Zu den Herausforderung der Diabetesklassifikation im klinischen Alltag diskutierten in einer der letzten Sitzungen des Kongresses der EASD (European Association for the Study of Diabetes) 2025 Andy Jones von der Universität Exeter und Mark Strachan (Western General Hospital, Edinburgh) die anhaltenden Probleme bei der Klassifizierung von Diabetes bei Erwachsenen. Beide betonten, dass Fehldiagnosen nicht nur häufig, sondern auch klinisch relevant sind – mit unmittelbaren Konsequenzen für Therapieentscheidungen.
Andy Jones erläuterte die diagnostischen Schwierigkeiten bei der Abgrenzung von T1D und T2D. Während T1D durch einen absoluten Insulinmangel und T2D durch einen relativen Insulinmangel gekennzeichnet ist, erlauben klassische klinische Merkmale wie Manifestationsalter, BMI, Ketonstatus oder Geschwindigkeit des Krankheitsbeginns oft keine eindeutige Zuordnung. Zwar ist das Alter bei Diagnosestellung der stärkste einzelne Prädiktor – die überwiegende Mehrheit der Neuerkrankungen bei älteren Erwachsenen ist T2D –, doch bleibt die Diagnose eines spät manifesten T1D besonders herausfordernd.
Inselautoantikörper gelten weiterhin als wichtigster Marker für die initiale Diagnosestellung und als guter Prädiktor für den zukünftigen Verlauf der endogenen Insulinsekretion. Für aktuelle Therapieentscheidungen sind sie jedoch nur eingeschränkt hilfreich. Hier kommt dem C-Peptid eine besondere Rolle zu: Es spiegelt die verbleibende endogene Insulinproduktion wider und ist damit vor allem bei länger bestehendem Diabetes ein klinisch relevanter Marker für Therapieplanung und Intervention.
Studien aus dem Vereinigten Königreich zeigen, dass bei 58 % der erwachsenen, autoantikörpernegativen Personen mit vermeintlichem T1D durch C-Peptid- und Gentests tatsächlich ein T2D bestätigt werden konnte. Gleichzeitig ist das Vorhandensein von Autoantikörpern allein kein sicherer Beweis für einen T1D. Jones plädierte daher für die konsequente Umsetzung internationaler Leitlinien, die bei Erwachsenen mit Verdacht auf T1D routinemäßige Biomarker-Tests empfehlen – und dafür, negative Autoantikörperbefunde nicht als Ausschlusskriterium für T1D zu missverstehen.
Strukturierte Diagnostik: Biomarker im Zusammenspiel
Mark Strachan stellte einen praxisnahen Diagnosealgorithmus vor, der drei Säulen kombiniert:
- C-Peptid-Messung
- Inselautoantikörper-Testung
- Gentests
In einer Studie mit 859 untersuchten Personen identifizierte dieser Ansatz 114 Patientinnen und Patienten mit C-Peptid-Werten über 200 pmol/L. Insgesamt wurden 58 Personen (7 %) neu klassifiziert, darunter 44 als T2D und 14 mit monogenem Diabetes. Diese relevante Reklassifizierungsrate unterstreicht die diagnostischen Defizite der bisherigen Praxis und spricht für den routinemäßigen Einsatz von C-Peptid-Messungen – auch aus gesundheitsökonomischer Sicht.
Strachan verwies zudem auf das nationale Biomarker-Programm in Schottland: Bereits 2021 führte dieses Land als erstes weltweit routinemäßige C-Peptid-Bluttests zur Verbesserung der Diagnosegenauigkeit ein. Von den aktuell rund 37.000 Menschen mit T1D-Diagnose in Schottland haben inzwischen etwa 45 % mindestens eine C-Peptid-Messung erhalten. Allerdings bestehen weiterhin erhebliche regionale Unterschiede, da die Umsetzung stark von individuellen Entscheidungen der Behandler abhängt.
C-Peptid als regulatorischer Endpunkt
Auch regulatorisch gewinnt C-Peptid an Bedeutung. Beim Diabetes Technology Meeting 2025 erläuterte Alexander Fleming (Kinexum) die veränderte Haltung der Food and Drug Administration: Während C-Peptid bislang lediglich als Surrogat-Endpunkt für die Betazell-Erhaltung galt, wird es nun als Biomarker anerkannt, der einen klinischen Nutzen krankheitsmodifizierender Therapien – etwa immunmodulatorischer Ansätze – vorhersagen kann.
Damit eröffnet sich die Möglichkeit beschleunigter Zulassungsverfahren, sofern Studien einen klinischen Nutzen über C-Peptid-Messungen belegen. Gleichzeitig bleiben diese Phase-3-Studien extrem anspruchsvoll: Sie dauern oft fünf Jahre oder länger, sind komplexer als klassische Stoffwechsel- oder kardiovaskuläre Endpunktstudien und mit erheblichen methodischen und finanziellen Hürden verbunden. C-Peptid gilt dabei als besonders geeigneter Marker, da es die endogene Insulinsekretion zuverlässiger abbildet als periphere Insulinspiegel.
Die hohen Anforderungen erschweren es vielen Unternehmen, Investoren für die Entwicklung krankheitsmodifizierender T1D-Therapien zu gewinnen. Fleming sprach sich daher klar für eine stärkere regulatorische Verankerung von C-Peptid aus – verbunden mit der dringenden Notwendigkeit, Messverfahren und Assays zu standardisieren.
Relevanz für Versorgung und Erstattung
In den USA spielt C-Peptid zudem eine zentrale Rolle bei der Kostenübernahme für automatisierte Insulindosierungssysteme (AID): Aktuelle Erstattungskriterien verlangen dort das Vorliegen von niedrigen C-Peptid-Werten, wodurch potenziell geeignete Nutzerinnen und Nutzer von AID-Systemen ausgeschlossen werden.
Fazit: Die wachsende Bedeutung des C-Peptids in Diagnostik, Therapieplanung und Regulierung steht im deutlichen Kontrast zu einem zentralen Problem: Die Messergebnisse bei der Bestimmung von C-Peptid unterscheiden sich teils erheblich je nach verwendetem Assay. Eine internationale Standardisierung ist daher zwingend erforderlich. In den USA laufen hierzu bereits entsprechende Initiativen. In Deutschland plant die Kommission für Labordiagnostik in der Diabetologie ein Treffen mit Herstellern von C-Peptid-Assays im Mai 2026 in Berlin – ein wichtiger Schritt, um die klinische und regulatorische Nutzung dieses Schlüsselfaktors nachhaltig zu verbessern.
- Schleicher E, Kabytaev K, Nauck M, Müller-Wieland D, Peter A, Little RR, et al. Call for Standardization of C-Peptide Measurement. Journal of Diabetes Science and Technology. 0(0):19322968251362848. doi: 10.1177/19322968251362848. PubMed PMID: 40781799.
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