Es ist kaum zu glauben, dass erst zehn Jahre vergangen sind, seit mit der MiniMed 670G die erste kommerzielle Lösung eines AID-Systems auf den Markt kam. Das Open-Source-System OpenAPS war sogar schon ein Jahr früher da. Seitdem hat sich viel getan, technologisch, regulatorisch und vor allem in der breiten Versorgung von Diabetes-Patientinnen und -Patienten.
Heute nutzen weltweit rund 1,5 Millionen Menschen ein AID-System, mit stark steigender Tendenz. Die allermeisten davon sind Menschen mit Typ-1-Diabetes, aber auch Menschen mit Typ-2-Diabetes entdecken zunehmend die Vorteile der automatischen Insulindosierung. Die Zahl neuer Nutzer wächst jährlich um mehrere Hunderttausend, das ist ein Tempo, von dem andere Innovationen in der Medizin nur träumen können.
Was macht AID so attraktiv?
Diese Systeme, die oft auch als „künstliche Bauchspeicheldrüsen“ bezeichnet werden, passen die Insulindosierung in Echtzeit an den Glucoseverlauf an. Ein CGM-System liefert die Glucosedaten, eine Insulinpumpe liefert die jeweils passende Menge an Insulin und ein Algorithmus sorgt für das korrekte Zusammenspiel. Allerdings ist der Regelkreis noch nicht ganz geschlossen: Mahlzeiten müssen weiterhin angekündigt werden, und in besonderen Situationen wie Sport, Reisen oder Schwangerschaft braucht es ebenfalls noch manuelle Eingriffe. Trotzdem gilt: Die Glucosekontrolle bei Diabetespatientinnen und -Patienten hat sich im letzten Jahrzehnt deutlich verbessert – und zwar nachweisbar.
Der Markt ist inzwischen breiter aufgestellt als je zuvor. In den USA sind aktuell u.a. das MiniMed 780G, die Tandem t:slim X2 und Tandem Mobi mit Control-IQ+, der Omnipod 5 und das iLet-System von Beta Bionics verfügbar. Sequel steht mit „twiist“ bereits in den Startlöchern und auch für Menschen mit Typ-2-Diabetes liegen mittlerweile zwei zugelassene Systeme vor, weitere Anträge zur Zulassung sind eingereicht.
Parallel dazu explodieren die Diabeteszahlen: Die International Diabetes Federation geht für 2024 von 589 Millionen Menschen mit Diabetes weltweit aus, ein Anstieg um 290 % seit dem Jahr 2000, als es noch geschätzte 151 Millionen waren. Über neun Millionen der von Diabetes Betroffenen leben mit einem Typ-1-Diabetes. Zum Vergleich: Rund zehn Millionen Menschen nutzen heute ein CGM, eine Technologie, die bereits seit über zwei Jahrzehnten existiert. AID wird diesen Weg vermutlich wiederholen, nur sehr viel schneller.
Doch der Weg zur breiten Nutzung ist kein Selbstläufer. Viele Menschen müssen erst Vertrauen entwickeln: Jahrzehntelang selbst zu steuern und dann einem Algorithmus die Kontrolle zu übergeben, ist ein großer Schritt. Die Parallele zur ersten Fahrt in einem fahrerlosen Taxi ist nicht weit hergeholt. Hinzu kommen handfeste Barrieren:
- Kosten und Zugang, die je nach Gesundheitssystem erheblich variieren
- Komplexität und die Sorge, etwas falsch zu machen
- technologische Grenzen, etwa bei Mahlzeiten oder besonderen Situationen
- praktische Hürden wie Pumpengröße, Wasserdichtigkeit, Batterielaufzeit
- und nicht zuletzt die entscheidende Rolle der Diabetesberatung.
Hausärzte sind mit AID-Systemen häufig noch wenig vertraut. Eine gute Einführung braucht auch Zeit, eine strukturierte Schulung und anfänglich eine engmaschige Begleitung, das sind Ressourcen, die im Versorgungsalltag oft knapp sind. Fehlende Unterstützung in der Startphase ist einer der häufigsten Gründe, warum Nutzer die AID-Nutzung wieder aufgeben.
Und trotzdem geht die Entwicklung rasant voran. Die Insulinpumpen werden kleiner und handlicher, Infusionssets halten inzwischen bis zu sieben Tage, und selbst Kleinkinder können heute sicher mit AID-Systemen behandelt werden. Der nächste große Schritt ist ein vollständig geschlossener Regelkreis, der auch Mahlzeiten automatisiert erkennt und abdeckt. Daran wird weltweit gearbeitet – akademisch wie industriell.
Was es zusätzlich braucht? Vor allem einfache Systeme, die intuitiv funktionieren und möglichst viel von der Komplexität im Hintergrund verschwinden lassen, besonders für Menschen mit Typ-2-Diabetes und für die Betreuung durch Hausärzte. Technik sollte den Alltag erleichtern und nicht dominieren.
Auch wenn die AID-Systeme zu den wirkungsvollsten Innovationen der Diabetologie gehören – ihr Potenzial kann sich nur dann entfalten, wenn Nutzer, Behandler, Technologie und Unterstützung zusammenspielen. Die kommenden zehn Jahre werden entscheidend dafür sein, ob AID von einer spezialisierten Option zu einem echten Versorgungsstandard wird.
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