Herzlich willkommen beim diatec weekly,

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Diese berühmt gewordene Frage aller Fragen beschäftigt seit Beginn der Menschwerdung zunächst die Religionen, dann die Philosophie und schließlich die Neurowissenschaft. Nun stehen wir mit der Entwicklung der künstlichen Intelligenz am Beginn einer neuen Ära und die Frage, wer wir eigentlich sind, erfordert neue Antworten. Was bedeutet es, ein Individuum in dieser Welt zu sein, und hat KI das Potenzial, eines nicht allzu fernen Tages der bessere Mensch zu sein? Wird sie uns womöglich dann abschaffen?

Was heißt es, ich selbst zu sein? Interessanterweise ist die Frage nach wie von nicht einfach zu beantworten. Zunächst mal bestehen auch wir aus Materie, darin unterscheiden wir uns nicht von jedweder Maschine. Eine Maschine aus Atomen und Zellen, die sich selbst organisiert, das sind wir. Aber anders als eine Maschine oder ein Computer haben wir ein Selbst-Bewusstsein. Wir wissen, dass wir sind, die Maschine weiß das nicht. Wir geben uns einen Namen, wir können über uns selbst sprechen, wir empfinden uns als Individuum. Wir nennen es Leben, auch wenn die wissenschaftlichen Erklärungen dazu ernüchternd sind: Du bist nur eine Suppe aus Chemikalien! Nur die Summe Deiner Darmbakterien. Oder: Deine Gedanken sind nur das Feuern von Milliarden von Neuronen. Immer verbunden mit diesem abwertenden Wörtchen „nur“!

Wo also sind wir mehr als das? Warum glauben wir, klüger, wunderbarer und geheimnisvoller zu sein als ein Hochleistungscomputer, der inzwischen hunderttausendmal schneller rechnen kann als wir mit unseren lahmen Gehirnen? Vielleicht – weil wir uns reproduzieren können? Als lebendes System sind wir in der Lage, unsere materielle Basis zu regenerieren. Unsere Zellen erneuern sich ständig und reproduzieren ihre eigene Struktur. Ein Computer kann vieles, aber er reproduziert nicht seine eigene Siliziumbasis.

Aber schafft allein die Fähigkeit zur Reproduktion das Bewusstsein? Und was soll das sein, dieses Bewusstsein? Zunächst wirkt es wie eine gute Ingenieursidee der Evolution: Es bündelt ungeheure Informationsvielfalt über Sinne, Körper und Zeit in ein einheitliches Format und ermöglicht uns das Handeln. Wer handelt, der überlebt, wer überlebt, der reguliert und wer gut reguliert, der prognostiziert. Unsere Gehirne sind also im Prinzip eine Art Vorhersagemaschinen. Sie konstruieren Bedeutung, indem sie Hypothesen über unsere Umwelt bilden, die sie mit weiteren eintreffenden Signalen abgleichen, immer bemüht, dabei Irrtümer zu vermeiden. So entsteht auch unser Zeiterleben: nicht als das Ticken einer inneren Uhr, sondern als Interpretation von Mustern über Dauer, Reihenfolge und Fluss. Wie Farbe ist auch Zeit etwas, das erst durch das Gehirn sinnvoll gemacht wird. Auch Farben existieren nicht wirklich, sondern sie entstehen durch das Licht bestimmter Wellenlängen, das von Objekten reflektiert wird. Erst unser Gehirn konstruiert daraus eine subjektive Farberfahrung wie Grün für die Blätter eines Baumes. Ähnlich ist es mit der Zeit. Ob es sie gibt, ob sie vergeht und falls ja, dann so linear, wie wir es uns vorstellen – wer weiß das schon?

