht, bleibt verborgen, unterliegt keiner Zensur und keinem Zugriff. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen… heißt es weiter im Songtext.
Doch langsam entwickelt sich eine Ahnung, dass dies so nicht mehr stimmt. Mit dem Aufstieg der Künstlichen Intelligenz (KI) beginnt sich dieser Schutzraum zu verschieben, denn KI lernt uns zu lesen, und zwar immer besser. Unsere Gedanken UND unsere Gefühle. Algorithmen entschlüsseln unsere Sprachmuster, analysieren unsere Mimik und erkennen unsere Stimmungen. Wenn also bisher galt: „Was ich denke, weiß nur ich und meine Sprache, meine Schrift, und meine Gestik sind Filter, die ich kontrolliere“, verschwimmt nun immer mehr. KI-gestützte Systemen zur Emotionserkennung, „Brain-Computer-Interfaces“ oder Datenprofilen aus digitalen Spuren machen es zunehmend möglich, unsere Gedanken zu antizipieren, bevor wir sie aussprechen. Vielleicht sogar, bevor wir sie überhaupt denken.
Das hat durchaus auch Positives: KI kann dabei helfen, Barrieren abzubauen, für Menschen mit Behinderungen etwa. Sie könnten über neuronale Schnittstellen kommunizieren, Ideen können schneller visualisiert und umgesetzt werden. Forscher der Stanford University in Kalifornien haben jüngst eine bahnbrechende Gehirn‑Computer‑Schnittstelle (Brain‑Computer Interface, BCI) entwickelt, die gedachte Sprache, also „inner speech“, in gesprochene Worte umwandeln kann. Damit ist es gelungen, Gedanken direkt in Sprache umzusetzen – allein durch das bloße Denken von Sprache.
Der Beweis ist also erbracht: künstliche Intelligenz kann unsere Gedanken lesen und sie in Worte fassen. Das hört sich großartig an, gleichzeitig jedoch wächst die Gefahr einer subtilen Steuerung, die es jetzt schon gibt. Algorithmen, die voraussagen, was wir vermutlich kaufen oder wählen werden, beeinflussen unser Denken, bevor es uns selbst bewusst ist. Mit anderen Worten: Künstliche Intelligenz manipuliert uns, und zwar so, dass wir es nicht mal merken.
Interessanterweise hat sich das kein Sam Altmann, kein Mark Zuckerberg und nicht mal Elon Musk ausgedacht oder entwickelt – die KI macht das einfach. Weil sie es kann. Weil sie auf eine große Zahl an Daten zugreifen und diese in Lichtgeschwindigkeit analysiert. Weil sie Muster und Strukturen erkennt und darüber lernt. Und weil aus den digitalen Spuren unseres Alltags mit jedem Klick, jeder Bewegungen und jedem Konsum, Profile entstehen, die unsere Gedanken oft treffender vorhersagen, als uns lieb sein kann. Was das für den Alltag in der Zukunft bedeutet, das müssen wir uns selbst ausmalen.
Vielleicht war der Satz „Die Gedanken sind frei“ nie eine Selbstverständlichkeit, sondern eher eine Hoffnung. Nun, in der KI-Ära, müssen wir neu definieren, was „gedankliche Freiheit“ bedeutet. Vielleicht wird die eigentliche Freiheit der Gedanken darin bestehen, dass kein Algorithmus je das Unberechenbare, das Chaotische und das Poetische im menschlichen Bewusstsein vollständig erfassen kann. Vielleicht wird es weniger um die völlige Undurchdringlichkeit des Inneren gehen, sondern um das Recht, zu entscheiden, was sichtbar wird und was nicht. Der letzte Rest Freiheit liegt darin, dass wir selbst entscheiden, welche Gedanken wir teilen wollen – und welche im Verborgenen bleiben.
