In der US-Fachzeitschrift Diabetes Technology & Therapeutics wurden kürzlich die Ergebnisse einer retrospektiven Single-Center-Studie zur Nutzung von Tandems Control-IQ-System bei Menschen mit Typ-1-Diabetes veröffentlicht [1].
Die von Estelle Godard (Sud-Francilien Hospital), Alfred Penfornis (Universität Paris-Saclay) und Coralie Amadou (Universität Paris-Saclay) geleitete Studie analysierte Daten von 453 Anwendern über einen Zeitraum von Oktober 2021 bis Oktober 2024. Ziel war es, langfristige Muster bei der Kohlenhydratankündigung und der automatisierten Bolusabgabe zu untersuchen.
Als zentrale Kennzahlen dienten dabei:
- der AutoBolus-Prozentsatz (automatische Korrekturboli im Verhältnis zur Gesamtzahl der Boli)
- sowie die täglichen Kohlenhydratankündigungen (Daily Carbohydrate Announcements, DCA).
Während der zweijährigen Beobachtungsphase zeigte sich ein klarer Trend: Die Mahlzeitenankündigungen nahmen kontinuierlich ab, während gleichzeitig der Anteil automatisierter Korrekturboli zunahm.
Trotz dieser Veränderungen blieben die glykämischen Ergebnisse relativ stabil. Die Time-in-Range (TIR) sank lediglich leicht von 61 % auf 58 %, während die Time-below-Range (TBR) mit etwa 1,8 % unverändert niedrig blieb. Dies deutet darauf hin, dass die stärkere Nutzung automatischer Boluskorrekturen nicht zu einem erhöhten Hypoglykämierisiko führte.
Der durchschnittliche Glucosewert lag bei 177 mg/dl, entsprechend einem GMI von 7,6 %. HbA1c-Werte wurden in dieser Studie nicht berichtet.
Über die gesamte Kohorte hinweg war das Control-IQ-System im Durchschnitt 87 % der Zeit aktiv, was auf eine relativ stabile Nutzung über zwei Jahre hinweist – etwa einem Tag pro Woche, an dem das System nicht aktiviert war. Unklar bleibt allerdings, wie Nutzer auf Systemwarnungen bezüglich Inaktivität reagierten und ob sich dies auf die Ergebnisse auswirkte.
Während der aktiven Nutzung zeigten sich mehrere interessante Verhaltensmuster:
- Der AutoBolus-Prozentsatz stieg pro Quartal um etwa 0,4 % und erreichte schließlich 61 %.
- Die tägliche Kohlenhydratmenge sank von 132 g auf 100 g pro Tag.
- Die vom Nutzer initiierten Bolusgaben gingen leicht zurück, während die automatisierten Boli zunahmen.
Die meisten Teilnehmer bewegten sich dabei in einem AutoBolus-Bereich zwischen 50 % und 75 %. Auffällig war, dass der Anteil automatischer Boli umgekehrt proportional zur Zahl der Mahlzeitenankündigungen war – und dass sich dieser Zusammenhang im Laufe der Zeit sogar noch verstärkte.
Die Forscher interpretieren dieses Muster nicht als mangelndes Engagement der Nutzer, sondern als adaptives Verhalten im Alltag: Wenn Mahlzeiten weniger konsequent angekündigt werden, kompensiert das System dies teilweise durch automatische Korrekturen.
Interessant ist zudem, dass die durchschnittliche TIR in dieser Kohorte unter den häufig berichteten Real-World-Werten von über 70 % lag. Die Autoren führen dies auf die bewusst niedrigschwellige Verschreibungspraxis ihres Zentrums zurück. Während viele Programme AID-Systeme vor allem sehr engagierten Patienten anbieten, setzt diese Klinik gezielt auch auf Nutzer mit schlechter Ausgangskontrolle oder begrenzter Erfahrung beim Kohlenhydratzählen.
Die Ergebnisse könnten daher besonders für Kliniker relevant sein, die zögern, automatisierte Systeme bei vermeintlich „weniger engagierten“ Patienten einzusetzen.
Fazit: Die Studie liefert weitere Hinweise darauf, dass AID-Systeme auch bei wechselnder Nutzeraktivität stabil funktionieren können. Automatische Korrekturboli scheinen versäumte oder ungenau geschätzte Mahlzeiten teilweise kompensieren zu können.
Gleichzeitig werfen die Ergebnisse neue Fragen auf:
- Könnte der AutoBolus-Anteil künftig ein klinisch hilfreicher Parameter sein, um Patienten zu identifizieren, die von zusätzlicher Schulung oder Algorithmus-Optimierung profitieren?
- Wie können zukünftige Algorithmen die Abhängigkeit von Mahlzeitenankündigungen weiter reduzieren, ohne die Time-in-Range zu verschlechtern?
- Und wie sollten künftige Studien neben HbA1c stärker TIR-basierte Endpunkte berücksichtigen?
Die Daten legen jedenfalls nahe, dass moderne AID-Systeme auch dann noch glykämische Vorteile bieten können, wenn Nutzer nicht jede Mahlzeit ankündigen – ein weiterer Schritt auf dem Weg zu stärker automatisierten Therapiesystemen.
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