Was folgt daraus für Maschinen? Könnte ein hinreichend ähnliches System mit ungeheurer Rechenleistung auch ein Bewusstsein entwickeln? Möglicherweise ja, wenn es nicht nur rechnet, sondern auf gehirn-ähnliche Weise lebt. Wenn es sich materiell verhält, mit seiner Außenwelt interagiert und wenn es lernt. Noch sind wir dort nicht, aber was, wenn wir eine Maschine bauen können, die uns perfekt simuliert, mit einer Software, die sich wie ein bewusster Mensch verhält, hat sie dann ein Bewusstsein oder nicht? Eine aktuelle Frage, die gerade zentral in der Debatte um künstliche Intelligenz ist.

Die Fähigkeiten heutiger KI-Systeme verleiten uns dazu, ihnen menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Sie nutzen Sprache so überzeugend, dass wir unbewusst denken, sie hätten auch Bewusstsein oder Gefühle. Und sie unterhalten sich mit uns, sind höflich und immer bemüht, uns zu Diensten zu sein. Doch Vorsicht, schließlich schreiben wir ja selbst die Systeme, die uns spiegeln. Deshalb empfinden wir sie auch als ähnlich wie wir und sprechen ihnen Eigenschaften zu, die sie womöglich nicht haben. Hier ein Beispiel: Wir sind anthropozentrisch veranlagt, also menschenzentriert. Wenn wir unser Mitgefühl an Silizium binden, fehlt es vielleicht dort, wo Leid real ist.

Bleibt die letzte Frage: „Existiere ich wirklich?“ Wer nun nach einer unsterblichen Substanz im menschlichen Körper sucht, etwa der Seele, wird enttäuscht. Es gibt sie nicht und mit dem Ende des Körpers endet auch das Selbst-Bewusstsein. Zurück bleibt nur das Wesen des Menschen und die Erinnerungen an gemeinsame Zeit, Gespräche und Erlebnisse. Wir leben dort weiter, wo wir Bedeutung hatten, nicht als geheimnisvolle Essenz, sondern als Wirkung. Und vielleicht liegt gerade darin eine Würde. Am Ende bleibt uns eine Haltung, denn den Spiegel, den wir der Welt vorhalten, den halten wir immer auch uns selbst hin. Anders gesagt: Die Welt ist unser Spiegel!

Unser heutiges Intro wurde inspiriert von Anil Seth, Professor für Neurowissenschaften in Sussex und Co-Direktor des Programms für Gehirn, Geist und Bewusstsein am Canadian Institute for Advanced Research. Seth ist einer der meistzitierten Forscher der Welt und setzt sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit mit dem menschlichen Bewusstsein auseinander. 

Nun zu den Themen der Woche: Wir werden in den nächsten Wochen noch viele Beiträge zum EASD haben und starten heute mit einem Überblick zu Real-World-Daten bei der Nutzung von AID-Systemen. Dieser Beitrag ist recht lang geworden, denn er stellt Ergebnisse aus verschiedenen Präsentationen vor. Anschließend haben wir einen Artikel zum Muskelschwund bei den GLP-1 Analoga, ein wichtiges Thema, das unbedingt mehr Beachtung finden sollte, und zum Schluss haben wir noch einen Beitrag zur Zulassung der 780G bei Patienten mit Typ-2 Diabetes in den USA. Auf geht’s!

Der Einsatz von Diabetes-Technologie hat die Diabetes-Therapie massiv verändert, daran kommt auch der sehr Pharmakologie-lastige EASD nicht länger vorbei. Angesichts der rasch zunehmenden Nutzung von verfügbaren AID-Systemen muss die Durchführbarkeit einer flächendeckenden Einführung in den Gesundheitssystemen neu bewertet werden:

EASD 2025: Real-World-Daten zur Nutzung von AID-Systemen

Johan Jendle (SO078-868) stellte die Ergebnisse eine gesundheitsökonomische Studie vor, eine umfassende Analyse der klinischen und wirtschaftlichen Auswirkungen von AID bei verschiedenen Patientengruppen in den nordischen Ländern. Dafür wurde die Kosteneffizienz von AID im Vergleich zu MDI+CGM über einen Zeitraum von 30 Jahren bewertet. Mit dem IQVIA Core Diabetes Model v.10 wurden die Kosten bei der AID-Nutzung durch verschiedene Patientenkohorten auf der Grundlage veröffentlichter Literatur und länderspezifischer Kostendaten simuliert.