Mit den Themen der Woche berichten wir über die Jahrestagung der AGDT (Arbeitsgemeinschaft Diabetes & Technologie), stellen dann die Entwicklung von Abbotts neuartigem dualen Sensorsystem für die kontinuierliche Glukose- und Keton-Messung vor und haben ganz aktuelle News von Biolinq, die gerade die FDA-Zulassung für ihren neuartigen Glucose-Sensor erhalten haben. Zum Schluss gehen wir ein weiteres Mal zurück zum EASD und berichten zu AID und Hypos.
Vorher aber hier ein weiteres Mal die Ankündigung zu Diabetes & Technologie Congress Compact – EASD 2025 am 06. Oktober 2025. In dieser Online-Veranstaltung erhalten Sie einen Überblick über die neuesten Entwicklungen und klinischen Daten des EASD 2025 im Bereich der Medizintechnik in der Diabetestherapie. Diskutieren Sie mit Expert:innen, welche Highlights für Ihre Praxis und die Behandlung von Menschen mit Diabetes relevant sind. Weitere Informationen, die Online-Agenda und das Anmeldeformular finden Sie hier.
Auf geht’s!
Vor zwanzig Jahren wurde sie gegründet – die AG Diabetes & Technologie als eine der Arbeitsgemeinschaften der DDG. In Kurzform AGDT genannt ist sie ein gemeinnütziger Verein und kümmert sich herstellerunabhängig um wissenschaftliche Bewertungen sowie Fort- und Weiterbildung von Diabetestechnologien. Auch Stellungnahmen zu neuen Technologien und in manchen Fällen Unterstützung von Forschungsprojekten gehört zu den Aufgaben der AGDT. Nun hat sie ihren zwanzigsten Jahrestag, die
Arbeitsgemeinschaft Diabetes & Technologie hat Geburtstag!
Insgesamt 190 Teilnehmer waren nach Fulda in die dortige Hochschule für Applied Science gekommen, um den 20. Geburtstag zu feiern. In diesen beiden Jahrzehnten hat sich beachtlich viel getan im Bereich Diabetes-Technologie. Waren es vor zwanzig Jahren noch im Wesentlichen die Blutzuckermesssysteme und Insulinpumpen, so hat sich mittlerweile die Technologie enorm weiterentwickelt und ist heute eine zentrale Säule in der Diabetes-Therapie. Systeme für die automatisierte Insulin-Therapie (AID) waren damals noch Wunschtraum, heute sind sie auf dem Weg, Standard bei Menschen mit einem Typ-1-Diabetes zu werden.
Abbott arbeitet derzeit an einem neuartigen dual-Sensor, der kontinuierlich Glucose und Ketonwerte in einem einzigen Biowearable Messsystem erfassen soll — mit dem Ziel, frühzeitig Hinweise auf eine drohende diabetische Ketoazidose zu liefern. Dabei ist das Thema nicht neu, schon der Vorgänger MediSense hatte in den frühen 90er Jahren ein Produkt namens Optium Xceed (MediSense/Abbott), ein kapillar-messendes Blutketontestsystem (β-Hydroxybutyrat, β-OHB) zur Diagnose und Überwachung von Ketosen bzw. diabetischer Ketoazidose entwickelt. Nun gibt es eine aktuelle Ankündigung:
Wann kommt denn nun das duale Glucose-Keton-Monitor?
Abbott hat bei der Präsentation seiner Geschäftszahlen für das zweite Quartal 2025 auch aktuelle Informationen zum dualen Glucose-Keton-Monitor (DGK) präsentiert, wobei es das Management ablehnte, sich zu Details zur Entwicklung und zum Zeitplan für die Zulassung zu äußern. Dabei sind fünf erforderliche Studien wohl abgeschlossen und die Markteinführung soll in „begrenztem Umfang” erfolgen. Auf die Frage eines Analysten nach dem Potenzial des Dual-Messgeräts für Marktanteilsgewinne bei Patienten mit Typ-1-Diabetes (T1D) mit einer intensiven Insulintherapie antwortete das Management mit „100 % ja”. Abbott erwartet anscheinend, dass dieses Dual-Messgerät eine bedeutende Veränderung auf dem CGM-Markt, insbesondere für intensive [Insulin]-Anwender darstellen wird.