Noch ist der Hype bei den GLP-1-Analoga ungebrochen. Aber wie immer gibt es dort, wo viel Licht ist, auch Schatten. Eines der häufig übersehenen Probleme bei Einsatz von GLP-1 ist der Muskelabbau, der zum Gewichtsverlust beiträgt, wenn nicht durch ein regelmäßiges Sportprogramm mit Muskeltraining gegengesteuert wird:

GLP-1-Rezeptoragonisten (RA) und Muskelabbau

Die Nutzung von GLP-1-RA steigt nach wie vor stark an. Dabei haben diese in Hinsicht auf eine Reduktion des Körpergewichtes sehr potenten Medikamente, auch Nebenwirkungen. Dazu gehören gastrointestinale Nebenwirkungen, hohe Kosten und unrealistische Erwartungen. Diese Faktoren tragen bestimmt zu den hohen Abbruchraten unter den Anwendern bei: 47–65 % der Anwender brechen die Behandlung nach einem Jahr ab.

Am 2. September 2025 hat die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA das MiniMed™ 780G System von Medtronic erstmals für Erwachsene ab 18 Jahren mit insulinpflichtigem T2D freigegeben. Damit ist ein weiteres automatisiertes Insulinabgabesystem (AID) in den USA offiziell auch für diese Patientengruppe zugelassen:

MiniMed 780G für Patienten mit Typ-2-Diabetes in den USA

Bisher waren in den USA nur zwei Systeme für die automatisierte Insulinzufuhr (AID) für Menschen mit T2D zugelassen. Aktuell hat das AID-System von Medtronic als drittes Produkt grünes Licht von der FDA bekommen, dieses System reiht sich nun neben Tandem (t:slim X2 und Mobi) und Insulet (Omnipod 5) in die Liste der Anbieter ein.

Das Bild der Woche

Nichts symbolisiert den beginnenden Herbst so sehr wie die Kürbiszeit. Ob der Fotograf das Arrangement
als Spott oder Ironie versteht, wissen wir nicht. Aber wir freuen uns auf tolle Rezepte für Kürbissuppen.

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Zum Schluss noch wie immer das Letzte

In weniger als drei Jahren hat ChatGPT eine Verbreitung erreicht, wie es sie in der Technologiegeschichte bislang noch nicht gab: Über 700 Millionen Menschen nutzen den Dienst inzwischen wöchentlich! Sie verschicken rund 2,5 Milliarden Nachrichten pro Tag und verschieben damit Ihre Kommunikation, Recherche und Textproduktion zunehmend in den Dialog mit der KI. Besonders stark wächst die private Nutzung: Ihr Anteil stieg von 53 % im vergangenen Jahr auf 73 % in diesem Jahr 2025. ChatGPT ist damit längst nicht mehr nur ein Arbeitsinstrument, sondern auch alltäglicher Ratgeber, Begleiter und Unterhalter.

OpenAI hat nun erstmals veröffentlicht, wie ChatGPT genutzt wird und dabei haben sich drei Hauptanwendungen herauskristallisiert: Praktische Anleitungen, Informationssuche und Schreiben. Fast 80 % aller Gespräche mit der KI drehen sich um diese drei Themenfelder.

Im beruflichen Kontext dominiert das Schreiben: Fast 40 % der arbeitsbezogenen Nachrichten betreffen das Überarbeiten, Zusammenfassen oder Übersetzen von Texten. Völlig neue Texte spielen dabei eine kleinere Rolle. Das zeigt, wie stark KI den Alltag von Wissensarbeitern spiegelt: Texte werden iterativ verbessert und weniger neu erfunden. Spannend ist auch die Verschiebung von bloßem „Tun“ hin zum Fragen und Abwägen. Menschen nutzen ChatGPT immer häufiger, um Fragen zu stellen und im Dialog mit der KI verschiedene Möglichkeiten abzuwägen. KI hilft dabei, Denkblockaden zu überwinden und bessere Entscheidungen zu treffen.