Biolinq ist ein Biotech-Unternehmen und ein Health-Tech-Startup mit Sitz in San Diego, das an einem neuartigen Biowearable arbeitet. Dabei handelt es sich um ein ultradünnes Mikronadel-Patch, das kontinuierlich Stoffwechselparameter (z. B. Glucose) direkt unter der Haut misst. Nun hat Biolinq von der FDA eine Zulassung erhalten:
Biolinq erhält De-Novo-Klassifizierung
Das Start-up-Unternehmen Biolinq aus San Diego hat von der US-Zulassungsbehörde FDA eine De Novo-Klassifizierung für „Biolinq Shine“ erhalten. Zugelassen ist das System, um die „Stoffwechselgesundheit“ von Menschen mit einem Typ-2-Diabetes (T2D) zu unterstützen, die kein Insulin verwenden. Wir haben an dieser Stelle schon 2021, 2022 und 2024 über dieses innovative CGM-System berichtet, insbesondere auch über die beachtlichen Investitionen, die in diese Entwicklung geflossen sind.
Last but not least ist ein weiterer Bericht vom diesjährigen EASD 2025, diesmal zu:
AID-Systeme und Hypoglykämien
Eine aktuelle Studie untersuchte, wie sich automatisierte Insulindosierungssysteme (AID, hier das Omnipod-5-System) bei Menschen mit T1D auswirken, die ihre Unterzuckerungen kaum spüren können (IAH = eingeschränkte Hypoglykämie-Wahrnehmung). I. Goodman (Abstract SO081-888) stellte die Ergebnisse einer retrospektiven Studie an einem einzigen Zentrum mit Menschen mit T1D mit beeinträchtigter Hypoglykämie-Wahrnehmung (IAH) vor, die ein AID-System mit einer Patch-Pumpe verwendeten (Omnipod-5). Menschen mit IAH (Gold-Score ≥4) wurden mit alters- und geschlechtsgleichen Kontrollpersonen (Gold-Score ≤2) verglichen. Die demografischen Basisdaten wurden aus elektronischen Aufzeichnungen extrahiert.
Das Bild der Woche

Künstliche Intelligenz ist der Spiegel unserer Zukunft!
Sie kann die Zivilisation erblühen lassen wie nie zuvor, oder sie ins Chaos stürzen.
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Zum Schluss noch wie immer das Letzte
Ersatzteile aus dem 3D-Drucker sind längst keine Zukunftsmusik mehr. In großen Häfen wie Rotterdam werden heute bereits Spezialschrauben, Propeller oder Dichtungselemente direkt vor Ort produziert, um Schiffe schnell wieder flottzumachen. Doch die eigentliche Revolution spielt sich nicht in der Werft, sondern im Labor ab: Können wir eines Tages auch Körperteile „auf Knopfdruck“ herstellen?
Was zunächst klingt wie ein Kapitel aus Mary Shelleys berühmten Roman „Frankenstein“, ist längst ernsthafte Forschung. Unter dem Begriff 3D-Bioprinting arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler daran, lebende Zellen, Biomaterialien und Wachstumsfaktoren so präzise zu kombinieren, dass daraus funktionsfähiges Gewebe entsteht. Verschiedene Druckverfahren – vom Tintenstrahl- über Extrusions- bis hin zum Laser-Druck – ermöglichen es, Zellen millimetergenau zu platzieren.
Die Herausforderungen sind allerdings enorm. Ein Herzklappenersatz muss sich Millionen Male öffnen und schließen, ohne Schaden zu nehmen. Blutgefäße müssen nicht nur den Blutdruck aushalten, sondern sich auch perfekt in das körpereigene Gefäßsystem einfügen. Und Haut, so „einfach“ sie im Vergleich wirkt, soll nicht nur Wunden verschließen, sondern auch dauerhaft stabil bleiben, elastisch sein und Abstoßungsreaktionen vermeiden.
Fortschritte gibt es trotzdem schon heute:
- Haut: Gedruckte Haut gilt als besonders weit entwickelt. Erste klinische Studien laufen, zum Beispiel bei Brandverletzten. In Zukunft könnten personalisierte Hauttransplantate entstehen, die direkt auf die Zellen des Patienten zurückgehen – passgenau für Gesicht oder Hände.
- Gefäße: Bei Blutgefäßen wurden im Tierexperiment bereits funktionsfähige Gefäßsegmente implantiert, die sich gut integrierten. Für feinere Kapillarnetze nutzen Forschende spezielle „Opfermaterialien“, die später ausgespült werden, sodass winzige Kanäle entstehen.
- Herzklappen: Besonders ehrgeizig ist der Versuch, Herzklappen zu drucken. Neben patientenspezifischen Modellen zur Operationsplanung gibt es erste bioresorbierbare Implantate, die sich nach und nach in körpereigenes Gewebe umwandeln sollen. Noch fehlen Langzeitstudien, aber die Richtung ist klar.
Parallel dazu gibt es praktische Anwendungen, die schon heute Realität sind:
3D-gedruckte Modelle von Herz, Gefäßen oder Tumoren helfen Chirurgen bei der OP-Planung. Realistische Trainingsmodelle erlauben es, schwierige Eingriffe zu üben. Maßgeschneiderte Schablonen und Katheterführungen kommen bereits im klinischen Alltag zum Einsatz. Auch Gewebepflaster oder Wundabdeckungen werden getestet – ein Zwischenschritt auf dem Weg zum großen Ziel.
Der Weg zum voll funktionsfähigen, transplantierbaren Organ ist noch lang. Damit Organe dauerhaft funktionieren, braucht es nicht nur Muskel- oder Bindegewebe, sondern auch Blut- und Nervenversorgung. Hier kommen neue Technologien ins Spiel: Stammzellen, sogenannte Organ-on-Chip-Systeme oder KI-gestützte Simulationen, die Gefäßbäume oder Klappendesigns automatisch optimieren. Gleichzeitig stellen sich regulatorische, ethische und sicherheitstechnische Fragen: Wie lange halten die gedruckten Teile im Körper? Sind sie auch wirklich sicher?
Trotz aller offenen Fragen ist der Fortschritt rasant. Wahrscheinlich werden wir schon in den nächsten Jahren erste klinische Anwendungen sehen – nicht als komplettes Herz, aber als „Bausteine“: Hauttransplantate, Gefäßersatz oder Teilstrukturen, die schrittweise komplexer werden. Die Personalisierung spielt dabei eine Schlüsselrolle: Je mehr die Zellen aus dem Patienten selbst stammen, desto geringer ist das Risiko einer Abstoßung.
So wie der 3D-Druck im Hafen von Rotterdam längst selbstverständlich geworden ist, könnte er auch in der Medizin vom Pilotprojekt zum Standardwerkzeug reifen, mit dem Unterschied, dass es hier nicht um Schrauben geht, sondern um die vielleicht wertvollsten Ersatzteile überhaupt: die Bausteine unseres Lebens.
Das wars für die Woche. Es ist bereits Anfang Oktober und der Sommer scheint sich langsam endgültig zu verabschieden. Aber der Herbst lädt uns doch geradezu ein zu langen Spaziergängen mit anschließender gemütlicher Kaffeetafel.
Zuallerletzt möchten wir noch auf eine Veranstaltung von diabetesDE aufmerksam machen: „Meilensteine Diabetologie“ am 16. November im Herzen von Berlin. Der Eintritt ist frei.
Schließen wollen wir mit einem Zitat aus bereits erwähnten Frankenstein: “Nach Jahren der Mühe gelang es mir, lebloser Materie Leben einzuhauchen.“ Nun denn!
Hoffen wir das Beste und grüßen herzlich,
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Dieser Artikel erscheint als Teil des wöchentlichen Letters zu hochaktuellen Entwicklungen im Bereich Diabetes Technologie. Nutzen Sie das nebenstehende Formular um sich für den diatec weekly Newsletter anzumelden!
Mit freundlichen Grüßen
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