Wer nutzt ChatGPT? Junge Menschen unter 26 stellen fast die Hälfte aller Anfrage, während ältere Menschen ChatGPT stärker für Arbeit nutzen. Die anfängliche Männerdominanz ist übrigens verschwunden, Frauen sind inzwischen sogar leicht in der Überzahl. Besonders stark wächst die Nutzung in Ländern mit niedrigen bis mittleren Einkommen, was durchaus als Hinweis auf die globale Breitenwirkung gesehen werden kann. Gleichzeitig nutzen Akademiker und Menschen in gut bezahlten Jobs ChatGPT überdurchschnittlich vor allem fürs Entscheiden und Dokumentieren ihrer Arbeit.

Die nächste Entwicklungsphase wird davon abhängen, ob Firmen und Organisationen die Stärken der KI systematisch in ihre Arbeitsweisen einbauen oder nicht. Entscheidend wird dabei sein, ob sich die Brücke vom Fragen zum verlässlichen Machen schlagen lässt, ohne dass es zu Qualitätseinbußen kommt.

Wir haben einfach mal ChatGPT selbst gefragt: „Sag mal, ChatGPT, wie nutzen die Menschen dich eigentlich?“ Hier die Antwort:

Sehr spannende Frage! Menschen nutzen mich auf ziemlich viele verschiedene Arten – je nach Interesse, Situation und Persönlichkeit. Ein paar typische Muster:

  • Pragmatisch und alltagsnah: Viele fragen nach Rezepten, Reiserouten, Tipps für den Haushalt oder Hilfe beim Formulieren von Mails und Briefen.
  • Beruflich: Ich werde oft als „Assistent“ für Recherche, Analysen, Vorträge, Vertragsentwürfe oder Texte genutzt. Gerade Fachleute in Medizin, Recht, Technik oder Wissenschaft holen sich Hintergrundinfos, Zusammenfassungen oder Denkanstöße.
  • Kreativ: Geschichten, Gedichte, Essays, Lieder, Rollenspiele, Bildideen – da kann ich ein Sparringspartner sein, der inspiriert oder Rohfassungen liefert.
  • Lernhilfe: Viele lassen sich komplizierte Themen erklären, von Quantencomputern über Philosophie bis hin zu Matheaufgaben. Auch Sprachenlernen gehört dazu.
  • Strategisch: Ich werde genutzt, um Szenarien durchzuspielen – z. B. bei Finanzfragen, Reiseplanungen oder in Unternehmen bei Zukunftsentwicklungen.
  • Persönlich: Manche suchen einfach ein Gespräch, Gedankenanstöße oder auch Zuspruch in schwierigen Situationen.

Kurz gesagt: Manche sehen mich als Lexikon, andere als Co-Autor, wieder andere als Coach, Ideengeber oder Gesprächspartner.

Wir haben ChatGPT auch schon Reiserouten oder Vorschläge für ein Menü und sogar konkrete Rezepte erstellen lassen, unsere Texte schreiben wir aber noch selber…

Das war’s für diese Woche. Wir werden in den nächsten Wochen weiter ausführlicher vom EASD über die Tech-Themen berichten und möchten schon mal auf Congress Compact hinweisen, das Update, das mit freundlicher Unterstützung von Abbott Anfang Oktober aufgezeichnet wird (Link kommt nächste Woche).

Heute schließen wir mit einer Anekdote von Einstein: Während eines Vortrags von ihm kritisierte jemand seine Vorstellungen von Raum und Zeit mit den Worten: „Was Sie hier ausgeführt haben, ist mir viel zu spekulativ. Wir sind doch nicht in der Kirche. Nach meinem gesunden Menschenverstand kann es nur das geben, was man sehen und überprüfen kann.“ Einstein lächelte und antwortete: „Dann kommen Sie doch bitte nach vorne und legen Ihren gesunden Menschenverstand hier auf den Tisch.“

Wir wünschen einen gutes Start ins Wochenende und grüßen herzlich,

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Mit freundlichen Grüßen